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Zürcher Fans jagen sich Schals als Trophäen ab – mit Gewalt

Militante FCZ- und GC-Anhänger gehen gezielt aufeinander los und klauen sich Fan-Utensilien. Diese stellen sie später zur Schau.

Vermummte GC-Anhänger verbrennen am letzten Derby vom 23. Juli FCZ-Utensilien.
Vermummte GC-Anhänger verbrennen am letzten Derby vom 23. Juli FCZ-Utensilien.
Reto Oeschger

Was sich einige, vor allem junge FC-Zürich-Fans derzeit leisten, ist weit mehr als ein harmloses Räuber-und-Poli-Spiel: «Es ist nur eine Frage der Zeit, bis etwas Schlimmes passiert», sagt ein langjähriger GC-Anhänger. Er selber trage die Clubutensilien nicht mehr offen auf dem Weg zum Fussballstadion – er habe kein Interesse daran, von gewalttätigen Anhängern aus der Südkurve verprügelt zu werden. Denn Schals, Jacken oder Jacken mit dem Logo sind bei den militanten Fans eine begehrte Trophäe.

So wurden beispielsweise am letzten Samstagabend im Bereich der Viaduktbögen im Kreis 5 rund 40 GC-Anhänger von 50 bis 100 teilweise vermummten FCZ-Fans angegriffen, wie eine Mutter eines 16-jährigen Grasshopper-Fans schildert. Ihr Sohn wurde beim Angriff bewusstlos geschlagen, und ihm wurden Jacke und T-Shirt vom Leib gerissen. Der Bursche erlitt neben Prellungen am ganzen Körper einen Oberkieferbruch und verlor einen Zahn; drei weitere Zähne wurden beschädigt, wie seine Mutter Redaktion Tamedia sagt. Sie hofft, dass sich Zeugen der brutalen Attacke bei der Stadtpolizei melden.

«Es gibt keine Hemmschwellen mehr»

Der 16-Jährige war nicht der Einzige, der am Schluss auf dem Boden lag. Laut dem zuständigen Staatsanwalt Edwin Lüscher seien noch zwei andere GC-Fans niedergeschlagen worden. Was ihn beim Anschauen eines Handyfilms erschreckte, das ein Zeuge gemacht habe, sei die Brutalität, wie auf die schon wehrlosen Opfer am Boden weiter eingeschlagen wurde: «Es gibt keine Hemmschwellen mehr.»

Redaktion Tamedia weiss auch von einem anderen Fall, wo in einer Agglomerationsgemeinde ein Jugendlicher auf dem Nachhauseweg von FCZ-Fans gezielt abgepasst und zusammengeschlagen wurde und auch ihm Schal und Jacke gestohlen wurden. Eine Anzeige machte er nicht: Wie viele andere Opfer ging er aus Angst oder aus falsch verstandenem Ehrenkodex nicht zur Polizei.

Ein langjähriger Besucher von Fussballspielen schrieb in einem Leserbrief an den TA: «Nicht erst seit den wüsten Ausschreitungen nach dem Abstieg 2016 fragt man sich, warum der gewaltbereite Teil scheinbar mächtiger ist denn je. Wer seine Gegner nach dem Wiederaufstieg 2017 mit dem Spruch ‹Jetzt ist der Albtraum von euch allen wieder zurück› willkommen heisst, kann das kaum als Ironie verstehen.» Im Gegenteil: Die Vorkommnisse am Derby vom 23. Juli hätten gezeigt, wie diese Aussage gemeint sei. «Unter dem Johlen von Tausenden Kehlen wurden Hunderte Jacken, T-Shirts, Trikots und Schals von Grasshopper-Fans verbrannt.» Kurze Zeit später verbrannten auch GC-Anhänger FCZ-Utensilien in ihrer Fankurve.

Eine Mutter eines FCZ-begeisterten Sohns spricht von «GC-Säuberungen». So herrsche bei den militanten FCZ-Fangruppierungen eine klare Hierarchie, deren Nichtbefolgen sofort bestraft werde. Wer sich dem Gebaren einzelner Chaoten widersetzt, wird selbst zu einem Opfer. Den FCZ-Fans sei sämtlicher Kontakt zu Fans der Grasshoppers verboten. «Wer seinen Freundeskreis nicht entsprechend anpasst, der ist in der Fankurve nicht mehr erwünscht.»

Angriffe auf dem Weg zum GC-Lokal

Den einzelnen Vorfällen liegt ein Muster zugrunde: Die militanten FCZ-Fans sind meist jung. Abgepasst werden die GC-Fans vielmals auf dem Weg zu ihrer Clubbeiz Sächs Foif an der Heinrichstrasse im Kreis 5, deren Name sich auf den legendären Cup-Halbfinal im März 2004 bezieht, als GC nach einem 5:2-Rückstand gegen den FCZ in den letzten Minuten einen 6:5-Sieg herausholte.

So kam es am 4. Februar zu einem Messerangriff auf einen GC-Fan vor dem Fanlokal. Dieser wurde leicht verletzt. Laut Staatsanwalt Edwin Lüscher konnten fünf Personen verhaftet werden. Das Verfahren musste aber mangels Beweisen eingestellt werden.

Laut dem Staatsanwalt, der bei der sogenannten Krawallgruppe für Gewaltdelikte im Umfeld von Sportanlässen und Demonstrationen zuständig ist, haben sich die körperlichen Auseinandersetzungen zwischen den Fangruppierungen grösstenteils vom Stadion weg in die Stadt verlagert, unter anderem zum Fanlokal der Grasshoppers. Lüscher ist immer wieder überrascht, mit welchem Hass die Gruppierungen aufeinander losgehen, handle es sich beim Fussball doch um ein Spiel und nicht um eine politische Auseinandersetzung. So konnte er am letzten Stadtderby vom 23. Juli einen FCZ-Fan beobachten, der einem GC-Fan auf dem Velo nachrannte: «In seinen Augen war purer Hass.»

Lüscher gibt aber zu bedenken, dass solche Aggressionen und Diebstähle nicht einzig von FCZ-Fans ausgehen, sondern auch von militanten GC-Anhängern. Ein berüchtigtes Beispiel liegt schon einige Jahre zurück. 2011 hatten GC-Fans verschmierte FCZ-Fahnen in die Höhe gehalten und angezündet, worauf einige FCZ-Fans durchdrehten, eine Pyrofackel in den GC-Sektor warfen und das Spiel schliesslich abgebrochen wurde.

Verhaftungen bei Fanmärschen und ums Stadion

Dass die Polizei Verhaftungen machen kann, ist selten. Denn es komme kaum zu Anzeigen, wie Michael Walker, Sprecher der Stadtpolizei, sagt. Und wenn, habe man meist zu wenig sachdienliche Angaben, die einen Täter überführen könnten. Zwar habe die Stadtpolizei im letzten Jahr insgesamt 79 Personen aus dem Sportumfeld bei Tathandlungen identifizieren und gegen sie ein Verfahren einleiten können. Es habe sich dabei aber um Abbrennen von Pyros oder Landfriedensbruch bei Fanmärschen oder Ereignissen rund ums Stadion gehandelt, sagt Michael Walker.

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