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Vergessenes Kulturgut im Gestrüpp

In vielen Wäldern verbergen sich teils sehr alte Grenzsteine. Um besonders wertvolle Objekte vor dem Zerfall zu retten, erfasst die kantonale Denkmalpflege die wichtigsten.

«Zeugen der Geschichte»: Marchstein bei Winterthur. Foto: Martin Huber
«Zeugen der Geschichte»: Marchstein bei Winterthur. Foto: Martin Huber

Es ist eine Art verborgene Grenze: Im Winterthurer Brühlbergwald, nahe beim Aussichtsturm, aber abseits der Feldwege, stösst man im Dickicht auf teils imposante Grenzsteine. Die von Moos bedeckten Steine stehen in einem Abstand von rund zwanzig Metern. Einige ragen über einen halben Meter aus dem Laub, andere bloss rund zwanzig Zentimeter, wieder andere stehen schräg oder liegen umgekippt auf dem Waldboden. Alle Steine weisen eingravierte Zahlen auf – von 59 bis 70, dann verliert sich die Spur.

Bei den Steinen handelt es sich um Muschelsandsteinkuben aus dem 19. Jahrhundert, wie der Historiker Thomas Specker sagt. Der Zürcher spürt seit 2008 im Auftrag der kantonalen Denkmalpflege historische Grenzsteine im Kanton auf, um sie zu inventarisieren. Das Denkmalpflegeinventar soll alle historisch wertvollen Landes-, Kantons-, Parzellen- und Gemeindegrenzsteine erfassen, die vor 1900 in Zürcher Böden gesetzt wurden.

Schräg am Strassenrand: Alter Grenzstein zwischen Winterthur und Pfungen.
Schräg am Strassenrand: Alter Grenzstein zwischen Winterthur und Pfungen.
Martin Huber
Historisch: Grenzstein aus dem 19. Jahrhundert im Winterthurer Brühlbergwald, mit dem vermutlich eine Waldkorporation ihr Gebiet markierte.
Historisch: Grenzstein aus dem 19. Jahrhundert im Winterthurer Brühlbergwald, mit dem vermutlich eine Waldkorporation ihr Gebiet markierte.
Martin Huber
Eigenwillig: Ausgehöhlter Marchstein neueren Datums auf der Grenze Brütten/Winterthur.
Eigenwillig: Ausgehöhlter Marchstein neueren Datums auf der Grenze Brütten/Winterthur.
Martin Huber
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Auch die Steine im Brühlbergwald hat Specker erfasst, und zwar 2013. Die Steine stehen auf einer längeren Parzellengrenze, vermutlich das Grundstück einer Waldkorporation. Der Grenzverlauf entspricht zudem ziemlich genau der Grenze zwischen den bis zur Stadtvereinigung 1922 eigenständigen Gemeinden Winterthur und Wülflingen.

«Mit den Steinen hat wohl eine grössere Winterthurer Waldkorporation ihre Grenzen vermarcht», sagt Specker. Aussergewöhnlich seien die Objekte weniger wegen ihres Alters als wegen ihrer stattlichen Grösse. Diese widerspiegle wohl auch «die grosse Bedeutung, die damals der Wald als nutzbare Ressource hatte».

Die alten Steine sind stark gefährdet.

Überall im Kanton, auch in der Stadt Zürich, finden sich in Wäldern solche alten Steine. Viele Gemeinden haben laut Specker im 19. Jahrhundert ihre Grenzen im Wald aufwendig mit Marchsteinen versehen. Ein auffälliges Beispiel bildet etwa die Bülacher Gemeindewaldgrenze auf dem Rhinsberg.

Das Datieren der Steine ist nicht immer einfach. Jahreszahlen findet man auf den Steinen eher selten. Eine grobe Zuweisung ermöglicht oft das Material. Granite oder Gneise nutzte man meist erst nach etwa 1900, Tuffstein eher vor 1800. Grenzsteine aus dem häufig lokal vorkommenden Muschelsandstein seien eher dem 19. Jahrhundert zuzuweisen.

An einigen Stellen im Kanton wurden Grenzpunkte bis ins 20. Jahrhundert hinein auch mit Astschlingen gekennzeichnet. Auch Markierungen in Baumrinden kamen vor.

Für Specker sind Grenzsteine ein «faszinierendes Kulturgut und wertvolle Zeugen der Geschichte», wie er sagt. Doch die alten Steine seien stark gefährdet. Nicht nur, weil sie von der Natur zugedeckt werden, in Vergessenheit geraten oder von Sammlern abgezügelt werden. Sondern auch, weil sie durch Forstmaschinen beschädigt oder umgerammt werden.

Bereits 2700 Steine erfasst

Das kantonale Grenzsteininventar soll dazu beitragen, dass besonders wertvolle Objekte erhalten bleiben und wo nötig Schutzmassnahmen ergriffen werden. Bislang wurden laut Specker über 2700 Steine inventarisiert.

Nun steht das Inventar vor dem Abschluss, wie Markus Pfanner, Sprecher der kantonalen Baudirektion, auf Anfrage sagt. «Die Erhebungen über das ganze Kantonsgebiet werden 2019 abgeschlossen. Ausser in der Stadt Zürich. Hier ist noch offen, wann die Erhebung beendet wird.» 2020 erfolgt die Triage zur Einstufung der überkommunalen Einzelobjekte oder Ensem­bles, anschliessend will das kantonale Amt für Raumentwicklung das Inventar festsetzen.

Bis anhin sind elf Grenzsteine an der Kantonsgrenze im Inventar der schutzwürdigen Objekte aufgeführt: Eglisau (Baujahr 1596), Fischenthal (1823), Rüti (2 Steine von 1632 und 1688), Wald (keine Jahresangabe), Laufen-Uhwiesen (4 Steine von 1747, 1756, 1759 und 1781) und Maschwanden (2 Steine von 1537).

Laut Pfanner gelten Grenzsteine als historische Zeugen der Kulturgeschichte und fallen unter das Planungs- und Baugesetz. Die unrechtmässige Entfernung eines Grenzsteins gelte als Straftatbestand und werde von der Polizei geahndet. Marchsteine stünden bis heute als gültige Grenzzeichen unter einem speziellen Schutz, betont Grenzsteinfahnder Specker.

In früheren Jahrhunderten nahm die Obrigkeit den Schutz wesentlich ernster als heute. Mittelalterliche Gesetzestexte sahen für das Versetzen von Grenzsteinen drakonische Strafen vor – vergleichbar mit jenen wegen Vergehen gegen Leib und Leben.

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