Zum Hauptinhalt springen

Verliebt in den fünften Evangelisten

Schon seit vierzig Jahren spielt Monika Henking in der reformierten Kirche Thalwil die Orgel. Der Abschied naht, er fällt ihr schwer.

Thalwil - Orgelspielen vergleicht Monika Henking, 65, mit Meditieren. Und das tut sie seit fünf Jahren am liebsten früh. Sehr früh. Jeden Tag geht sie um sechs Uhr zu Fuss in die Kirche und setzt sich an eine der beiden Orgeln.

Mit der Kuhn-Orgel aus dem Jahr 1946 kann sie alles spielen, «aber nichts wirklich genial schön». Doch Henking hat sich in den Jahren mit dem grossen Instrument angefreundet. Inzwischen besitzt die Orgel historischen Wert. Anton Heiller etwa, ein weltbekannter Organist, wählte die Thalwiler Orgel in den Fünfzigerjahren des vorigen Jahrhunderts für seine Bach-Einspielungen. Die zweite Orgel befindet sich oben auf der Empore. Auf dieser Orgel von Friedrich Haas spielt Monika Henking nur romantische Stücke, ihr Klang sei aussergewöhnlich, sagt die Thalwilerin.

Monika Henking weiss, welche Musik die Kirchgänger mögen. Aber noch viel besser weiss sie, was ihr selbst gefällt: Orgelmusik und vor allem die Musik von Johann Sebastian Bach. Bach ist für Henking wie eine grosse Liebe, er ist «zentral und wichtig» für sie. Sie ist berührt von seiner Musik. «Manche sagen, er ist der Fünfte Evangelist. Ich finde das keine Übertreibung», sagt sie.

Wenige Sonntage bleiben

Seit vierzig Jahren sitzt Henking praktisch jeden Sonntag an der Orgel in der reformierten Kirche Thalwil. Mit ihrem Instrument will die Musikerin ein Stück Kultur vermitteln. «Gehaltvolle, gute Musik», wie sie es nennt. Ihr Jubiläum feiert sie gleich an zwei Sonntagen. Am letzten Sonntag gab sie ein Orgelkonzert. Am kommenden Sonntag folgt nun die Kür: ein Orchesterkonzert mit der Organistin am Cembalo. Sie spielen das fünfte Brandenburgische Konzert von Bach und ein Capriccio, komponiert von ihrem Mann Franz Rechsteiner.

Die Musik ist für Henking ein Zugang zum Glauben. Sie weicht aus bei der Frage, ob sie sich als gläubigen Menschen bezeichnen würde. «Ich bin vorsichtig mit der Frömmigkeit», sagt sie. Denn manchmal habe sie Zweifel und frage sich: «Wohin hat uns das Christentum geführt?»

Nur noch wenige Sonntage bleiben Henking in der Kirche Thalwil. Im März geht sie in Pension. Sie wäre gerne noch viel länger geblieben. Der Abschied fällt ihr nicht leicht. Sie sagt: «Es war eine unglaubliche Zeit.» Da klingt es tröstend, dass sie den Schlüssel zur Kirche behalten darf, sofern ihre Nachfolgerin nichts dagegen hat, um weiterhin üben zu können. «Ohne üben geht nichts.»

Touristen störten beim Üben

Sie übt für die Bühne und für ihre Auftritte in der Kirche. Andere Musiker kommen kaum zu so vielen Terminen in der Öffentlichkeit wie eine Organistin. Henking schätzt dies an ihrem Beruf. Auch dass sie neben ihrem 30-Prozent-Pensum bei der Kirche Thalwil Zeit hatte, um 33 Jahre lang als Orgelprofessorin an der Hochschule Luzern Orgel zu lehren und Konzerte zu geben - auf der ganzen Welt. Sie war in Wien, sie war in Japan und in den USA.

Ihren schwierigsten Auftritt hatte Henking in Venedig, im Markusdom. Die Zeit, um die Orgel kennenzulernen und sich vorzubereiten, wurde von den Organisatoren auf ein Minimum beschränkt. Der Dom blieb für die Touristen geöffnet, die Besichtigung führte direkt an der Orgel vorbei. «In allen Sprachen wurde ich gefragt, wie viele Register das Instrument hat», sagt sie. Ans Spielen war nicht zu denken.

Der Auftritt danach ging trotzdem «ganz ordentlich», sagt Monika Henking. Ihr Lächeln wirkt freundlich und zugleich streng. Jubiläumskonzert II mit Orchester, Sonntag, 24. Januar, 17 Uhr, in der reformierten Kirche Thalwil. Brandenburgisches Konzert Nr. 5 von Johann Sebastian Bach, Uraufführung des Capriccio von Franz Rechsteiner. Organistin Monika Henking spielt am liebsten Bach. Foto: Michael Trost

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch