Vom Banker zum Erotik-Händler

Bye, bye Bank: Ein neues Zürcher Buch porträtiert 21 Bankangestellte, die umgesattelt haben. Was für Berufe die Ex-Banker nun ergriffen haben.

Sie werden Winzer oder Erotikhändler – die Banker in Matthias A. Weiss' Buch: Das Cover des Buchs.

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Da ist zum Beispiel Marcel Bühler, 1971 geboren und in Greifensee aufgewachsen. Er wäre gern Gärtner geworden, doch ein Berufsberater überredet ihn, mindestens eine Banklehre zu absolvieren. Das gilt als «das Beste, was es gibt». Und tatsächlich findet Bühler Spass an der Arbeit – bis im Jahr 2000 passiert, was er so schildert: «Die Faszination für die Bankenwelt ist mir völlig abhandengekommen.» Auch ein unbezahlter Urlaub von zwei Monaten bringt keine Besserung. Und so kündigt Bühler im Jahr 2001 ins Blaue, verbringt ein paar Wochen in Barcelona, probiert dies und das, absolviert ein Praktikum bei einem Winzer und weiss plötzlich, «dass ich Winzer werden wollte».

Bühler absolviert ein Studium zum Önologen, 2007 kauft er ein altes Weingut im Roussillon in Südfrankreich. Ein gewagter Schritt, denn das Gut lässt sich nicht maschinell bewirtschaften. Bühler pflügt die Rebberge beispielsweise mit dem Pferd. Körperlich ist das eine extreme Umstellung. Doch obwohl er damit viel weniger verdient als früher und jeden Abend todmüde ins Bett fällt, hat der Ex-Banker seinen Schritt nie bereut: «Das Schöne ist, dass ich weiss, was ich alles nicht mehr brauche. Das gibt mir eine unheimliche Freiheit.»

Nicht nur Aussteiger

So oder ähnlich verlaufen alle 21 Lebensgeschichten, die der Richterswiler Theologe und Autor Matthias A. Weiss in seinem Buch «Bye bye Bank» schildert (für eine Leseprobe klicken Sie hier). Stefan Alder etwa liebt seinen Job als Börsenhändler eigentlich, doch irgendwann merkt er, dass er nachts keine Ruhe mehr findet. Heute ist er Reiseleiter, aber auch Reisender und Erlebender, wie er selbst sagt. Rudolf Wötzel erleidet nach einer erfolgreichen Managerkarriere ein Burn-out und wird schliesslich Hüttenwirt im Berggasthof Gemsli in Klosters.

Weiss porträtiert aber keineswegs nur Menschen vom Typ Aussteiger. Viele der 21 Ex-Banker haben zielstrebig eigene Geschäfte eröffnet oder ihre Karriere verfolgt. Was sie alle eint: Irgendwann im Verlauf ihrer Karriere erlebten sie eine Art Sinnkrise. Manche schon früh in ihrem Arbeitsleben, andere erst nach Jahren. Dem späteren Migros-Geschäftsführer Jörg Blunschi ist schon nach Abschluss der Banklehre klar, dass er etwas anderes will. Priska Gehring-Hertli hingegen ist eigentlich zufrieden mit ihrer Arbeit bei der Bank. Doch dann wird sie schwanger und findet keinen Krippenplatz. Kurzerhand eröffnet sie selbst eine Krippe. Im ersten Monat erzielt sie einen Umsatz von 1120 Franken. Doch sie gibt nicht auf, bald führt sie drei Krippen. Thomas Scheurer wiederum macht eine Banklehre, weil er «von den Eltern irgendwie da hineingedrückt» wird, bleibt dennoch ein paar Jahre bei der Bank, doch bald wird ihm langweilig. Als die Schweiz 1992 die einfache Pornografie legalisiert, sieht er das als Chance. Scheurer wird Erotik-Händler.

Besser häppchenweise lesen

Die 21 Porträts geben einen spannenden Einblick in Karrieren, die nicht nach dem üblichen Schema verlaufen, sondern Brüche beinhalten. Sie zeigen Menschen, die bereit sind, alles hinter sich zu lassen, ohne zu wissen, wohin sie das Leben führen wird. Aber auch Menschen, die sehr gezielt ihr eigenes Geschäft aufbauen.

Das alles ist abwechslungsreich zu lesen. Allerdings hätte dem einen oder anderen Porträt etwas mehr Selbstkritik gutgetan, Krisen und Selbstzweifel erscheinen weichgespült. Zwischen den Zeilen ahnt man, dass da vieles weniger glatt gelaufen ist, als es die Porträtierten schildern. Schade auch, macht die Form des Buches die Texte schwerfälliger als nötig. Aufgebaut sind sie als Interviews nach dem stets gleichen Schema, doch wirkt das gesucht, manchmal auch geschwätzig. Vor allem aber ermüden die immer gleichen Fragen wie die folgende: «Warum haben Sie auf einer Bank zu arbeiten begonnen?» oder «Haben Sie eine Botschaft? Wenn ja, welche?» Dennoch ist die Lektüre inspirierend. Man sollte sich das Buch einfach besser häppchenweise zu Gemüte führen.

«Bye bye Bank» ist das dritte in einer Reihe von Büchern mit stets 21 Porträts. Im ersten stellt Weiss Theologinnen und Theologen vor, die den «Sprung über den Kirchenrand» gewagt haben. Im zweiten, das den Titel «Zum Beispiel Richterswil» trägt, geht es um Menschen aus Weiss' Wohngemeinde.

Erstellt: 28.12.2016, 16:23 Uhr

Buchautor Matthias A. Weiss (Bild: zVg.)

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