Vom Nachbarn verfolgt

Eine Frau wird seit Monaten von einem Mann aus der Nachbarschaft belästigt. Bei den Behörden findet sie keine Hilfe. Nun soll ein neues Gesetz bei dieser Art von Stalking helfen.

Bild: Felix Schaad

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Barbara Lehmann* ist nicht der Typ Frau, der sich schnell ins Bockshorn jagen lässt. Im Gegenteil: Sie ist bodenständig, sagt wenn nötig ihre Meinung. Mit schwierigen Menschen hat sie von Berufes wegen Erfahrung.

Aber jetzt flattern ihre Nerven. Seit Monaten stellt ihr ein Mann aus der Nachbarschaft nach. Angefangen hat alles, als sie, wie sie es sagt, «Zivilcourage zeigte»: Sie wies ihn darauf hin, dass er immer wieder zu schnell durchs Quartier fahre. Er ignorierte sie, worauf sie bei der Polizei vorsprach. Diese führte kurz darauf eine Kontrolle durch, ertappte den Schnellfahrer prompt und brummte ihm eine Busse auf.

Seither belästigt dieser Nachbar Barbara Lehmann. Er stopft ihr alte Zeitungen, Karton und anderes in den Briefkasten. Er beschimpft sie auf der Strasse. Einmal findet sie einen Zettel im Briefkasten, darauf steht «blöde Gans» und «Lügnerin» und dass es nichts nütze, wenn sie zur Polizei gehe: «Ich werde bis an mein Lebensende weitermachen.» Dasselbe sagt er ihr auch mündlich.

Zwanzig Anrufe am Tag

Barbara Lehmann ist kein Einzelfall. Es kommt immer wieder vor, dass Menschen von Nachbarn oder mitunter auch von Fremden so sehr belästigt werden, dass sich ihr Leben irgendwann nur noch um dieses Problem dreht. Reinhard Brunner, Chef der Präventionsabteilung der Zürcher Kantonspolizei, spricht von rund sechzig Fällen pro Jahr, in denen die Polizei aktiv wird und eine Anzeige schreibt. In etlichen Fällen finden Beratungen der Opfer statt; Täter werden auf ihr Stalkingverhalten angesprochen, um das Ganze zu stoppen. Bekanntestes Beispiel war Wettermoderator Thomas Bucheli, der von einer psychisch angeschlagenen Frau jahrelang per Mail, SMS und mit Telefonanrufen terrorisiert wurde. Manchmal rief sie ihn an einem Tag zwanzigmal an.

So schlimm ist es bei Barbara Lehmann nicht. Ihr Nachbar lässt sie mitunter wochenlang in Ruhe, dann wieder belästigt er sie jeden zweiten, dritten Tag. «Ich weiss nie, woran ich mit ihm bin», sagt Brunner. Als Opfer will sie sich nicht verstanden wissen, aber sie sagt dennoch: «Ich schaue gestört oft nach, ob er wieder irgendeine Botschaft in meinen Briefkasten geworfen hat.»

«Wir können nichts tun»

Was Lehmann aber viel mehr zusetzt als die Belästigungen an sich, das sind die Erfahrungen, die sie gemacht hat, als sie Hilfe suchte. «Warten Sie nicht zu lange mit einer Anzeige», heisst es in einer Stalking-Informationsbroschüre der Zürcher Kantonspolizei. Doch als Barbara Lehmann die zuständige Beratungsstelle der Stadtpolizei anruft, «hat man mich abgewimmelt. Das sei kein Stalking, sondern ein Streit unter Nachbarn.» Schliesslich erhält sie aber doch den Rat, sich an den nächsten Polizeiposten zu wenden.

Dort erhält sie die Auskunft, was der Nachbar mache, sei nicht strafbar; die Stadtpolizei könne leider in diesem Fall nichts tun. «Man hat mir gesagt, ich könne schon Anzeige erstatten, aber die werde wahrscheinlich von der Staatsanwaltschaft nicht bearbeitet», erzählt sie. Schliesslich versucht es Barbara Lehmann beim Friedensrichter, aber auch der erklärt sich für nicht zuständig, sondern gibt der verdutzten Frau zu bedenken, sie sei ja «nicht ganz unschuldig» an der Situation, sie habe ja die Polizeikontrolle ausgelöst. Barbara Lehmann ringt um Fassung, als sie davon erzählt: «Es kann doch nicht sein, dass man mich belästigen darf, nur weil ich Zivilcourage gezeigt habe.» Und sie fragt: «Muss ich jetzt warten, bis etwas passiert?»

Von der falschen Person belästigt

Barbara Lehmanns Fall zeigt: Mit Belästigungen und Stalking tun sich viele Behörden schwer. Das liegt auch an der Gesetzeslage, davon ist Präventionsspezialist Reinhard Brunner überzeugt: «Solange keine strafbare Handlung vorliegt, haben wir aus polizeilicher Sicht keine Grundlage für griffige Massnahmen gegen Stalker ausserhalb von Fällen häuslicher Gewalt.» Wäre es nicht der Nachbar, sondern der Ex-Partner, der Lehmann belästigte, wäre die Sache anders: Dann würde das Gewaltschutzgesetz greifen, die Polizei könnte, um das Opfer zu schützen, dem mutmasslichen Belästiger für bis zu 14 Tage ein Kontakt- oder Rayonverbot auferlegen – ohne vorherige gerichtliche Überprüfung.

Genau wie Brunner sieht es auch Michael Biber, FDP-Kantonsrat und von Beruf Polizist. «Ich musste auch schon Betroffene wegschicken», sagt er, «die von einem Fremden oder einem Nachbarn belästigt wurden. Es ist schwer, diesen Leuten zu erklären, dass ich nichts tun kann, weil sie quasi von der falschen Person belästigt werden, und dass das anders wäre, wenn der Täter und das Opfer eine Beziehung hätten.»

Es gibt einen Ausweg

Biber hat deshalb eine Motion eingereicht, die der Zürcher Kantonsrat kürzlich überwiesen hat. Künftig soll die Polizei auch in Fällen wie bei Barbara Lehmann ein Kontakt- oder Rayonverbot aussprechen können. Der Regierungsrat hat drei Jahre Zeit, eine entsprechende Vorlage auszuarbeiten.

Biber ist überzeugt, dass diese Erweiterung viel bringt, ebenso Präventionsspezialist Brunner. «Dann hätten die Betroffenen sofort Ruhe», sagt Biber. «Das ist es, was sie wollen, wenn sie sich – oft nach langer Leidenszeit – endlich an die Polizei wenden.» Anders sieht es Beat Bloch, Bezirksrichter und CSP-Kantonsrat. Er hat sich in der Debatte gegen die Gesetzesänderung ausgesprochen, und er sagt: «Was Frau Lehmann erlebt, dürfte kaum für ein Kontaktverbot reichen. Und es würde auch nicht viel bringen: Nach 14 Tagen würde alles wieder von vorne beginnen.»

Es gebe ja, sagt Bloch, einen Ausweg für Leute wie Frau Lehmann – nur sei dieser zu wenig bekannt. Opfer könnten sich direkt ans Bezirksgericht wenden und dort auf zivilrechtlichem Weg ein Kontaktverbot erwirken: «Das ist innert Stunden möglich. Ein solches Verbot ist unbefristet, und wir können dem Belästiger eine Busse androhen, wenn er sich nicht daran hält.»

Komplizierter Gerichtsweg

Barbara Lehmann hat nie von dieser Möglichkeit gehört: «Weder die Polizei noch der Friedensrichter haben mich darauf aufmerksam gemacht.» Für Kantonsrat Bloch ist das bezeichnend: «Der zivilrechtliche Weg ist zumindest für die Polizei ganz weit weg, den hat man überhaupt nicht im Fokus.»

Biber und Brunner widersprechen. Aus ihrer Sicht ist der Weg über das Gericht für Opfer beschwerlich und kompliziert, die Hemmschwelle sei hoch. Das müsse nicht sein, oft lasse sich das Problem viel einfacher lösen, so Brunner: «In vielen Fällen hilft ein einziger Schuss vor den Bug. Manchmal ist schon Ruhe, wenn sich die Polizei einmal beim Täter meldet. Reicht das nicht, wären Schutzmassnahmen nach dem Gewaltschutzgesetz notwendig.»

* Name und einige Details sind zum Schutz der betroffenen Frau geändert.

Erstellt: 17.04.2017, 23:22 Uhr

Artikel zum Thema

Diese Website macht Facebook-Stalking unheimlich einfach

Stalkscan zeigt, welche Nutzerinformationen auf Facebook öffentlich sind. Ihr Erfinder sagt: Es ist nur zu eurem Besten! Mehr...

Wiederholtes Anstarren und Angrinsen ist keine Nötigung

Ein Rentner, der eine junge Verkäuferin verängstigte, ist freigesprochen worden. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Ein Märchen aus Lichtern: Zum ersten Mal findet das Internationale Chinesische Laternenfestival «Fesiluz» in Lateinamerika, Santiago de Chile statt. Es dauert bis Ende Februar 2020. (3. Dezember 2019)
(Bild: Alberto Walde) Mehr...