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Von Behindertem bedroht – Job weg

Adelheid Furrer arbeitet seit über zehn Jahren mit behinderten Menschen. Als sie nach einem Konflikt mit einem gewaltbereiten Mann Unterstützung fordert, legt man ihr die Kündigung nahe.

«Es ist nur eine Frage der Zeit, bis ein Sozialarbeiter zu Schaden kommt»: Adelheid Furrer.
«Es ist nur eine Frage der Zeit, bis ein Sozialarbeiter zu Schaden kommt»: Adelheid Furrer.
Sophie Stieger

Der Fall Adeline hat Adelheid Furrer schlaflose Nächte bereitet. Die Sozialtherapeutin wurde im September von einem Häftling in der Romandie getötet, weil sie der Staat ungenügend geschützt hat. Adelheid Furrer fühlt sich in einer ähnlichen Situation, obwohl sie mit Behinderten und nicht mit Straftätern arbeitet: eine Sozialarbeiterin, ein gewaltbereiter Betreuter und niemand, der die Gefahr der Situation erkennt, oder in ihrem Fall: diese ernst nimmt. «Es wird immer erst reagiert, wenn etwas passiert», sagt Furrer und schildert die Arbeitssituation, die für sie unerträglich geworden ist.

Adelheid Furrer arbeitet seit über zehn Jahren bei der Zürcher Eingliederung. Der Verein betreibt ein Wohnheim am Zürichberg, einen Bauernhof in Aathal-Seegräben, die Holzofenbäckerei und das Reformhaus Vier Linden in Zürich sowie einige Werkstätten. Furrer hat zwei Jahre in der Bäckerei Vier Linden gearbeitet und dann geholfen, die Werkstätte Exagon in der Binz aufzubauen. In dieser unterstützt sie eine Gruppe von 17 Behinderten dabei, Kerzen zu giessen und Material zu verpacken.

Einer der Betreuten, nennen wir ihn Thomas, leidet unter einer erheblichen Lernschwäche und neigt zu Jähzorn. Die Leitung hat einen Coach vom Mannebüro engagiert, der mit Thomas in diversen Sitzungen übt, seine Wut in den Griff zu bekommen. Der Mittdreissiger lernt dort, den Raum kurz zu verlassen, wenn er innerlich zu kochen beginnt. Einige Jahre lang hat das, wie Adelheid Furrer sagt, mehr oder weniger gut geklappt. Doch dann hat ein neuer Sozialarbeiter in der Werkstätte die Arbeit aufgenommen. Thomas sei auf ihn fixiert und gehorche ihm blindlings. Fehlt der neue Sozialarbeiter, sinkt Thomas’ Laune und Arbeitsmotivation drastisch. Um Ostern spitzt sich die Situation zu: Adelheid Furrer ist alleine auf der Gruppe, da ihr Kollege eine Weiterbildung besucht.

«Er hat meine Angst gespürt»

Thomas kommt zu Adelheid Furrer und offenbart ihr, er gehe heute bereits um 15 Uhr nach Hause, obwohl erst eine Stunde später Feierabend wäre. Furrer weist ihn darauf hin, dass er nicht einfach früher Schluss machen dürfe. Thomas wird wütend, knallt die Tür zu und geht trotzdem. Am Dienstag nach Ostern ignoriert er Furrer und begibt sich direkt an seinen Arbeitsplatz. Sie spricht ihn auf sein Verhalten vom Donnerstag an. Da wird Thomas wütend, beschimpft sie und droht ihr: «Du hast mir nichts zu sagen, pass auf, sonst passiert etwas.» Da Furrer ihren Chef nicht erreicht, ruft sie den abwesenden Kollegen an. Dieser weist Thomas am Telefon an, direkt ins Wohnheim zu gehen, was dieser anstandslos macht.

In einem E-Mail an ihren Chef schildert Furrer den Vorfall im Detail und schreibt ihm, sie könne nicht mehr mit Thomas alleine arbeiten. «Da Thomas meine Angst gespürt hat, habe ich verloren.» Sie wiederholt ihr Anliegen im Gespräch mit dem Chef, doch dieser weist es ab. Furrer müsse auch weiterhin allein mit Thomas arbeiten können. Der Chef empfiehlt Furrer, mit Thomas privat etwas zu unternehmen, um die Wogen zu glätten. Furrer fühlt sich nicht ernst genommen. In den nächsten Wochen folgen weitere Gespräche mit der Gewaltverantwortlichen im Betrieb und einer externen Fachstelle, die Furrer schliesslich an die Opferhilfe weiterverweist. «Man hat mich weitergereicht wie eine heisse Kartoffel.»

Thomas bleibt der Werkstätte in den kommenden Wochen fern. Er hat bei einem Wutanfall mit der Faust in einen Kasten geschlagen und sich dabei die Hand gebrochen. Als er seine Arbeit wieder aufnimmt, ist alles beim Alten: Er ist auf ihren Kollegen fixiert und ignoriert Furrer. Ist sie allein mit ihm, kann die Stimmung jederzeit kippen. Furrer zittert innerlich vor Angst. Mittlerweile hat sie auch erfahren, dass es sechs Jahre zuvor bereits einen Vorfall mit Thomas im Wohnheim gegeben hat. Als Thomas wütend wurde, schlug er einen Betreuer ins Gesicht und biss ihn im anschliessenden Gerangel in den Rücken. Schliesslich gelang es dem Betreuer, den Notfallknopf zu drücken.

Externe Supervision abgelehnt

Adelheid Furrer hat ihren Job auf Ende Januar gekündigt. Ihr Chef habe sie vor die Wahl gestellt, es alleine mit Thomas zu schaffen oder zu gehen. Sie hat die Situation auch dem Vorstand gemeldet, doch dieser reagiert erst auf ihren Brief, nachdem der TA mit der Leitung Kontakt aufgenommen hat.

Mit ihrer Kündigung hat sich Adelheid Furrer abgefunden. Sie möchte den Finger auf eine aus ihrer Sicht unhaltbare Situation richten. Die Leitung scheine demonstrieren zu wollen, dass man auch schwierige Betreute handhaben könne. Statt einfach die Sozialarbeiter auszuwechseln und das Verhalten von Thomas zu verharmlosen, sollte dieses Konsequenzen haben. In den Werkstätten gibt es keinen Notfallknopf. «Es ist nur eine Frage der Zeit, bis ein Sozialarbeiter zu Schaden kommt», sagt sie.

Jürgen Hinderer ist Geschäftsführer bei der Zürcher Eingliederung und leitet diese zusammen mit drei Kollegen. Er spricht von einer komplexen Ausgangslage. Man habe die Situation mit Thomas im Team besprochen und befunden, es sei möglich, allein mit ihm zusammen zu arbeiten. Die Zürcher Eingliederung sei Mitglied im Institutionenverbund Zürich und gegenüber dem Kantonalen Sozialamt verpflichtet, Menschen mit «herausforderndem Verhalten» nicht einfach zu kündigen. Der Kanton gebe über die Begrenzung der Betriebsbeiträge den Betreuungsschlüssel vor.

Die Schuld liege beim Betreuer

Bei schwierigen Fällen verfolge man zwei Ansätze. Man arbeite mit den betreuten Menschen an ihrem Verhalten und biete den Mitarbeitenden Unterstützung an. Adelheid Furrer habe die Möglichkeit gehabt, mit der Mitarbeiterin der Vertrauensstelle direkt das eigene Verhalten zu reflektieren und eine externe Supervision zu beanspruchen. «Leider hat sie diese Angebote abgelehnt.»

Aus Sicht der Leitung sei Adelheid Furrer nicht bereit gewesen, an ihrem eigenen Verhalten zu arbeiten, sondern habe lediglich verlangt, dass Thomas weg müsse. Auch den Gewaltausbruch im Wohnheim relativiert Hinderer: Der damalige Betreuer habe sich falsch verhalten und gemerkt, dass diese Aufgabe nicht die richtige sei für ihn. Die Zürcher Eingliederung habe gegenüber den betreuten Menschen eine Verpflichtung. «Wir haben jahrelang dafür gekämpft, dass diese Menschen nicht ausgegrenzt werden und in der Psychiatrie landen», sagt Jürgen Hinderer.

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