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Wanderer zwischen den Welten

Silvan Zurbriggen ist zurzeit der beste Schweizer Skifahrer – trotz den turbulenten letzten Wochen.

Von Christian Brüngger, Wengen Silvan Zurbriggen ist bemüht. Als er sich im Schulhaus von Wengen wie ein artiger Schüler auf seinen Stuhl mit einem kleinen Tischchen davor setzt, schüttelt er allen Fragestellern die Hand. Sie bilden einen dichten Kreis um ihn. Die weisse Kappe hat er tief in die Stirn gezogen, als solle sie ihn ein wenig vor unangenehmen Fragen schützen. Der 29-jährige Walliser aus Brig mag momentan der erfolgreichste Rennfahrer der Schweiz sein – die ganz grossen Sympathien allerdings sind anderen vorbehalten. Zum Beispiel Carlo Janka, der nach ihm Auskunft gibt und ob seines raschen Aufstiegs und seiner Coolness viele beeindruckt. Oder Didier Cuche, der Routinier mit dem grossen Kämpferherzen, mit dem es sich so richtig schön leiden lässt. Zurbriggen, dessen Spitzname Zurli nicht so recht zu seinem robusten Aussehen passt, hat da einen schweren Stand. Er trägt auch selber dazu bei, dass sein Image nicht makellos ist. Zuletzt war dies während der Nordamerika-Rennen von Ende November so. In Lake Louise musste er das Teamhotel verlassen – ein Hotelmanager soll ihn hinausgeworfen haben. Von einem irritierenden Verhalten gegenüber einer Angestellten ist die Rede. Der Chef: «Er imponiert mir» Ausser Zurbriggen und Cheftrainer Martin Rufener weiss keiner, was genau passiert ist. Eine Teamaussprache hat nie stattgefunden. Rufener wird einsilbig, wenn er im Schulzimmer von Wengen auf die turbulenten letzten Wochen um Zurbriggen angesprochen wird. Er mag nicht einmal die harmlose Frage beantworten, wie sich der WM-Zweite im Slalom von 2002 als Persönlichkeit entwickelt hat. Rufener sagt bloss: «Silvan imponiert mir.» Rufeners Aussage ist verständlich: Ausgerechnet in Gröden gewann Zurbriggen vor knapp vier Wochen seine erste Abfahrt und übernahm die Führung im Gesamtweltcup, während im Hintergrund die Affäre von Lake Louise gärte. In Gröden riss er sich vor drei Jahren bei einem Sturz das eine Kreuzband und musste sich in der Folge über viele Monate an die Spitze zurückkämpfen. Der Psychologe: «Stress» Seine derzeitige mentale Stärke ist angesichts der kräftezehrenden Begleitumstände beeindruckend. Hanspeter Gubelmann, Präsident der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für Sportpsychologie und in Bruno Kernens zweiter Karrierephase dessen Ansprechpartner, sagt: «Ein solcher Schauplatz, den kein Athlet braucht, bedeutet Stress. Verdrängen und Ausblenden wäre ganz allgemein auf lange Sicht keine sinnvolle Bewältigungsstrategie, um möglichst ideale Voraussetzungen zum Erfolg zu schaffen.» Wobei bestimmte (Sportler-)Typen je nach Persönlichkeitsstruktur negative Ereignisse ins Positive umdeuten können. Peter Müller, in den 80er-Jahren einer der prägenden Schweizer Abfahrer, fühlte sich als Flachländer aus Adliswil von seinen Kollegen aus den traditionellen Skifahrerkantonen nicht ernst genommen. Und wollte erst recht beweisen, dass er ihnen ebenbürtig war. Auch Marc Girardelli, dessen Vater mit seiner schillernden Art das Ebenbild als Coach verkörperte, war ein kantiger Typ – und als einer der wenigen wie Silvan Zurbriggen sowohl ein ausgezeichneter Slalom- wie Speed-Fahrer. Der Trainer: «Anders als Cuche» Mauro Pini, einst Privatcoach von Lara Gut und inzwischen Cheftrainer der Schweizer Frauen, betreute Silvan Zurbriggen in der letzten Saison. Zur Speed-Gruppe um Cuche und Didier Défago hatte Zurbriggen gewechselt, weil er im Team von Daniel Albrecht und Carlo Janka ein Aussenseiter blieb. Zu Pini fand er rasch Zugang und Vertrauen. «Silvan braucht eine enge Bezugsperson, mit der er sich täglich austauschen kann. Ein Cuche funktioniert da ganz anders», sagt Pini. Gemäss dem Tessiner findet Zurbriggen in seinem privaten Umfeld das Fundament, das ihn in schwierigen Phasen trägt. Die Olympiabronze in der Superkombination von 2010 habe ihn als Person zudem stärker gemacht. Das gemeinsame Riesenslalomtraining half ihm als sportliche Basis für erneute Topresultate im Slalom und nun auch in der Abfahrt. Tatsächlich ist er momentan der einzige Spitzenslalomfahrer, der in beiden Disziplinen Weltklasse ist. Das macht ihn zu einem Wanderer zwischen zwei sportlichen Welten. Vielleicht ist er gerade darum ein wenig heimatlos. Kein Musterschüler, aber erfolgreich: Silvan Zurbriggen beim Pressetermin im Schulhaus von Wengen.Foto: Reto Oeschger

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