Zum Hauptinhalt springen

War Strauss-Kahn Opfer eines Komplotts?

Eine Reportage in der Zeitung «New York Review of Books» wirft ein neues Licht auf den Fall Strauss-Kahn.

Von Martin Kilian und Oliver Meiler Es war der Skandal des Jahres: Im Mai beschuldigte das New Yorker Zimmermädchen Nafissatou Diallo den Chef des Internationalen Währungsfonds und potenziellen französischen Präsidentschaftskandidaten Dominique Strauss-Kahn der versuchten Vergewaltigung. Als Gast im Hotel Sofitel habe Strauss-Kahn, bekannt als DSK, sie mit Gewalt zu Sexakten gezwungen, behauptete Diallo. Die Anklage brach im August zusammen, als Zweifel an der Glaubwürdigkeit des Zimmermädchens laut wurden. Stets war in Frankreich der Verdacht geäussert worden, Strauss-Kahn sei Opfer eines Komplottes politischer Feinde im Lager von Staatspräsident Nicolas Sarkozy geworden. Nun legt der US-amerikanische Journalist Edward Jay Epstein im literarischen Wochenblatt «New York Review of Books» eine aufsehenerregende Untersuchung des Falls vor, die ein solches Komplott nicht ausschliessen möchte. Basierend auf dem Zugang zu Telefondaten, elektronischen Hotelschlüsseln und Sofitel-Überwachungskameras, untersuchte Epstein eine Reihe von Ungereimtheiten, darunter das Verschwinden von Strauss-Kahns Blackberry-Telefon. Am Morgen des Tattages sei DSK von einer Freundin, die im Hauptquartier der Sarkozy-Partei UMP arbeitete, gewarnt worden, sein Blackberry sei gehackt worden. Das Handy wurde nie gefunden, laut Epstein aber schaltete ein Unbekannter nur 40 Minuten nach der angeblichen Vergewaltigung das GPS-Signal des Telefons aus. Epstein beschreibt, dass sich Diallo zur Tatzeit nur sechs Minuten in DSKs Zimmer befunden, jedoch davor und danach das benachbarte Zimmer 2820 aufgesucht habe. Das Hotel habe sich unter Berufung auf den Schutz der Privatsphäre geweigert, den Namen des Gastes in 2820 preiszugeben. Ausserdem zeichnet Epstein die Kontakte des Hotel-Sicherheitschefs John Sheehan nach – und findet eine Spur von Sheehan zu Sarkozy-Parteigängern bei der französischen Hoteleignerin Accor. Sarkozys Sorge Handelte es sich also um eine Falle, um ein Komplott? Die Franzosen sind in der Regel sehr empfänglich für solche Theorien, zumal wenn sich die dunkle Hand des Elysées und von dessen Apparat dahinter verbergen könnte. In diesem spektakulären Fall scheint die Meinung zunächst gespalten: Die gehobene Boulevardzeitung «Le Parisien», die ihre Leser in den letzten Monaten üppig versorgt hat mit vielen Details zu DSKs Privatleben, führte am Sonntag eine Online-Umfrage zur Komplottthese durch. Von den ersten 4000 Usern, die teilnahmen, hielten 51 Prozent die Fährte für unwahrscheinlich. Strauss-Kahns angebliche Verwicklung in eine Affäre um einen Prostituiertenring, die seit einigen Wochen die Schlagzeilen bestimmt, dürfte dessen eigene Glaubwürdigkeit nicht eben gefördert haben. Doch DSK steht nun auch nicht mehr im Zentrum der Aufmerksamkeit, seine politische Karriere scheint beendet. Spannend ist jetzt nur die Frage, ob Nicolas Sarkozy, sein einstiger Rivale im Kampf um die französische Präsidentschaft, sechs Monate vor der Wahl einen Makel davonträgt von den Zweifeln, die sich um den letzten 14. Mai ranken. Ob sich also tatsächlich eine Verbindung zwischen dem triumphierenden Sicherheitsdienst des New Yorker Sofitel und Sarkozys Pariser Entourage nachzeichnen lässt. Die Sorge vor diesem Makel ist so gross, dass am Wochenende selbst Innenminister Claude Guéant, seit vielen Jahren der engste und wichtigste Vertraute des Präsidenten, Stellung bezog. Er sprach von einer «wahren Fantasterei»: «Wenn sich jemand als Opfer eines Komplotts sieht, soll er zur Justiz gehen, damit diese ständigen Anspielungen und Gerüchte aufhören.» Für Sarkozy kommen diese Zweifel an seiner Person, auch wenn sie noch recht vage sind und nur die Hälfte der Franzosen überzeugen, in einem heiklen Moment. Zum ersten Mal seit bald zwei Jahren steigen seine Popularitätswerte wieder etwas an. Er liegt zwar in den Prognosen weit hinter seinem linken Herausforderer François Hollande, hoffte aber gerade auf eine Bestätigung der Trendwende. D. Strauss-Kahn vor Gericht in New York. Foto: Getty Images

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch