Warum Deutsche Zürich meiden

Nach Jahren des Anstiegs kommen deutlich weniger Deutsche nach Zürich und mehr verlassen den Kanton. Was bleibt, ist eine Beule in der Statistik, die Fragen aufwirft.

Heimweh, vielleicht nach deutschem Bier, lässt manche Deutsche in ihre Heimat zurückkehren. An einem Clubtreffen des Swiss German Clubs, 2010.

Heimweh, vielleicht nach deutschem Bier, lässt manche Deutsche in ihre Heimat zurückkehren. An einem Clubtreffen des Swiss German Clubs, 2010. Bild: Martin Ruetschi/Keystone

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Die Zeiten, als die Deutschen in überraschend grosser Zahl nach Zürich kamen, sind vorbei. Das zeigt die gestern veröffentlichte Studie des Statistischen Amts in aller Deutlichkeit: Die entsprechende Linie auf der Grafik der Nettoeinwanderung (siehe unten) formt eine auffällige Beule zwischen den Jahren 2006 und 2009.

Diese «deutsche Beule» wirft Fragen auf. Warum kommen weniger Deutsche in den Kanton Zürich? Und warum verlassen mehr das Land? Schweizer Medien erklären das Phänomen gerne mit einer angeblichen antideutschen Grundstimmung im Land. «Deutsche fühlen sich einsam in der Schweiz», titelte die Pendlerzeitung «20 Minuten» im April 2015. «Nichts wie weg!» stand im Oktober 2013 über dem Artikel eines deutschen Journalisten in der «NZZ am Sonntag», der nach 10 Jahren in Zürich ohne Wehmut in seine Heimat zurückkehrte.

Schwierigkeiten bei der Wohnungssuche

Dass es Deutsche gibt, die in der Schweiz arbeiten und sich hier nicht wohlfühlen, zeigte vor einigen Monaten auch eine Studie der Wirtschaftsuniversität Wien in Zusammenarbeit mit der Universität St. Gallen. «Etwa 30 Prozent der in der Schweiz lebenden Deutschen fühlen sich in der Schweiz nicht willkommen und als nicht dazugehörig», fand die Studie heraus. Fast 1000 Personen nahmen 2014 an der Onlinebefragung teil, über die Hälfte davon wohnt in Zürich. Jeder fünfte Befragte erlebte bei der Wohnungssuche aufgrund seiner Nationalität Schwierigkeiten, immerhin 15 Prozent der Befragten wurde wegen ihrer Herkunft eine Anstellung verweigert.

Solche Ergebnisse lassen aufhorchen, Willkommenskultur geht anders. Trotzdem glaubt Ralf J. Bopp, der Direktor der Handelskammer Deutschland-Schweiz, nicht an eine systematische Diskriminierung der Deutschen in der Schweiz. Für ihn sind die rund 300'000 Deutschen, die in der Schweiz leben, gut integriert. Bopp erklärt die Beule in der Statistik mit der Wirtschaftslage. Schweizer Firmen seien bei Investitionen und Anstellungen von neuem Personal zurückhaltender und würden weniger Ausländer einstellen.

«Hier wartet keiner auf dich»

«In der Schweiz ist eine gewisse Sättigung erreicht», sagt Bopp. Zudem hätten die Masseneinwanderungsinitiative und Euroschwäche für Unsicherheiten gesorgt, was sich auf die Personalpolitik und schliesslich auf die Zuwanderung ausgewirkt habe. In Deutschland wiederum herrscht Hochkonjunktur. Die Arbeitsmarktlage ist günstig, vor allem Fachkräfte sind gesucht. «Viele Deutsche haben es nicht mehr nötig, ins Ausland zu gehen», sagt Bopp.

Dass viele Deutsche nach Deutschland zurückkehren, könnte auch mit Heimweh zu tun haben. Eine deutsche Lehrerin, die seit sieben Jahren in Zürich lebt, sagt: «Auswandern bedeutet, seine Liebsten zurückzulassen. Und in der neuen Heimat wartet keiner auf dich. Du bist also erst einmal allein.» Diesen sozialen Aspekt würden viele unterschätzen, sagt die Lehrerin. Sie erzählt von Bekannten, die aus Sehnsucht nach der Familie nach Deutschland zurückgekehrt sind. Und von solchen, welche die Schweiz aus praktischen Gründen verlassen haben: Nach der Geburt ihrer Kinder wollten sie die Grosseltern für die Kinderbetreuung einspannen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 17.12.2015, 16:28 Uhr

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