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Was ist ein würdiger Tod?

EDU und EVP möchten die Sterbehilfe verbieten. Mit einer Volksinitiative wollen sie den Kanton Zürich verpflichten, die Forderung in Bern einzureichen. Am 15. Mai wird abgestimmt. Ein Streitgespräch zwischen der Exit-Präsidentin und einem der Initianten.

Mit Saskia Frei und Heinz Kyburz sprach Liliane Minor Frau Frei, Herr Kyburz, haben Sie schon einmal eine Sterbebegleitung miterlebt? Heinz Kyburz: Nein, ich habe da keine praktische Erfahrung. Saskia Frei: Ich war einmal als persönliche Bezugsperson dabei. Wie war das? Es war ein einschneidendes Erlebnis. Es war aber auch schön, zu sehen, wie dieser wirklich todkranke Mensch in Absprache mit seiner Familie entschieden, geplant und gehandelt hat. Herr Kyburz, können Sie diese Schilderung nachvollziehen? Kyburz: Ich denke, aus Frau Freis Sicht kann ich das durchaus nachvollziehen. Ist es für Sie selber vorstellbar, sich das Leben zu nehmen? Frei: Ich hatte zwei prägende Erlebnisse: Mein Vater starb an einer schweren, schmerzhaften Krebserkrankung. Und meine Mutter, die noch lebt, leidet an Alzheimer. Da fragt man sich schon: Will ich das für mich? Aber ob ich wirklich den Mut hätte, mir das Leben zu nehmen, weiss ich nicht – ich bin einfach sicher, dass ich froh wäre, wenn ich dann Leute um mich herum hätte, die etwas davon verstehen.Kyburz: Für mich selbst kann ich mir das absolut nicht vorstellen. Suizidhilfe ist grundsätzlich nicht nötig. Ich bin überzeugt, dass die palliative Pflege alle Bedürfnisse von Sterbenden abdecken kann. Bezeichnend für mich ist, was Frau Frei erwähnt hat: dass Exit zunehmend auch das Leben von dementen und psychisch kranken Menschen als nicht mehr lebenswert erachtet. Frei: Niemand masst sich an, zu beurteilen, welches Leben lebenswert ist. Exit hält sich strikt an die Vorgaben des Bundesgerichts. Suizidhilfe ist nur erlaubt, wenn der Mensch urteilsfähig ist. Zudem muss der Sterbewunsch autonom, wohlerwogen und dauerhaft sein. Kann man wirklich beurteilen, ob ein Sterbewunsch autonom ist? Frei: Ja, so wie wir die Abklärungen treffen, ist das möglich. Kyburz: Die juristischen Kriterien sind eine Frage. Daran halten Sie sich sicher. Aber es gibt auch eine ethische Ebene. Ein älterer Mensch neigt vielleicht mehr zur Depression, baut ab. Dann ist die Meinung seines Umfeldes sehr wichtig. Sie möchten aus ethischen Gründen Suizide verhindern. Ist es ethisch vertretbar, jemanden am Leben zu erhalten, der nicht mehr will? Kyburz: Aus heutiger Sicht glauben wir alle zu wissen, was wir dann einmal wollen. Aber der Betroffene ist geprägt von seiner Krankheit, er ist nicht mehr wirklich autonom. Dann werden Angehörige, Freunde, Ärzte und Fachstellen einen sehr grossen Einfluss haben. Frei: Ihre Haltung, der Mensch sei nie in einem Zustand der Selbstbestimmung, empfinde ich als überheblich und bevormundend.Kyburz: So habe ich das nicht gesagt. Ich glaube nur, dass es schwieriger ist, im Alter autonom eine Meinung zu fassen. Wenn man glaubt, anderen zur Last zu fallen, läuft man Gefahr, alles infrage zu stellen, was man vorher vom Leben gehabt hat. Dann ist das Leben plötzlich nicht mehr lebenswert. Frei: Wer sagt das? Kyburz: Das sagen die, die propagieren, dass man Suizid begehen soll, wenn man dement zu werden droht.Frei: Das propagiert niemand. Die Menschen, die sich für einen Freitod mit uns entscheiden, sind selbstbestimmte, mutige Menschen. Sie entscheiden nicht aufgrund irgendwelcher vager Wertvorstellungen von Dritten, sondern für sich. Ist die palliative Pflege denn keine Alternative zum Suizid? Frei: Die Spezialisten, die mit uns zusammenarbeiten, aber auch Direktbetroffene sagen mir, es sei nicht möglich, jeden Schmerz so zu lindern, dass man nichts mehr davon spüre. Für mich sind Palliativpflege und Suizidhilfe kein Gegeneinander, sondern ein Miteinander. Exit hat sogar eine eigene Stiftung für palliative Pflege. Aber es ist nicht jedem Menschen gegeben, am Lebensende im halbbewussten Zustand vielleicht monatelang vor sich hin zu dämmern. Das ist nicht jedermanns Vorstellung von einem würdigen Ende. Lassen Sie doch beides stehen, Herr Kyburz: Ihre Haltung und die der anderen.Kyburz: Man hört immer wieder das Argument der unerträglichen Schmerzen. Das ist Angstmacherei. Man suggeriert den Leuten, sie bräuchten diesen Notausgang, sich umbringen zu lassen. Es gibt keine unerträglichen Schmerzen. Das lässt sich objektiv messen. Es braucht die Suizidhilfe nicht. Reicht das für ein Verbot? Glauben Sie, die Leute lassen sich massenweise zum Suizid überreden? Frei: Wohl kaum, die Zahlen stagnieren ja seit Jahren.Kyburz: Das Problem ist, dass es auch bei Exit immer öfter diese Fälle gibt, von denen man früher die Hände liess. Etwa psychisch Kranke. Das ist gefährlich. Würden Regeln für die Suizidhilfe nicht ausreichen? Kyburz: Damit würde man die Suizidhilfe legalisieren. Wenn der Staat die Aufgabe hat, Suizidprävention zu machen, ist es stossend, wenn er gleichzeitig Suizidhilfe fördert.Frei: Der Staat fördert die Suizidhilfe nicht, und er legalisiert sie nicht, sie ist schon legal. Wie Sie argumentieren, erinnert mich an die Debatte über die Fristenlösung. Auch da hiess es, wenn ihr das einführt, steigt die Zahl der Abtreibungen. Passiert ist das Gegenteil. Was geschieht bei einem Ja? Befürchten Sie mehr Selbstmorde auf eigene Faust? Frei: Ja. Suizidhilfe zu verbieten, hat etwas Zynisches. Man kann den Suizid nicht verbieten – also werden die Betroffenen einen Ausweg suchen.Kyburz: Da werden wieder bewusst Ängste geschürt. Es ist absolut nicht zwingend, dass es dann mehr Suizide gibt. Es braucht eine gute Prävention. In der Debatte um Sterbehilfe ist oft von Würde die Rede. Was ist für Sie ein würdiger Tod? Frei: «Würde» ist ein sehr individueller Begriff. Jeder Mensch muss für sich selbst entscheiden, was ein würdiger Tod ist.Kyburz: Ich glaube, so, wie es auch darum geht, sich im Leben zu bewähren, so kann man sich im Sterben bewähren. Ein würdevoller Tod besteht für mich darin, dass man das Schicksal, wie es einem zufällt, annehmen kann, ohne den Notausgang zu wählen. Frei: Ich hoffe, Sie können sich in einen Menschen hineinversetzen, der in einer solchen Lage ist. Ist jemand, der sich umbringt, ein Versager, Herr Kyburz? Kyburz: Das ist nicht die Frage. Ich will nicht werten. Aber es ist falsch, wenn man diesen Notausgang fördert. Ich möchte noch kurz auf die zweite Initiative von EDU und EVP zu reden kommen, die Sterbehilfe nur noch Personen erlauben will, die mindestens ein Jahr im Kanton Zürich gewohnt haben. Diese tangiert Exit kaum, da sie keine Personen aus dem Ausland in den Freitod begleitet. Warum ist Exit dagegen? Frei: Aus juristischen und menschlichen Überlegungen. Ich habe noch selten einen so menschenverachtenden Begriff gehört wie «Sterbetourismus». Da suggeriert man bewusst Ferienfeeling. Juristisch braucht es nicht viele Worte: Die Initiative ist ungültig, weil auf diesem Gebiet allein der Bund zuständig ist. Kantonale Sonderregelungen sind nicht zulässig. Kyburz: Wir kommen zu einem anderen Schluss. Es ist möglich, das im Gesundheitsrecht zu regeln. Der Begriff «Sterbetourismus» wurde von den Medien geschaffen, nicht von uns. Wir haben ihn übernommen, weil man sich etwas darunter vorstellen kann. Abgesehen von der Initiative: Frau Frei, wie stellen Sie sich zur Frage, ob Ausländer in der Schweiz Suizidhilfe in Anspruch nehmen dürfen? Frei: Wir sind zwar auch der Meinung, dass sich die Menschen in ihren Herkunftsländern für bessere Bedingungen einsetzen sollten. Aber man darf niemanden wegen seiner Herkunft benachteiligen. Dazu kommt das Menschliche: Auch ein Ausländer verdient in dieser Situation unseren Respekt. Er kommt hierher, ist verzweifelt . . .Kyburz: Diese letzte Ansicht teile ich. Das zeigt doch, dass es im Grunde unwürdig ist, hierherzukommen und sich ins Jenseits befördern zu lassen. Frei: Sie brauchen oft den Begriff der «Würde». Ich auch. Es ist auch hier am Einzelnen, zu entscheiden, was würdig ist. Möglich wäre ein widersprüchlicher Entscheid: Die Leute wollen die Suizidhilfe für sich, aber nicht für Personen aus dem Ausland. Ist das in Ihrem Sinn? Kyburz: Dieser Widerspruch ist tatsächlich da. Wir sind gegen beides: Suizidhilfe und Sterbetourismus. Aber ich verstehe, wenn die Leute einfach sagen, es ist nicht am Kanton Zürich, die Probleme des Auslands zu lösen. Ist das Grund genug für ein Verbot? Kyburz: Für mich schon, ja. Saskia Frei (54) ist Anwältin in Basel, ehemalige FDP-Grossrätin und seit Mai 2010 Präsidentin der Sterbehilfeorganisation Exit.Heinz Kyburz (51) aus Männedorf ist Leiter der Sozialabteilung der Gemeinde Meilen und Kantonsrat der Eidgenössischen Demokratischen Union (EDU). «Die Menschen, die sich für einen Freitodmit uns entscheiden, sind selbstbestimmte, mutige Menschen.» Saskia Frei, Präsidentin von Exit «Der Betroffene ist geprägt von seiner Krankheit,er ist nicht mehrwirklich autonom.» Heinz Kyburz, Kantonsrat der EDU Saskia Frei (Exit) plädiert für ein Miteinander von Palliativpflege und Suizidhilfe. Doch für Heinz Kyburz (EDU) gibt es keine unerträglichen Schmerzen. Foto: Reto Oeschger

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