Wenn Terroristen im Zürcher HB um sich schiessen

Im Rahmen einer bundesweiten Übung übt auch die Kantonspolizei Zürich den Terrorfall. Ein Einblick in den Führungsraum.

Von einem Ausnahmezustand ist im Führungsraum der Kantonspolizei während der Antiterror-Übung wenig zu spüren.

Von einem Ausnahmezustand ist im Führungsraum der Kantonspolizei während der Antiterror-Übung wenig zu spüren. Bild: Andrea Zahler

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Es herrscht eine Ausnahmesituation bei der Kantonspolizei Zürich. Der Führungsraum im obersten Stock der Militärkaserne ist sonst nur bei Grossanlässen im Kanton Zürich oder anderen Ausnahmeereignissen besetzt. Nun sitzen hier seit Tagen und rund um die Uhr Offiziere der Kantonspolizei und Polizistinnen und Polizisten aus der Führungsunterstützung. Seit Monaten beherrscht Terror die ganze Schweiz. Am vergangenen Freitag haben Terroristen der Global Liberation Front (GLF) am Hauptbahnhof um sich geschossen und 47 Personen getötet sowie 78 verletzt.

Natürlich handelt es sich um ein fiktives Szenario im Rahmen der nationalen Sicherheitsverbundsübung 2019 (SVU 19), die seit Montagmorgen für 52 Stunden in der ganzen Schweiz durchgeführt wird. Deshalb überrascht es, dass an diesem Dienstagabend im Führungsraum bloss der Kommandant, zwei Offiziere sowie eine Handvoll Polizisten als Führungsunterstützung sitzen. Von einem Ausnahmezustand ist wenig zu spüren.

Entführtes Flugzeug

Eben kommt die Meldung, dass die Terroristen an einem Flughafen in Osteuropa ein Flugzeug in ihre Gewalt gebracht haben und Richtung Schweiz fliegen könnten. Die Polizisten besprechen die Situation kurz. Dann setzt sich Thomas Würgler wieder zum Journalisten an den Tisch. Hektik? Fehlanzeige. «Im Ernstfall wäre das nicht anders», sagt Thomas Würgler, der Kommandant der Kantonspolizei Zürich. Ausser dass der «Tages-Anzeiger» dann nicht am langen Sitzungstisch sitzen und die Szenerie beobachten würde.

Besetzt sind die rund 20 Plätze an dem langen weissen Tisch bloss bei den fünf Rapporten, die in einer solchen Gefährdungslage täglich durchgeführt werden. Die Offiziere werden dann über den aktuellen Stand aufdatiert, es wird besprochen, wo Handlungsbedarf besteht und inwiefern man die bisherige Strategie anpassen muss. So beschäftigt etwa die Tatsache, dass im Grossmünster eine öffentliche Trauerfeier für die 47 Opfer des Anschlags am Hauptbahnhofs stattfinden soll. Noch immer sind Terroristen flüchtig und die kritische Infrastruktur muss rund um die Uhr geschützt werden. Dabei geht es um zentrale Verkehrsknotenpunkte oder etwa Stromkraftwerke, welche die Energieversorgung sicherstellen. Wie kann die Kantonspolizei, die im permanenten Austausch mit den Stadtpolizeien steht, die Sicherheit einer solchen Trauerfeier garantieren?

Personell komme man da an seine Grenzen, erklärt Würgler: «Wir müssen Prioritäten setzen und unsere Einsatzkräfte entsprechend einsetzen.» Im Vorfeld der nationalen SVU 19 warnten die Verantwortlichen des Bundes, in der Schweiz würden etwa 5000 Polizisten fehlen, um mit einer solchen Ausnahmesituation umzugehen. Kommandant Würgler bestätigt den Unterbestand. Schon unter normalen Umständen sei die Polizei recht belastet, gerade was die Ermittlungen und die präventive Gefahrenabwehr im Kampf gegen den Terrorismus angehe. In einer ausserordentlichen Lage wie der hier angenommenen wirke sich dieser Engpass natürlich erheblich aus.

Kantonspolizei probte auch Fall Breivik

Für Würgler und die Zürcher Kantonspolizei sind solche Übungen nichts Aussergewöhnliches. Jedes Jahr spielt sie teilweise auch mit Partnern mögliche Szenarien durch. Dabei lassen sie sich von realen ausländischen Ereignissen inspirieren: Vom Terrorakt des norwegischen Rechtsextremisten Anders Behring Breivik auf der Insel Utøya mit 77 Opfern 2011 oder vom Anschlag eines 18-jährigen Schülers im Olympia-Einkaufszentrum (OEZ) 2016 in München mit neun Toten. So tragisch die Ereignisse waren, sie sind etwas anderes als die nationale Bedrohung durch eine internationale Terrortruppe. Dennoch habe die SVU 19 gezeigt, dass man in Zürich gut aufgestellt sei, sagt Würgler. Dem pflichtet auch Dominik Schwerzmann, Chef des Zürcher Bevölkerungsschutzes, bei. Wie Würgler zählt er bei der Kantonspolizei in solchen Ausnahmefällen zu den wichtigsten Führungspersonen. Der Bevölkerungsschutz ist dafür zuständig, dass das öffentliche Leben aufrechterhalten werden kann. Der Verkehr muss gewährleistet sein, damit Ärzte in Spitäler und Polizisten zur Arbeit fahren können. Kinder müssen zur Schule gehen und die Bevölkerung muss mit Lebensmitteln versorgt werden können. Zudem muss die Energieversorgung jederzeit gewährleistet sein.

Wie kommen die Ärzte noch ins Spital?

Während der Sicherheitsverbundsübung 19 brach - immer fiktiv - etwa der Verkehr zusammen, weil ein Sabotageakt die Zugstrecke Zürich-Bern lahmlegte und wichtige Autobahnverbindungen wegen Grossbränden nicht mehr befahrbar waren. Besonders gefordert war dann das Zürcher Gesundheitssystem, weil plötzlich mehr Patienten mit Symptomen von Vergiftungen eingeliefert worden. Die Global Liberation Front hatte Lebensmittel vergiftet. Die Gesundheitsdirektion als Teil des Bevölkerungsschutzes muss in einer solchen Situation entscheiden, wie die Patienten auf die verschiedenen Zürcher Spitäler verteilt werden können, damit keines überlastet ist - zumal die Spitäler wegen der 78 Verletzten des Anschlags am Hauptbahnhofs ohnehin schon stark ausgelastet sind. «In solchen Situationen müssen die verfügbaren Ressourcen geschickt genutzt werden», erklärt Schwerzmann.

Ein Fazit wollen Würgler und Schwerzmann noch keines ziehen. Bisher habe man die Lage im Griff, sagt Würgler, aber er wisse selbst nicht, welche Überraschungen die Übung noch bereit hält. Noch steht ihnen eine weitere Nacht bevor, in der der Ernstfall geprobt wird.

Da betritt ein Zürcher Verbindungsoffizier den Raum, der im direkten Austausch mit den Bundesbehörden steht. Das Flugzeug mit den Terroristen sei nun im Schweizer Luftraum, erklärt Schwerzmann, als er den «Tages-Anzeiger» verabschiedet.

Erstellt: 13.11.2019, 18:47 Uhr

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