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Wer alte Menschen betreut, soll sich dafür ausbilden lassen

Der Markt der privaten Seniorenbetreuung wächst ungebremst. Jetzt setzen sich regionale Anbieter selbst für Qualitätsstandards ein, damit Alte nicht zu Schaden kommen. Dem Kanton fehlt dafür die Handhabe.

Von Sarah Sidler Die Firma Senior Care Home aus dem Zürcher Oberland gibt es nicht mehr. Seniorenzuhause.ch hat sie übernommen. Damit verdoppelt Seniorenzuhause.ch seinen Kundenstamm. Das Unternehmen existiert seit drei Jahren und wird vom 33-jährigen Geschäftsleiter Philippe Guldin betrieben. Seniorenzuhause.ch bietet ambulante Pflege und Betreuung von Senioren an. Ein Markt, der boomt. Bis 2040 dürfte sich die Zahl der über 80-Jährigen in der Schweiz laut dem Bundesamt für Statistik mehr als verdoppeln, von derzeit 290 000 auf 680 000 Personen. Pflege- und Altersheime können die wachsende Anzahl alter und pflegebedürftiger Menschen nicht mehr bewältigen. Private Betreuungs- und Pflegeangebote für Senioren spriessen wie Pilze aus dem Boden. Angebote, Preise und Ausbildung der Angestellten variieren stark. Solche, die bereits bestehen, sprechen von Umsätzen, die sich jährlich verdoppeln. So Seniorenzuhause.ch: «Unser Umsatz wächst derzeit um 120 Prozent», sagt Guldin. Nicht alle Angestellten in seiner Firma verfügen über dieselbe Ausbildung: Während Studentinnen mit Senioren spazieren gehen, müssen Mitarbeiter, die mit anspruchsvolleren Betreuungsfällen zu tun haben, den Pflegehelferkurs des Schweizerischen Roten Kreuzes (SRK) absolviert haben &endash die Mindestausbildung im Pflegebereich. Auch Katharina Hadorns Firma Private Care mit Sitz in Wallisellen verdoppelt ihren Umsatz jährlich. Sie bietet im Bereich der privaten Pflege alles bis zur Rund-um-die-Uhr-Betreuung an. Ihre Angestellten haben den SRK-Kurs besucht und verfügen über mindestens zwei Jahre Berufserfahrung. Hadorn warnt davor, bei der Pflege- und Betreuungsqualität zu sparen. «Menschen, die mit Senioren umgehen, müssen zwingend über die entsprechende Ausbildung und Erfahrung verfügen.» So muss eine Pflegende beispielsweise merken, dass eine plötzliche Gewichtszunahme auf eine schwere Herzerkrankung hindeuten kann. Unbehandelt kann diese tödlich enden. Wissen, wie im Notfall reagieren Die amerikanische Firma Home Instead, die grösste Schweizer Betreuungsorganisation in der Schweiz, betreibt vier Ableger im Kanton Zürich: Im Zürcher Unter- und Oberland, am oberen Zürichsee und in Meilen. Vor vier Jahren gegründet, beschäftigt Home Instead heute bereits über 1000 Personen. Die Firma hat sich im Bereich der nicht medizinischen Betreuung von Senioren starkgemacht. Die Mehrzahl der Angestellten sind Wiedereinsteigerinnen &endash oft Hausfrauen &endash, die meist intern ausgebildet werden. Für Regina Soder, Präsidentin des Schweizer Berufsverbands für Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner müsste aber mindestens der Pflegehelferkurs des Schweizerischen Roten Kreuzes Pflicht sein für Menschen, die Senioren betreuen. Damit die Betreuer wissen, wie im Notfall zu reagieren ist. «Durch Unwissenheit können Senioren ernsthaft Schaden nehmen», sagt Soder. Sie hat von Patienten gehört, die trotz Druckgeschwüren wochenlang nicht zum Arzt gebracht wurden, und macht sich Sorgen: «In diesem neuen Markt läuft nicht nur Gutes.» So weiss sie beispielsweise von Schweizer Firmen, die Frauen aus dem Osten für die Betreuung von Senioren rund um die Uhr einsetzen. «Diese Frauen sprechen kaum Deutsch und verfügen nicht über die notwendige Ausbildung.» Letztere könnte bei Demenzkranken aber bereits für einen Spaziergang vonnöten sein. Birgit Wartmann von Pro Senectute Kanton Zürich stösst ins selbe Horn: «Es gibt viele neue Modelle zur Seniorenbetreuung.» Die qualitativen Unterschiede sind gross. «Jedermann kann sich im Markt der Seniorenbetreuung bewegen, eine Institution gründen.» Die Zeit sei reif für ein Qualitätslabel. Ein Verband soll helfen Dieser Problematik ist sich der Franchisenehmer von Home Instead, Paul Fritz, bewusst. «In unserem Metier geht es um Menschen, die zum Teil wehrlos sind. Da kann man nicht irgendwelche Leute hinschicken.» Er will deshalb einen Verband gründen, der im wachsenden Markt Qualitätsstandards setzt. Margareta Stettler, die Geschäftsführerin der in Mönchaltorf beheimateten Hauspflegeservice GmbH, wünscht sich ebenfalls eine gesamtschweizerische Regelung, um eine sichere Betreuung zu gewährleisten. Ihre Firma bietet von Pflege gestützte Betreuung an. Alle 130 Angestellten haben mindestens den Pflegehelferkurs des Roten Kreuzes oder ähnliche Lehrgänge absolviert. Sie versuche nun, ähnliche Firmen auf dem Markt von einer einheitlichen Regelung zu überzeugen. Verbandspräsidentin Regina Soder sagt jedoch: «Es ist schwierig, im Bereich der privaten Betreuung Qualitätsstandards zu setzen.» Es müsste eine unabhängige Behörde sein, doch sie wüsste nicht, welche. Brigitta Bhend von der Unabhängigen Beschwerdestelle für das Alter wünscht sich, dass die Gesundheitsdirektion einschreiten würde und Betriebsbewilligungen auch im Bereich der Betreuung erstellen könnte. Für die Pflege &endash bereits das Waschen eines Patienten fällt darunter &endash gebe es schliesslich Vorgaben. Werden diese erfüllt, bezahlt die Krankenkasse. Die Zahl der Beschwerden im Bereich Betreuung nehme zu, sagt Bhend. «Qualitätsstandards wären besonders für die Betreuung von Demenzkranken erstrebenswert.» Überforderung könne bis zur Misshandlung kranker Menschen führen. Doch auf behördliche Standards können pflegeabhängige alte Menschen wohl noch lange warten: Die Gesundheitsdirektion des Kantons Zürich hat nicht vor, auch für die Betreuung eine Betriebsbewilligung einzuführen, wie sie für die Pflege notwendig ist, sagt ihr Sprecher, Daniel Winter. «Es fehlt die gesetzliche Grundlage. Die Betreuung ist gemäss Gesundheitsgesetz nicht bewilligungspflichtig und nicht bewilligungsfähig.» Zum Wohl der Senioren könnte Pflegepersonal verpflichtet werden, Kurse des Roten Kreuzes zu besuchen. Foto: Gaetan Bally (Keystone)

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