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Wer ausbrennt, hat vorher gebrannt

Burn-out trifft Einzelne &endash aber auch die Gesellschaft als Ganzes. In beiden Fällen hilft ein ethischer Reifungsprozess. Von Toni Brühlmann

Obwohl Burn-out inzwischen in vieler Munde ist, bleibt oft unklar, was darunter zu verstehen ist. Burn-out ist primär ein Erschöpfungssyndrom, hervorgerufen durch anhaltende Überforderung und Überlastung. Man mag nicht mehr: Das heisst, die Motivation ist verloren gegangen, die Gedanken haben ihre Kreativität eingebüsst, die Gefühle sind farblos und der Körper entkräftet. Burn-out ist zweitens eine Stresskrankheit. Als Stressauslöser &endash die sogenannten Stressoren &endash fungieren Aspekte der gesellschaftlichen Entwicklung, nämlich Alltagshektik, Informationsüberflutung oder überhöhte Leistungs- und Erfolgserwartungen vonseiten des Arbeitgebers. Am Arbeitsplatz leidet der Teamgeist unter dem rivalitätsfördernden Erfolgsdruck. Oft fehlt zudem die verdiente Anerkennung, und der Handlungsspielraum des Einzelnen ist stark eingeengt. Vom Stress zur Überforderung Ein Burn-out entwickelt sich allerdings erst dann, wenn zu den äusseren Stressoren individuelle Stressverstärker dazukommen. Typische Stressverstärker sind überspitzte Grundhaltungen wie Perfektionismus, Helfersyndrom oder Geltungsdrang. Dadurch wird aus dem Stress, der primär eine gesunde Herausforderung darstellt, eine krank machende Überforderung. In diesem Sinne ist Burn-out eine gesellschaftlich bedingte Stresskrankheit, bei der der Einzelne zugleich Opfer und Täter ist. Das Entscheidende am Burn-out-Phänomen ist jedoch die Sinnkrise. Ist der Alltag gefüllt mit hektischer Pflichterfüllung und ichbezogenem Erfolgsstreben, dörrt die Seele aus. Der Betroffene fühlt sich leer, unmotiviert und legt plötzlich ein ungewohnt distanziertes oder sogar zynisch anmutendes Verhalten an den Tag. Werte, die vorher dem Alltag Sinn gaben wie zum Beispiel Zuverlässigkeit oder Sachkompetenz bei der Arbeit oder Ehrlichkeit und Fairness im Umgang mit anderen, schwinden dahin, und das Anrecht, für sich selbst die Verantwortung zu übernehmen, geht vergessen. Die Verluste des eigenen Selbst Wenn tragende Werte fehlen und die Eigenverantwortung nicht mehr wahrgenommen wird, wird Burn-out zu einer persönlichen Ethikkrise. Darin liegt auch die Chance einer Neubesinnung und Neuorientierung. Treibende Kraft sind dabei die essenziellen Verluste, die man im Burn-out-Prozess erleidet, nämlich die Verluste des eigenen Selbst, der Gemeinschaft und des Ganzen. Der Selbstverlust ist Folge der Fremdbestimmung durch die gesellschaftlichen Imperative zu immer mehr Effizienz, Leistung und Selbstvermarktung. Die Eigenbestimmung stirbt unbemerkt ab. In einem Prozess der Autonomisierung gilt es, die eigenen Bedürfnisse neu zu entdecken und sich im Alltag vermehrt wieder nach dem zu richten, was einem persönlich wirklich wichtig ist. Überwindung der Egozentrik Konkret kann dies heissen, dass das eigene Leben neu ausbalanciert und wieder mehr Zeit in Hobbys, Musse und Beziehungspflege investiert wird. Der Gemeinschaftsverlust entsteht durch eine erfolgsgetriebene Rivalität, bei der der Mitarbeiter am PC nebenan zum bedrohlichen Konkurrenten wird. In einem Prozess der Solidarisierung wird das Miteinander neu aufgespürt; der Nächste ist dann nicht mehr nur da, um einen zu bewundern oder Neid auszulösen. Werte wie Respekt oder Gerechtigkeit werden zu neuem Leben erweckt. Die zeittypische Übergewichtung der Selbstbezogenheit &endash wie sie zum sogenannten narzisstischen Zeitalter gehört &endash verursacht schliesslich auch den Verlust des Ganzen. Die überbetonte Individualisierung setzt das Ego einseitig ins Zentrum des eigenen Strebens. In einem Prozess der Egotranszendierung vollzieht sich eine neue Ausrichtung auf das Ganze, und das Ich wird Teil und Repräsentant des Umgreifenden. Das Ganze wird unterschiedlich und in persönlicher Weise erfahren &endash sei es als Natur, in die wir eingebettet sind, oder als Verbundenheit mit anderen oder als transzendente Kraft, die auf spirituellem oder institutionell-religiösem Wege zugänglich werden kann. Nach der Überwindung der Egozentrik ist man nicht mehr nur Macher und Aktor, sondern ebenso sehr ein empfangsbereiter Re-Aktor, der auf das Ganze antwortet und es bezeugt.Der Gewinn von mehr Autonomie, Solidarität und Transzendenzbezug ergänzt sich und bildet einen ethischen Reifungsprozess. Darin wird ein ethisches Selbst geboren, das die Verantwortung für das Eigene, das Gemeinsame und das Ganze übernimmt. Dies entspricht einer ethischen Selbstwahl, die einen zu sich selbst bringt. Dadurch erwirbt man einen soliden Schutzschild gegenüber der grassierenden Burn-out-Epidemie. Wer die Eigenverantwortung richtig versteht und ernst nimmt, ist nicht mehr Burn-out-gefährdet. Drückende Schuldenlast Die markante Zunahme der Burn-out-Fälle spiegelt eine Gesellschaft, die selbst Merkmale eines Burn-out-Prozesses aufweist. Wer ausbrennt, hat vorher gebrannt. Die Überhitzung der Märkte mit verschiedenen Blasenbildungen und überrissene Managerlöhne zeugen davon. Vermehrt zeigen sich inzwischen aber auch Anzeichen von Erschöpfung. Die Bürde der Bank- und Staatsschulden wird immer drückender, die Börsen stehen unter Dauerstress. In der Bevölkerung wachsen die Zweifel an der Lernfähigkeit und Berechenbarkeit der Bankenwelt, und den politischen Gremien traut man eine entscheidende Einflussnahme nicht mehr so recht zu. Ohnmachtsgefühle, Zukunftsängste, Pessimismus und Desinteresse mehren sich und markieren eine Gesellschaftsstimmung mit depressiven und Burn-out-Symptomen. Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat viele Ursachen. Sie lässt sich auch als Ethikkrise verstehen. Die Finanzinstitute haben in den letzten Jahrzehnten an Macht gewonnen und stehen für eine Ideologie, in der die Geldmehrung von der Rahmenbedingung zum Hauptziel eines gelingenden Lebens aufgestiegen ist. Die Auswüchse davon wie ungezügelte Geldgier, gewissenlose Spekulationen oder unsoziale Lohnschere sind sichtbarer geworden und rufen nach Gegenbewegungen, die die ethischen Ressourcen in der Bevölkerung mobilisieren und zu politischer Geltung bringen. Die Occupy-Bewegungen sind erste Ansätze in diese Richtung. Es braucht ein neues Paradigma, in welchem nicht monetäre Werte wie soziale Gerechtigkeit oder ökologische Verantwortung mehr Gewicht erhalten. Wie beim Einzelnen vermag die aktuelle Krise, ist sie nachhaltig genug, auch im Gesellschaftssystem eine ethische Reifung zu bewirken. Wertvorstellungen, die sich nicht an den neusten Börsendaten und Wechselkursen messen lassen, erlangen dadurch mehr Autorität. Toni Brühlmann Er ist Ärztlicher Direktor und Leiter des Kompetenzzentrums Burn-out und Lebenskrise der Privatklinik Hohenegg in Meilen.

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