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«Werden Sexting-Bilder weitergeleitet, ist das vernichtend»

Alexandra Ott Müller hat als leitende Jugendanwältin immer wieder mit selbst hergestellten Pornoaufnahmen zu tun. Sie rät Eltern und Jugendlichen auf jeden Fall zur Anzeige.

Mädchen, die Bilder von sich preisgeben, haben gemäss Alexandra Ott Müller oft ein Problem mit dem Selbstwert.
Mädchen, die Bilder von sich preisgeben, haben gemäss Alexandra Ott Müller oft ein Problem mit dem Selbstwert.
Delmaine Donson (Getty Images)

Was bringt ein junges Mädchen dazu, sich nackt abzulichten und die Bilder zu verschicken?

Es ist das Bedürfnis, dem Gegenüber einen Gefallen zu machen, gemocht zu werden, nicht ausgeschlossen zu werden – auch in der Peergroup. Aus unserer Optik ist das Verhalten auch ein Zeichen für Unreife und Unaufgeklärtheit. Die Mädchen blenden die Konsequenzen meist aus.

Oft bitten Buben oder gar junge Erwachsene die Mädchen mit mehr oder weniger Druck um Bilder. Gibt es auch Mädchen, die freiwillig solche Aufnahmen versenden?

Was heisst schon freiwillig? Wenn ich zu wissen glaube, was mein Gegenüber möchte, damit es mich weiter gern hat, dann handle ich möglicherweise vorauseilend und mache alles, egal wie absurd es ist. Aber freiwillig in dem Sinn, dass ich auch die Konsequenzen kenne und in Kauf nehme, ist das nicht.

Was sind das für Mädchen, die in die Sexting-Falle tappen?

Sie stammen querbeet aus allen Gesellschaftsschichten. Die Mädchen haben aber ein Problem mit dem Selbstwert. Sie haben den Wunsch, dieselbe Anerkennung zu bekommen, die andere erhalten, ohne dass sie solche Selfies verschicken würden.

«Was heisst schon freiwillig? Freiwillig in dem Sinn, dass ich die Konsequenzen kenne und in Kauf nehme, ist das nicht.»

Und die Buben? Warum verlangen sie solche Bilder?

Es ist eine Art Trophäe: Schaut mal her, so ein Mädchen habe ich. Man zeigt, was man hat. Und auch wenn man die Fotos von anderen erhalten hat, kann man noch immer damit angeben.

Verschicken eigentlich auch Buben Nackt-Selfies?

Praktisch nie. Es scheint, als fänden Mädchen Abbildungen des männlichen Geschlechtsteils nicht so spannend.

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«Ich wollte die Bilder nicht der ganzen Welt zeigen»

Obwohl es strafbar ist, breitet sich Sexting unter Jugendlichen rasant aus. Weshalb sich Mädchen selbst nackt fotografieren, zeigen Protokolle der Jugendanwaltschaft. (Abo+)

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Was macht es mit einem jungen Mädchen, wenn die Fotos herumgezeigt und an Kollegen weitergeleitet werden?

Das ist vernichtend. Die Mädchen sind völlig verloren, wenn sie merken, dass die Bilder nun auf ewig im Netz sind. Sie brauchen viel Unterstützung. Da arbeiten wir auch als Jugendanwälte sehr pädagogisch, um zu vermitteln: Das musst du dir nicht gefallen lassen. Oft verhöhnen die Buben die Mädchen ja dann noch dafür, dass sie bereit waren, solche Bilder zu machen.

Eigentlich wissen die Teenager genau, welche Konsequenzen Nackt-Selfies haben können, nicht nur strafrechtlich. Dennoch tun sie es. Wie kann man das verhindern?

Mit Erziehung. Sexting ist ja ein ganz zentraler Teil der Prävention, aber manche können das nicht in Bezug setzen zu sich selbst, wenn sie eine Gelegenheit zum Handeln haben. Darum kann man nicht früh genug damit beginnen, der eigenen Tochter zu sagen: Tu es nicht, tu es nicht, tu es nicht. Oder, wenn man einen Sohn hat, aus der Optik des Mädchens, der Frau zu zeigen: Das tut man nicht.

Also könnte man sagen, die Prävention greift nur, wenn die Erziehung den Boden gelegt hat dafür?

Sie hat eine deutlich höhere Chance zu gelingen, wenn die Jugendlichen schon einmal etwas über Rollenbilder und Paarbeziehungen gehört haben, wenn sie daheim Vorbilder haben.

«Die Jungs können sich sicher fühlen, weil die Mädchen dermassen stigmatisiert werden.»

Noch gibt es nicht allzu viele Verfahren wegen Sexting, aber die Dunkelziffer dürfte recht hoch sein. Können Sie eine Schätzung dazu machen?

Nein, das wäre nicht seriös. Aber ich bin überzeugt, dass diese um ein Mehrfaches höher ist als die Zahl der Strafverfahren.

Welche Rolle spielt der Umstand, dass es schwierig ist, die Täter zu erwischen?

Ich glaube, die grosse Dunkelziffer hat eher damit zu tun, dass sich die Opfer aus Scham nicht melden. Die Jungs können sich sicher fühlen, weil die Mädchen dermassen stigmatisiert werden. Da ist es auch an den Eltern nachzustochern.

Das Handy der eigenen Kinder zu untersuchen, ist ein Eingriff in die Privatsphäre.

Ja, aber Mütter und Väter sind verantwortlich für ihre Kinder. Das dürfen sie ihnen auch zeigen.

«Die Chance, Bilder wieder aus dem Netz zu löschen, ist gleich Null. Es hat immer irgendjemand die Bilder.»

Inwieweit wird die Strafverfolgung dadurch erschwert, dass sich die Mädchen auch selbst strafbar machen, indem sie Nackt-Selfies machen und versenden?

Es ist die Stärke unseres Jugendstrafrechts, dass es dieser unglücklichen Konstellation begegnen kann: Nicht mit Stigmatisierung und noch mehr Belastung, sondern indem wir mit dem Mädchen zusammen sein Verhalten reflektieren, vielleicht als Erste überhaupt. Wir analysieren seine Situation individuell. In vielen Fällen kommen wir zwar nicht um eine Sanktion herum, aber dann schicken wir das Mädchen in einen Medienkurs. Auch die Eltern beziehen wir ein und erklären ihnen, wie sie ihr Kind unterstützen können, damit das Mädchen das nie mehr tut.

Gibt es Chancen, solche Bilder zu löschen, wenn sie erst einmal im Netz sind?

Nein. Null. Wir bekommen immer wieder verzweifelte Bitten, wir möchten Google doch anweisen, die Aufnahmen zu entfernen. Aber es hat immer irgendjemand die Bilder.

Und wie gross sind die Chancen, dass die Bilder irgendwann wieder auftauchen?

Ältere Fälle von Pädophilie zeigen, dass die Fotos nach zehn Jahren noch herumgereicht werden. Aber selbst wenn die Bilder nicht mit Namen versehen sind: Subjektiv ist dem Opfer nicht geholfen, denn es sieht sich immer und immer wieder, immer und überall. Es gibt nur alles oder nichts. Man kann nicht ein bisschen im Internet sein.

Können Sie etwas über die langfristigen Folgen für die Opfer sagen?

Sagen wir es so: Unbesprochen und nicht aufgearbeitet hat das dieselbe Wirkung wie ein Missbrauch, der nie aufgedeckt wurde. Wir müssen dem Opfer die Chance geben, über die Demütigung und Scham zu reden – auch wenn es sich selbst strafbar gemacht hat.

Sollte man als Eltern nicht erst einmal versuchen, die Sache in einem Gespräch mit den Eltern des anderen Jugendlichen einvernehmlich zu klären?

Es ist ratsamer, die Polizei und die Behörden zu involvieren. Worauf zielt man denn damit ab? Was erreicht man? Am Ende ist der Täter entlastet, aber die Bilder des Opfers sind noch immer im Netz. Und da sind ja auch Emotionen, Trauer, Wut, Entsetzen. Das zuerst am Küchentisch ausdiskutieren zu wollen, fände ich sehr mutig. Und es macht im Übrigen die Ermittlungen zunichte.

Sie würden den Betroffenen und ihren Eltern also auf jeden Fall zu einer Anzeige raten?

Unbedingt. Es ist in dem Moment die einzige Möglichkeit, die Eltern bleibt: Das Kind zu unterstützen und durch diesen Prozess zu begleiten. Die Eltern sind ja oft auch selbst verzweifelt, und im Verfahren können wir das aufarbeiten. Das ist übrigens ein Rat, den ich allen Eltern gebe, deren Kinder in ein Strafverfahren involviert sind: Sich als gesetzliche Vertreter ihrer Kinder zu verstehen, ihnen den Rücken zu stärken und das Verfahren auf sich zukommen zu lassen. Manchmal kennt man sein Kind nicht mehr. Aber wenn man in dem Moment die Taten nicht ans Licht zieht, sondern unter den Tisch kehrt, verpasst man die Chance, dem Kind noch einmal eine Lektion mitzugeben, ohne dass es im Strafregister eingetragen würde. Dafür ist das Jugendstrafrecht da.

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