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Wie im Zunfthaus eine Weinkanne nicht verschwand

Ein 59-jähriger Küsnachter soll an einem Hochzeitsfest in einem Zürcher Zunfthaus eine Weinkanne gestohlen haben. Hat er nicht, meinte die Einzelrichterin.

Küsnacht/Zürich - Er nahm die Weinkanne «in einem vom Personal und von der Hochzeitsgesellschaft unbemerkten Moment an sich, steckte sie in seinen Sprüngli-Plastiksack, tarnte sie mit Konfetti und Papierbechern und stellte den Sack samt entwendetem Inhalt auf die Hutablage der Garderobe im zweiten Stock, in der Absicht, sie später abzutransportieren».

So stehts in der Anklageschrift. Passiert sein soll das Ganze im Juli 2007 mitten in der Nacht im später abgebrannten Zunfthaus zur Zimmerleuten. Das Corpus Delicti: eine Weinkanne aus Zinn, innen vergoldet, 36 cm hoch, 1410 g schwer, «in einem 6000 Franken erreichenden Wert». Das Schwerwiegende dabei: Die Kanne war ein Geschenk der Brauteltern an die Zunft. Das Erfreuliche dabei: Die Kanne ist gar nicht verschwunden.

«Hab damit nichts zu tun»

Doch das hilft dem 59-Jährigen nichts. Denn für den Tatbestand des Diebstahls genügt es, dass der Gegenstand in Gewahrsam genommen wurde. Der 59-jährige, Partner der Tante des Bräutigams, soll der Dieb sein. Und dafür soll der bisher unbescholtene Küsnachter drakonisch mit sechs Monaten unbedingt bestraft werden. «Ich habe damit gar nichts zu tun, ich bin unschuldig und kann nicht verurteilt werden, nur weil ich der Besitzer dieses Plastiksacks bin», sagte der Angeklagte gestern Dienstag vor der Einzelrichterin des Bezirks Zürich.

Mit vielen Worten und grossen Gesten versucht er zu begründen, warum er freigesprochen werden muss. Er ist zwar allein vor Gericht erschienen, aber die Art seiner Argumente zeigt, dass er sich vorher von einem Anwalt beraten liess.

Er macht vor allem formelle Fehler in der Untersuchung geltend: Akten seien verschwunden und Aussagen nicht protokolliert worden, Konfrontationseinvernahmen hätten nicht stattgefunden, der Staatsanwalt habe Suggestivfragen gestellt.

Ein Sack als Beweisstück

Und seine eigene Strafanzeige sei nicht behandelt worden. Denn der Plastiksack sei ihm gestohlen worden. Zur Illustration hat er sich neue Sprüngli-Plastiksäcke besorgt, hat einen davon mit Papierbechern und in Ermangelung von Konfetti mit zwei Kaffeebeuteln gefüllt. Er packt die Dinge aus, will wissen, wo hier eine Kanne noch Platz finde. Immer wieder versucht die Einzelrichterin, ihm zu erklären, dass seine Einwände für die Frage «Schuld oder Unschuld» nicht entscheidend seien. Er hört es nicht. «Entschuldigen Sie, dass ich so aufgeregt bin», sagt er später.

Der Freispruch, den die Einzelrichterin in dieser «seltsamen Sache» fällt, lässt sich einfach begründen. Die verschiedenen Zeugenaussagen machen keinen Sinn - wenn man sie miteinander vergleicht. Einmal hat die Braut die Kanne im Sack auf der Hutablage entdeckt, einmal wars eine Angestellte des Zunfthauses. Einmal konnte man die Kanne im Sack deutlich sehen, einmal war sie von aussen nicht zu erkennen. Einmal soll es eine Zinnkanne gewesen sein, dann wars doch wieder eine Silberkanne. Einmal hiess es, der Angeklagte habe den Sack mitgenommen, einmal hiess es, der Sack sei von einer Angestellten entsorgt worden.

«Zu viele Widersprüche», sagt die Einzelrichterin. Und: «Der Sackbesitzer ist nicht automatisch der Dieb.» Thomas Hasler

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