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Wie man innert Tagen für fast 525 000 Franken Lotto spielen kann

Ein 26-jähriger ehemaliger Angestellter des kantonalen Steueramts war fast sein ganzes Leben «ein ordentlicher Bürger». Für ein halbes Jahr lebte er den Grössenwahn. Nun folgt das Gefängnis.

Von Thomas Hasler Zürich – Da blättert einer, um an Lottospielen teilzunehmen, innerhalb von wenigen Tagen 345 000 Franken auf den Tisch im Avec-Kiosk in Oberglatt und weitere 180 000 Franken gibt er beim Kiosk Blue Express in Seebach aus. Gleichsam nebenher lässt er in der gleichen Zeit noch 175 000 Franken im Casino Baden liegen. Und dann steht der gleiche Mensch zwei Jahre später vor dem Bezirksgericht – und das Wort «Spielsucht» oder «Spielsüchtiger» kommt ihm kein einziges Mal über die Lippen. Immerhin weiss er, «dass ich ein Problem habe. Und mich nimmt wunder, was es ist.» Der Besuch beim Psychotherapeuten blieb «aufgrund der finanziellen Verhältnisse» bisher ein einmaliger Vorgang. Dass er spielsüchtig ist/war, mag das eine Problem sein. Dass hinter seiner Person mehr Schein als Sein steckt, müsste die andere schmerzhafte Erkenntnis sein. Welcher Teufel ihn im Frühjahr 2008 ritt, wurde an der Verhandlung am Montag nicht klar. Es sei «eine schlechte Zeit» gewesen, damals. Eine Beziehung ging auseinander. Offenbar fand er gleichzeitig am Glücksspiel und am Casino-Betrieb Gefallen. Der «Kreislauf» komme schnell, «wenn man einmal hoch gewonnen hat». Jedenfalls schreibt der Mann, der zu jener Zeit beim kantonalen Steueramt die Wertschriften-Formulare der Steuerpflichtigen kontrolliert, einer 67-jährigen Steuerzahlerin einen Erpresserbrief, in dem er im Auftrag der Organisation «Kir’c’is Gang» 750 000 Franken fordert. Knapp zwei Wochen später bekräftigt er die Forderung, die er jeweils mit der Drohung unterstreicht, er werde sonst sie und ihren Sohn töten. Leben auf zu grossem Fuss Dass der massige Mann schon seit längerem auf zu grossem Fuss lebt, dokumentieren seine Kreditkarten-Schulden. Der 26-Jährige nennt Schulden «Vermögen im Minus». Aus Angst, seine geliebte Platin-Karte zu verlieren – in der Regel setzt diese Karte einen sechsstelligen Jahresumsatz voraus –, fälscht er eine Einzahlung von fünf Franken so ab, dass der Eindruck entsteht, er habe 66 665 Franken überwiesen. Das trägt ihm zur versuchten Erpressung noch eine Anklage wegen Urkundenfälschung ein. Doch dann lernt er im Casino einen Mann kennen, der sein Geld in der Telekommunikationsbranche verdient. Und der er sich offenbar leisten kann, an einem Abend 100 000 Franken zu verspielen. Man kommt zu später Stunde in einem Stripteaselokal ins Gespräch. Der junge Mann, der sich inzwischen zum vermeintlichen Anlageberater einer scheinbar geheimen Spezialabteilung der UBS hochgetunt hat, meint, man könne die Verluste doch an der Börse wieder reinholen. Bei einer Investition von 500 000 Franken könne mit hochspekulativen Optionen in einem Monat ein Gewinn von 125 000 Franken erzielt werden. Und der 33-jährige Unternehmer, der von seinem Spielkumpan nicht mehr hat als eine Visitenkarte einer nicht wirklich existierenden Firma und der nicht mehr weiss als das, was ihm der junge Mann erzählt hat, plündert die Hälfte des Aktienkapitals seiner Firma und überweist mal eben 500 000 Franken. Mit dem Geld spielt der 26-Jährige, tilgt Schulden und äufnet sein Konto. Als der Kaufmann zehn Tage später hört, die Geschäfte würden sich äusserst vorteilhaft entwickeln, macht er weitere 500 000 Franken locker. Auch dieser Betrag versickert in den gleichen Kanälen. Als ihm der vermeintliche Börsianer weitere sieben Tage später vorgaukelt, er treffe grad einen Topkunden und müsse dann husch nach London, überweist ihm der Kaufmann noch einmal 250 000 Franken. Das extrem leichtfertige Verhalten des Opfers verunmöglicht eine Verurteilung wegen Betrugs. Es bleibt Veruntreuung. «Unter der Decke verkriechen» «Ich habe, ohne nachzudenken, gehandelt», sagte der 26-Jährige am Montag vor Gericht. «Fast täglich» denke er daran, was sich in jenem halben Jahr 2008 abgespielt habe. «Ich möchte mich am liebsten unter der Bettdecke verkriechen.» Er sei doch fast sein ganzes Leben «ein ordentlicher Bürger» gewesen. Die Vorstellung, von der 30-monatigen Strafe zehn Monate im Gefängnis absitzen zu müssen, ist für ihn «eine persönliche Katastrophe und ein herber Rückschlag in den Bemühungen, in der Gesellschaft wieder Fuss zu fassen». Fuss fassen möchte der KV-Absolvent in der Selbstständigkeit, beispielsweise in der Immobilienbranche. Dass er nicht weiterhin als Teilzeitverkäufer in der Migros arbeiten will, ist ohne Worte klar. Doch die «verschiedenen Pläne», die er hat, mussten «wegen des hängigen Verfahrens» genauso warten wie eine neue Beziehung, die nicht infrage kommt, solange der Prozess nicht abgeschlossen ist. Inzwischen hat er offenbar in allen Schweizer Casinos freiwillig eine Spielsperre veranlasst. Und das mit dem Lotto-Spiel lässt er ganz bleiben, respektive er spielt nur «begrenzt», respektive er riskiert nur ein paar Franken «bei einem höheren Jackpot». Das Lotto-Spiel lässt er ganz bleiben, respektive er spielt nur «begrenzt», respektive er riskiert ein wenig bei hohem Jackpot. Auch im Casino Baden hat der Angeklagte in kurzer Zeit sehr viel Geld verspielt – fremdes. Insgesamt 175 000 Franken. Foto: PD

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