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Wie soll Horgen seinen Energieverbrauch senken?

Am 27. November stimmt die Gemeinde über den Atomausstieg und die 2000-Watt-Gesellschaft ab. Befürworter und Gegner kreuzen die Klingen.

Von Daniel Stehula und Gaby Schneider Gübeli: Die Reihenfolge ist die falsche. Das ist wie mit einem Marathonlauf. Wenn jemand mit dem Lauftraining beginnt, dann meldet er sich auch nicht nach einem halben Jahr bereits beim New-York-Marathon an.Matthias Herfeldt: Wer einen Marathon rennen will &endash und das müssen wir als Gesamtgesellschaft in Sachen Energiesparen &endash, muss früh anfangen zu trainieren. Deshalb ergibt es sehr wohl Sinn, wenn Horgen sich heute das Ziel setzt, bis 2050 zur 2000-Watt-Gesellschaft zu gehören. Ich teile die Meinung des Gemeinderats, dass dies ein ambitiöses Ziel ist, aber es ist eben auch ein notwendiges. Und Horgen hat schon viele ehrgeizige Ziele erreicht, zum Beispiel den Busbahnhof.Gübeli: Es gibt 2500 Gemeinden in der Schweiz, und nur gerade 22 davon haben das Goldlabel. Da wäre es doch sehr ambitiös, wenn Horgen dazugehörte. Die Gemeinde übernähme so eine starke Vorreiterrolle im Bezirk. Hans-Peter Brunner: Es geht um die grundsätzliche Frage, ob wir einen Staat wollen, der vorschreibt, welcher private Energieverbrauch zulässig ist und welcher nicht. Wir sagen dazu Nein &endash wohl wissend, wohin solche bevormundenden Gesellschaftsmodelle führen. Herfeldt: Gemäss Initiative haben wir 40 Jahre Zeit, das 2000-Watt-Ziel zu erreichen. In dieser langen Frist wird der Technologiefortschritt die Energieeffizienz massiv verbessern. Klar, allein der Fortschritt wird es nicht richten, auch Einschränkungen im Energiekonsum werden nötig sein. Aber weniger Verbrauch ist manchmal mehr Genuss.Brunner: Solche Gedankenspiele können wir uns nur dank unseres Wohlstands leisten. Der Rest der Welt will zuerst einmal den Standard der Schweiz erreichen. Und auch wir können unseren Sozialstaat nur durch Wirtschaftswachstum berappen. Das erreicht man leider nur unter Einsatz von Energie in all ihren Formen. Herfeldt: Genau weil ärmere Länder berechtigterweise mehr Wohlstand anstreben, müssen wir masshalten. Die westliche Gesellschaft hat in weniger als 150 Jahren die Hälfte der Erdölvorkommen verbraucht. Das ist ungerecht, auch gegenüber kommenden Generationen.Brunner: Und wie weit würden Sie gehen, um Gerechtigkeit zu schaffen? Wären Sie bereit, sich beispielsweise für ein Scheidungsverbot auszusprechen, um den Doppelverbrauch an Wohnraum und Energie zu verhindern?Herfeldt: Nein, das wäre ein unzulässiger Eingriff ins Private. Sinnvoll wäre es, gemeinschaftliche Wohnformen aktiv zu fördern. Denn klar ist: Eine weitere Ausdehnung der Wohnfläche pro Kopf können wir uns nicht leisten. Brunner: Unser beschränktes Angebot an lokalem Solarstrom ist ausverkauft, es soll bei weiterwachsender Nachfrage aber ausgeweitet werden. Bei der Wasserkraft haben wir noch viel Kapazität. Und mit der Einführung des günstigen Alternativprodukts «Erneuerbar+» per 1. Januar wird der Ersatz unseres atomlastigen Strommixes erschwinglich. Allerdings riskieren wir damit, unseren eigenen Naturstrom zu konkurrenzieren. Herfeldt: Schade, dass Herr Brunner das neue Ökostromprodukt der Gemeindewerke so halbherzig ankündigt. Wenn Sie eine Konkurrenzsituation befürchten, wieso haben Sie es dann nicht mit einem Anteil lokal produziertem Naturstrom zusammengesetzt? Brunner: Wir müssen und wollen Transparenz schaffen, was die einzelnen Produkte beinhalten und was sie kosten. Statt uns zu kritisieren, sollten Sie uns dankbar sein, dass wir nun ein wirklich günstiges Alternativprodukt zum atomlastigen Strom anzubieten haben.Herfeldt: Und wieso machen Sie es nicht wie die Elektrizitätswerke der Stadt Zürich? Diese schlagen dem Konsumenten standardmässig ein Ökostromprodukt vor. Erlenbach macht das ab nächstem Jahr auch so. Aber unser Gemeinderat will das nicht, mit der Begründung, die Wahlfreiheit nicht beschneiden zu wollen. Dabei ist es doch kein Beschneiden der Wahlfreiheit, wenn wir dem Konsumenten sauberen Strom empfehlen.Brunner: Es ist nicht Aufgabe der Gemeinde, dem Konsumenten zu sagen, welchen Strom er zu beziehen hat. 65 Prozent unseres Stroms werden in Horgen von Industrie und Gewerbe bezogen, und da ist vorrangig die Versorgungssicherheit zu möglichst günstigen Konditionen gefragt.Herfeldt: Unsere Initiative will ja nicht, dass Horgen sich sofort vom Atomstrom verabschiedet, sondern erst 2025. Ab diesem Zeitpunkt können Atomstrom und Solarstrom zu gleichen Kosten ins Netz eingespeist werden. So prognostiziert es das Bundesamt für Energie. Strom aus Sonnenenergie wird dank dem technischen Fortschritt immer billiger. Atomstrom verteuert sich hingegen, weil nach Fukushima die AKW aus Sicherheitsgründen nachgerüstet werden müssen. Brunner: Das sind alles Prognosen. Sollte der erneuerbare Strom tatsächlich billiger werden als der Atomstrom, werden wir selbstverständlich unseren Standard wechseln. Dafür müssen wir unsere Gemeindeordnung aber nicht ändern. Herfeldt: Drei Monate nach Fukushima waren gemäss Umfragen zwei Drittel der Schweizer für den Ausstieg und auch bereit, mehr zu zahlen für Ökostrom. Ich glaube nicht, dass diese Werte unter 50 Prozent gefallen sind.Brunner: Ich meine, es ist besser, wenn der Bürger primär aufgrund von Fakten entscheidet. Diese werden uns umfassend erst dann vorliegen, wenn das Schweizervolk über die Zukunft unserer Kernkraft zu entscheiden hat. Dafür braucht es die vorliegende kommunale Ausstiegsinitiative nicht.

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