Die Winterthurer Elite öffnet ihren Geheimclub

Der «Club zur Geduld» nimmt jetzt auch Frauen und Professoren auf, weil ihm die Industriellen und Händler wegsterben. Im Herbst ist sogar das Volk gefragt.

Wo sich die Sulzers, Rieters, Reinharts und Volkarts trafen: Der noble Speisesaal des «Clubs zur Geduld».

Wo sich die Sulzers, Rieters, Reinharts und Volkarts trafen: Der noble Speisesaal des «Clubs zur Geduld». Bild: Dominique Meienberg

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Winterthur – Diskretion ist oberstes Gebot im «Club zur Geduld». Wer nicht von einem Mitglied eingeladen wird, hat nichts verloren in den Räumen des gleichnamigen Hauses – wo sich die Elite der Stadt mit Freunden und Geschäftspartnern trifft. Dort tafelt sie, ungestört von den Massen, die sich draussen auf der Marktgasse von Kleiderladen zu Kleiderladen treiben lassen und manchmal in einer Strassenbeiz stranden.

Vielleicht wird das gewöhnliche Fussvolk irgendwann auch im Parterre des noblen Hauses «zur Geduld» Kaffee trinken können. Es bestanden bereits Pläne, dort ein öffentliches Café einzurichten, doch scheiterten sie am Widerstand der Clubmitglieder. Sie wollten nicht an Hausfrauen und Arbeitern vorbei zum Diner gehen. Auf ewig begraben ist das Projekt dem Vernehmen nach nicht. Es brächte dem Club Geld, das er gut gebrauchen könnte.

Die Bar war frauenfrei

Noch ist es indes ein erlauchter Kreis, der in die kühle Eingangshalle treten darf. An der Wand erinnert das Modell des Windjammers «Ida Ziegler» an Zeiten, als Winterthur Welthandelsstadt war, Wiege der Industrialisierung und Geburtsort einer grossen Versicherungsgesellschaft. Die «Ida» gehörte genauso der Handelsfamilie Biedermann wie das «Haus zur Geduld» für 200 Jahre. Doch die Familie zog aus Protest weg, weil die Winterthurer eine Nationalbahn an Zürich vorbei bauen wollten – ein Vorhaben, das zur Millionenpleite wurde.

Kunstmäzen und Baumwollhändler Oskar Reinhart erwarb das Doppelhaus 1919, um einen Club nach englischem Vorbild einzurichten: Zwecks Beziehungspflege und Geschäftsförderung konnten sich Industrielle und Händler zum Essen, zu Wein und zur Zigarre treffen – bewirtet vom eigenen Personal aus der eigenen Küche. Sie hiessen Rieter, Sulzer, Reinhart, Volkart. Sie hatten Wirtschaft und Politik der Stadt im Griff. Frauen waren nicht einmal als Begleiterinnen zugelassen, später durften sie sich im Damensalon beim Bridge vergnügen, während die Gatten Wichtiges besprachen. Die Bar blieb strikt frauenfrei.

Im Damensalon hat Ulrich Isler, Architekt und Vorstandsmitglied des Clubs, vor sieben Jahren eine interessante Entdeckung gemacht: Von Farbschichten überdeckte Landschaftsbilder aus dem 18. Jahrhundert. Diese sogenannten Grisaillen waren mit schwarzen Kohlefarben und weissem Bleioxyd gemalt worden. Das Oxyd stammte von Bleiplatten, die in Pferdemist vergraben worden waren. Die Denkmalpflege hat die Bilder restauriert und gestern präsentiert. Die Hälfte der Kosten übernahmen die Clubmitglieder. Der Preis? «Darüber wollen wir nicht reden», sagt Präsident Alex Reinhart.

Man spricht nicht gern darüber

Überhaupt gibt es vieles, worüber man nicht gerne spricht. Zum Beispiel über die Namen der Clubmitglieder. Oder über den Preis, zu dem Andreas Reinhart, der Grossneffe von Oskar Reinhart, als Präsident der Volkart-Stiftung 1995 das Haus dem Club verkaufte. Es waren bloss 3,2 Millionen Franken. Er war es leid, dass die Stiftung jährlich ein sechsstelliges Defizit decken musste. Und ohnehin hatte der Freigeist wenig am Hut mit dem Winterthurer Bürgertum, das an alten Zeiten klebte, obwohl Sulzer serbelte, Rieter schlingerte, die Versicherung verkauft und das Bankwesen längst von Zürich aus gesteuert wurde.

Ohne die Stiftungsgelder musste sich der Club wandeln, zumal die alte Garde langsam wegstirbt. Der Unterhalt des grossen Hauses mit Salons, Bar, Billardzimmer, Restaurant, Terrasse im Innenhof und separaten Garderoben ist teuer. Die Grossindustriellen und Händler wurden abgelöst von Inhabern kleinerer und mittlerer Unternehmen, Ärzten, Künstlern. Längst sind auch Zürcher und St. Galler dabei. Vermehrt stossen Professoren der Zürcher Hochschule ZHAW dazu. «Wir spüren den Wandel zur Bildungsstadt», sagt Isler.

Mitglieder sind auch Günter Heuberger, der Inhaber von Radio und Tele Top, und die Chefredaktorin des «Landboten», Colette Gradwohl. Seit Mitte der 90er-Jahre nimmt der Club Frauen auf. Heute beträgt ihr Anteil 7 Prozent. Unter anderem treffen sich die «Business & Professional Women Winterthur» im ehemaligen Herrenclub.

Krawattenpflicht abgeschafft

Langsam, aber stetig nimmt die Mitgliederzahl wieder zu. Sie liegt derzeit bei 400. Die Rechnung Ende Jahr sei meist ausgeglichen, sagt Isler. Aufgenommen wird, wer zwei bisherige Mitglieder als Götti hat und bereit ist, jährlich 1400 Franken zu bezahlen – für 500 davon darf er gratis essen. Serviert wird wochentags. Die Mitglieder treffen sich regelmässig in ihren Tischrunden, bezahlt wird Ende Monat per Rechnung.

Gelockert wurden auch die Kleidervorschriften: Früher waren Anzug und Krawatte Pflicht, heute heisst der Dresscode: «Smart Casual, but Jacket required». Und die Damen? «Sie kommen sowieso immer gut angezogen», sagt Alex Reinhart. Am 11. September fallen für einen Tag auch für die Herren die Vorschriften: Dann steht das Haus erstmals in seiner Geschichte allen offen. Die Besucher können die Grisaillen betrachten und für 55 Franken ein Dreigangmenü geniessen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.07.2010, 19:31 Uhr

Wurden gestern von der Denkmalpflege präsentiert: Diese 200-jährigen Wandmalereien.

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