Interview

«Ein Polizist verlor nach einem gezielten Angriff das Gehör»

Eine 19-Jährige verlor nach einem Gummigeschosseinsatz der Polizei an der Winterthurer Tanzdemo fast ein Auge. Laut Polizeivorsteherin Barbara Günthard-Maier (FDP) sind auch Polizisten schwer verletzt worden.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Frau Günthard-Maier, anderthalb Wochen nach der Tanzdemo ist publik geworden, dass eine 19-Jährige von einem Gummigeschoss der Polizei am Auge getroffen wurde. Das Auge konnte nur durch eine Notoperation gerettet werden, die Sehkraft sank auf 16 Prozent. Der Stadtrat hatte den Polizeieinsatz in einer Stellungnahme als «notwendig und zielführend» bezeichnet und der Polizei für den «professionellen Einsatz» gedankt. Stehen Sie immer noch zu dieser Aussage?
Tatsächlich hatte die Stadtpolizei seit diesem Montag konkretere Hinweise, wonach anlässlich der unbewilligten «Tanz dich frei»-Demonstration eine Person an einem Auge verletzt wurde, und konnte mit der betroffenen Person Kontakt aufnehmen. Ich bedauere, dass diese junge Frau verletzt worden ist. Details, wie es zur Verletzung kommen konnte, sind noch nicht bekannt. Dies ist Gegenstand von Abklärungen. Ich muss leider in Erinnerung rufen: Im Vorfeld der Veranstaltung wurde offen und unverhohlen zu Gewalt aufgerufen, vor Ort selber war die Gewaltbereitschaft gross. Ich war an diesem Abend vor Ort und habe mir ein Bild davon gemacht. Was ich da an Gewaltanwendung gesehen habe, hat mich tief erschüttert. Angesichts der grossen Gewaltbereitschaft war ein entschiedenes Eingreifen der Polizei leider unumgänglich.

Der Winterthurer Polizeikommandant Fritz Lehmann hat laut dem «Landboten» dem Opfer gesagt, es sei «viel schiefgelaufen». Ist das nun auch Ihre Einschätzung?
Sie zitieren hier eine Aussage der verletzten Frau. Wie eingangs gesagt, bedauere ich diesen Vorfall sehr. Dieser Vorfall und insbesondere die Rolle der Polizei werden untersucht. Dies ist richtig so. Doch ich denke, es ist wichtig, die Frage der Verantwortlichkeit auch breiter zu stellen. Wer hat in anonymer Form zu dieser unbewilligten Demonstration aufgerufen? Wer hat vor Ort Gewalt angewendet? Welchen Teil an Verantwortung tragen diejenigen Personen selbst, die vor Ort waren? Ich denke, diese Fragen muss sich jeder selbst stellen. Und vielleicht noch ergänzend: Leider wurden an diesem Anlass nicht nur Teilnehmende verletzt, sondern auch Personen, die in Ausübung ihres Berufs vor Ort waren. Ein junger Polizist wurde bei den Ausschreitungen so schwer verletzt, dass er wegen einer gezielt auf ihn geworfenen Petarde einen wohl dauerhaften totalen Hörverlust auf einem Ohr haben wird. Ein anderer Polizist wurde von 1000 Grad heissem Pyromaterial in der Kinn- und Halsgegend getroffen und konnte sein Leben nur durch eine geistesgegenwärtige Reaktion retten. Alle diese Vorfälle werden untersucht. Sobald Ergebnisse vorliegen, können wir dazu wieder informieren. Und ich muss wiederholen: Dank dem Einsatz der Polizei konnten viele Unbeteiligte vor Gewalt geschützt und weitere Sachschäden verhindert werden. Rund 7000 Franken Sachschaden in Winterthur stehen Schäden von zwei Millionen Franken in Bern gegenüber.

Wurde von Winterthurer Stadtpolizisten oder von Kantonspolizisten oder von beiden Seiten Gummigeschosse abgefeuert?
Zu Details des Einsatzes können wir – wie üblich und aus Gründen der Sicherheit und Taktik für zukünftige Einsätze geboten – nicht im Detail informieren.

Oft verlaufen Verfahren gegen Polizisten im Sand. Wie stellen Sie sicher, dass der verantwortliche Schütze zur Rechenschaft gezogen wird?
Ihre Unterstellung zieht unseren funktionierenden Rechtsstaat in Zweifel, was ich in aller Form zurückweise.

Ist geregelt, wann es zum Gummigeschosseinsatz kommt? War diese Situation am fraglichen Samstagabend eindeutig gegeben oder hätte ein weniger hartes Vorgehen nicht gereicht?
Die Polizeikräfte waren massiver Gewalt ausgesetzt – 1000 Grad heisse Pyros wurden auf Augenhöhe geschossen, es flogen Sprengkörper, Pflastersteine und Glasflaschen in die Menschen. Vor diesem Hintergrund war das entschiedene Eingreifen der Polizei leider unumgänglich.

Augenzeugen berichten, dass die zu Hilfe geeilten Kantonspolizisten härter vorgingen als die Winterthurer Stadtpolizisten. Wer hatte am Abend des 21. September den Lead und legte die Einsatzdoktrin fest?
Es war ein gemeinsamer Einsatz von Stadt- und Kantonspolizei.

Gab es unterschiedliche Ansichten zwischen Kapo und Stapo zum Vorgehen?
Nein.

Weshalb hat man nicht die 1.-Mai-Taktik angewendet und einfach die Gewaltbereiten herausgepickt statt alle einzukesseln?
Das wäre auf Grund der hohen Zahl äusserst aggressiver Demonstranten nicht möglich gewesen.

Laut «Landbote» hat die Polizei Hammer, Zange und eine Atemschutzmaske aus dem Firmenauto einer Gartenbaufirma konfisziert und den Medien als Waffenarsenal der Gewaltbereiten präsentiert. Die Gärtner sagen aber, das sei ihr Arbeitswerkzeug, das immer im Firmenauto liegt, und die Maske für Sprüharbeiten. Was sagen Sie dazu?
Dazu hat die Stadtpolizei bereits Stellung genommen. Ich wiederhole: Im Vorfeld dieser Veranstaltung wurde offen und unverhohlen zu Gewalt aufgerufen. Es war Aufgabe der Polizei, diese Gegenstände sicherzustellen, um Gefahr abzuwenden. Dies war korrekt. Es ist müssig zu rätseln, wem diese Gegenstände gehörten und ob diese eingesetzt worden wären oder nicht.

Wurde oder wird der umstrittene Polizeieinsatz im Stadtrat nochmals besprochen?
Ja, der Stadtrat hat am letzten und heutigen Mittwoch darüber diskutiert. Der Stadtrat ist zum Dialog mit all jenen bereit, die ehrliche und friedfertig über politische Anliegen diskutieren wollen. Er akzeptiert aber keine Gewalt. Leider war auf Grund der hohen Gewaltbereitschaft ein Eingreifen der Polizei nötig.

Polizeikommandant Lehmann hat sich bei der 19-Jährigen entschuldigt und ihr geraten, Strafanzeige zu erstatten. Werden Sie als politische Verantwortliche für die Polizei ebenfalls Kontakt aufnehmen?
ies werde ich mit der Betroffenen direkt und nicht über die Medien klären.

Kann die 19-Jährige mit Schadensersatz rechnen?
Eine Aussage dazu ist verfrüht.

Nun flammt wieder die Diskussion über den Sinn von Gummischroteinsätzen auf. Ist deren Schaden nicht viel höher als der Nutzen?
Ich habe miterlebt, wie Pyros in die Menschenmenge und gegen die Polizei geschossen wurde, wie massiv die Gewalt von Teilen der anwesenden Personen war, was unter anderem zu den verletzten Polizisten geführt hat. Ich muss hier leider in aller Deutlichkeit festhalten: Die Polizei wurde mit ungleich gefährlicheren Mitteln angegriffen. Sie sah sich demnach gezwungen, polizeiliche Mittel einzusetzen. Dass dabei Personen zu Schaden kamen, ist wie gesagt sehr bedauerlich.

Was ist die Doktrin der Stadtpolizei Winterthur? Deeskalation wie in Zürich oder hartes Durchgreifen?
Wir politischen und polizeilichen Verantwortlichen hier in Winterthur haben von Beginn weg gesagt, dass wir nichts gegen die im Vorfeld der Veranstaltung geäusserte politische Forderung nach mehr Freiräumen für Jugendliche haben, im Gegenteil. Wir freuen uns, wenn sich die Menschen hier in Winterthur entfalten können. Doch der Freiheit des einzelnen sind da Grenzen gesetzt, wo sie jene der andern einschränkt. Wir haben in Winterthur – wie in allen Grossstädten – verschiedene Ansprüche an den öffentlichen Grund: Manche möchten möglichst lang in den Ausgang gehen, andere tanzen, weitere als Anwohnende auch mal in Ruhe schlafen können oder aber in Geschäften einkaufen gehen, um nur einige Beispiele zu nennen. Es ist unsere Aufgabe, alle diese Anliegen ernst zu nehmen und möglichst ausgewogen zu berücksichtigen. Genau deshalb ist sinnvoll, wenn man im Vorfeld einer Veranstaltung – an der man den öffentlichen Grund überdurchschnittlich beansprucht – über ein Bewilligungsgesuch mit den Behörden in Kontakt kommt, damit man eine möglichst gute Lösung für entsprechende Veranstaltungen finden kann. Wir haben hier in Winterthur eine Kultur, in der wir miteinander reden, in der jedermann ungeniert auf uns zukommen kann und wir gemeinsam finden wir Lösungen. Leider ist, wie Sie wissen, im Vorfeld dieser Veranstaltung niemand auf uns zugekommen. Dies bedauere ich sehr. Wären wir nämlich zusammen ins Gespräch gekommen, hätten wir gemeinsam für einen friedlichen Ablauf der Veranstaltung sorgen können – ganz nach Winterthurer Art.

(Das Interview wurde schriftlich geführt.)

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 02.10.2013, 19:41 Uhr

Artikel zum Thema

Untersuchung wegen verletzter 19-Jähriger an Tanzdemo

Bei der «Tanz dich frei»-Demonstration in Winterthur ist eine junge Frau durch ein Gummigeschoss schwer verletzt worden. Nun will die Polizei abklären, ob in dem Fall der Mindestabstand eingehalten wurde. Mehr...

Winterthurer Polizeieinsatz stark kritisiert

Eine Facebookgruppe, die den Polizeieinsatz gegen die Tanzdemo in Winterthur kritisiert, hat bereits mehr als 1400 Mitglieder. Stadträtin Barbara Günthard-Maier verteidigt den Einsatz als gerechtfertigt. Mehr...

«Ich wusste nicht, dass die Bahnpolizei so was überhaupt macht»

Am vergangenen Samstag standen bei den Krawallen in Winterthur nicht nur Stadt- und Kantonspolizei im Einsatz. Auch Beamte der Bahnpolizei waren vor Ort – in Vollmontur und mit Waffen. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Paid Post

Deshalb lassen sich Frauen online gut abschleppen

Hör auf, Frauen Drinks zu spendieren, und konzentriere dich besser darauf, beim Casual Dating Gas zu geben. Die Chancen auf eine heisse Nacht sind auf den Erotik-Portalen deutlich besser.

Kommentare

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Sie sind nun keine Kinder mehr: Junge Erwachsene nehmen an einer traditionellen Zeremonie in Seoul teil, bei der sie den Übertritt in ihr 19. Lebensjahr feiern. Sie dürfen nun ihre eigenen Lebensentscheidungen fällen, wählen gehen und Alkohol trinken. (20. Mai 2019)
(Bild: Ed Jones) Mehr...