Rolf Erb zu acht Jahren Freiheitsstrafe verurteilt

Das Winterthurer Bezirksgericht hat den Milliardenpleitier schuldig gesprochen. Der Gerichtspräsident sprach von einer erdrückenden Beweislage. Die Verteidiger haben bereits die Berufung angekündigt.

Geht es nach den Bezirksrichtern, soll er hinter Gitter: Rolf Erb am Donnerstag vor Gericht in Winterthur.

Geht es nach den Bezirksrichtern, soll er hinter Gitter: Rolf Erb am Donnerstag vor Gericht in Winterthur. Bild: Keystone

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Hohe Haftstrafe für Rolf Erb: Der Erbe des milliardenschweren Familien-Imperiums ist am Donnerstagnachmittag vom Bezirksgericht Winterthur zu acht Jahren unbedingter Freiheitsstrafe verurteilt worden. Der Erb-Konzern brach 2003 unter einer Schuldenlast zusammen, die sich über mehrere Jahre hinweg angehäuft hatte.

Die Richter befanden den gescheiterten Unternehmer des gewerbsmässigen Betrugs, mehrfacher Urkundenfälschung und mehrfacher Gläubigerschädigung für schuldig. Bei der Urteilseröffnung sagte der Vorsitzende, Bernhard Sager, das Gericht sei weitgehend dem Standpunkt der Staatsanwaltschaft gefolgt, während die Argumentationen der Verteidigung die Richter nicht überzeugt hätten.

Stellung «skrupellos missbraucht»

Die Staatsanwaltschaft hatte eine unbedingte Freiheitsstrafe von zehn Jahren gefordert. So hoch wollten die Richter die Strafe aber nicht ansetzen. «In diesem Bereich bewegen sich die Strafen bei Verbrechen gegen Leib und Leben», führte Sager an. Diese hohen Strafen sollten diesen Delikten vorbehalten bleiben, weil ein Menschenleben höher zu gewichten sei, als materielle Güter. Auf die Strafe ausgewirkt habe sich aber der angeschlagene Gesundheitszustand von Rolf Erb und die damit verbundene höhere Strafempfindlichkeit.

Für den Winterthurer Gerichtspräsidenten steht fest: «Rolf Erb fungierte als Dreh- und Angelpunkt und legte ein grosses Mass an krimineller Energie an den Tag.» Er habe seine Stellung an der Konzernspitze skrupellos missbraucht. Zudem werfe es kein gutes Licht auf den Angeschuldigten, dass er die Verantwortung auf Personen abzuschieben suchte, die sich nicht oder nicht mehr wehren könnten.

Rolf Erb hinterliess «breite Papierspur»

Für Sager stand der Vorwurf der Urkundenfälschung im Mittelpunkt der Urteilsfindung. Auf zahlreichen Abschlüssen verschiedener Firmen der Erb-Gruppe seien handschriftliche Manipulationen zu finden, die zu geschönten Bilanzen geführt hätten. «Und es handelt sich immer um ein und dieselbe Schrift», sagte der Gerichtsvorsitzende. Erb bestritt stets, die Änderungen vorgenommen zu haben. Der Kreis der Personen, die in Frage kämen sei indes klein, denn sie hätten der Konzernspitze angehören müssen: Neben Rolf Erb kämen lediglich der Firmengründer Hugo Erb, der jüngere Sohn Christian und Revisor Albert Manser in Frage. «Sie alle haben aber eine andere Schrift.» Ein Gutachten zeige, dass es sich um die Schrift des 60-Jährigen handle.

Systematisch und über mehrere Jahre hinweg seien an den Jahresabschlüssen willkürlich Änderungen vorgenommen worden, denn effektiv lag seit 1998 eine massive Überschuldung des Familienunternehmens vor. Das zeige eine «breite Papierspur», die keine Zweifel zulasse, dass der Beschuldigte von diesen Machenschaften zumindest gewusst habe. Damit habe Rolf Erb Banken dazu bewogen Kredite zu verlängern oder zu gewähren.

Für das Gericht ist klar, dass Rolf Erb seiner Partnerin und seinen Kindern sein Vermögen verschenkt habe, um seinen Besitzstand zu erhalten. Dem Gericht erschienen seine Erklärungen konstruiert. Es sei keineswegs üblich, dass ein Vater seinen Kindern ein Millionenvermögen überschreibe, wenn er mit ihrer Mutter zusammenlebe. Zudem habe er sich seinen feudalen Lebensstil gesichert, indem er sich die Nutzungsrechte auf Lebzeiten einräumte.

Erb geht in Berufung

Gleich an der Urteilseröffnung kündigte Adrian Klemm, einer der Pflichtverteidiger von Rolf Erb, Berufung an. Staatsanwältin Susanne Leu hingegen ist mit dem Prozessausgang «sehr zufrieden». Sie habe aber damit gerechnet, dass die Gegenpartei rekurrieren würde. Auch der Geschädigtenvertreter Matthias Hotz ist zufrieden. «Die klaren Worte des Gerichts sind sehr wichtig.» Das Verdikt sei aber nur ein Teilerfolg, da die Verteidiger den Fall weiterziehen würden und der Ausgang der Zivilprozesse noch offen sei.

Obschon das Urteil im Erb-Prozess für heute Donnerstagmorgen angekündigt war, liess es auf sich warten. Das Winterthurer Bezirksgericht konnte erst heute Nachmittag sein Urteil eröffnen – rund neun Jahre, nachdem der Milliarden-Konkurs bekannt wurde.

Die Verteidigung hatte Fragen zur Einziehung von Vermögenswerten aufgeworfen, die im Besitz sind von Christian Erb, dem jüngeren Bruder des Angeklagten, Erbs Partnerin und den beiden Söhnen. Dabei geht es um Vermögenswerte von mehr als 37 Millionen Franken. Was damit nach dem Schuldspruch geschieht, ist offen.

Die vier waren vom Gericht Anfang Februar als Nebenparteien in den Prozess einbezogen worden, weil die Staatsanwaltschaft die Einziehung der Güter zugunsten der Gläubiger forderte. Christoph Hohler, der Anwalt von Erbs Lebenspartnerin und den gemeinsamen Zwillingen, beantragte daraufhin Ende Februar, als amtlicher Verteidiger eingesetzt zu werden – was das Bezirksgericht Winterthur erst abwies. Nach einer Neubeurteilung über Mittag aber absegnete.

Lebenspartnerin abwesend

Hohler hatte gegen den ersten Beschluss beim Obergericht Zürich eine Beschwerde eingereicht. Dieses verlangte daraufhin von den Winterthurer Richtern eine Begründung für ihren Entscheid. Gleichzeitig hatte Hohler eine öffentliche Verhandlung gefordert, bei der seine Mandanten sich zur Einziehung ihrer Güter äussern können. Worauf das Bezirksgericht Erbs Lebenspartnerin für die bereits angesetzte Verhandlung von heute Donnerstag vorlud.

Anwesend war sie trotzdem nicht: Ein ärztliches Zeugnis dispensierte sie bis auf weiteres von der Verhandlung und von Einvernahmen. Gestern Mittwoch verfügte das Obergericht, dass, bevor es über die Beschwerden befunden habe, die Winterthurer Richter kein Urteil bezüglich der Vermögen von Rolf Erbs Bruder, seiner Partnerin und seinen Kindern fällen dürfen. Noch heute Morgen stellte das Bezirksgericht Winterthur ein Wiedererwägungsgesuch, das 15 Minuten vor der Verhandlung abgewiesen wurde.

Verärgerter Richter

Gerichtspräsident Bernhard Sager zeigte sich heute Donnerstagmorgen sehr verärgert über die Verzögerung durch die Verteidigung. Angesichts der «offensichtlichen Obstruktion» im aktuellen Prozess erstaune der mittlerweile immense Umfang der Unterlagen nicht, sagte er.

Der Angeklagte bestritt stets sämtliche Vorwürfe. Er wird vor Gericht von vier Anwälten vertreten. Die zwei Pflichtverteidiger Adrian Klemm und Petar Hrovath hatten zu Beginn des Prozesses beantragt, zugunsten der zwei Wahlverteidiger Vera Delnon und Bernhard Rüdy aus ihrem Mandat entlassen zu werden. Davon wollte Gerichtspräsident Bernhard Sager zwar nichts wissen, er liess aber die beiden Wahlverteidiger zu.

Der Zusammenbruch des Erb-Imperiums ist nach der Swissair die zweitgrösste Firmenpleite der Schweizer Finanzgeschichte. Das von Hugo Erb erschaffene Familienimperium zerfiel 2003, nachdem die Banken den Geldhahn zugedreht hatten. Die Erb-Gruppe beschäftigte vor dem Konkurs rund 5000 Angestellte. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 22.03.2012, 09:42 Uhr

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