Wenn John of God wie Jesus wundertätig heilt

Von Montag bis Mittwoch pilgern Tausende Kranke und Esoteriker in die Eulachhalle nach Winterthur und hoffen auf ein spirituelles Wunder. Der selbst ernannte Geistheiler João de Deus (70) aus Brasilien tritt erstmals in der Schweiz auf.

Nimmt bei seinen Heilungen auch körperliche Eingriffe vor: Der Brasilianer João de Deus.

Nimmt bei seinen Heilungen auch körperliche Eingriffe vor: Der Brasilianer João de Deus. Bild: Keystone

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Hunderte von Krebskranken, Gelähmten und Erblindeten aus aller Welt pilgern heute in die Eulachhallen. Tausende spirituelle Sucher mit Gebresten und chronischen Krankheiten wollen den Star unter den Geistheilern einmal hautnah erleben. Und alle erwarten das Heil oder eine Wunderheilung: João de Deus, das berühmteste Volltrance-Medium (Eigenwerbung), tritt erstmals in der Schweiz auf und elektrisiert seit Wochen die Esoterikszene.

Der Heiler wird drei Tage lang seine spirituellen Energien über Winterthur ergiessen und den Besuchern, die auch aus dem nahen Ausland anreisen, Hoffnung auf Heilung selbst tödlicher Krankheiten machen. Dem 70-jährigen Brasilianer eilt der Ruf voraus, unzählige Kranke von ihrem Leiden befreit zu haben. Millionen suchten ihn in den vergangenen 50 Jahren in seinem Zentrum Casa Dom Inacio in Abadiania, Brasilien, auf, ähnlich viele besuchten ihn bei seinen Heilungstourneen rund um die Welt. João de Deus ist der Kopf eines grossen Unternehmens, das Millionen umsetzt. Ein lukratives Geschäft mit der Angst und Sehnsucht von Kranken und Spiritualitäts-Suchern.

Ritual in Weiss

Die Tourneen des Geistheilers sind durchstrukturierte und minutiös geplante Spektakel. Einlass erhält nur, wer ganz in Weiss erscheint. So fordern es die 36 Wesen der geistigen Welt, auf die sich João de Deus, auf Englisch John of God genannt, beruft. «Weiss als Farbe des Lichts steht für die Reinheit», wird den Besuchern erklärt. Der heutige Montag ist schon längst ausgebucht, die Hotels in Winterthur seit vielen Wochen.

Die Besucher des zwölfstündigen Heilungsmarathons brauchen in erster Linie Geduld, um John of God zu Gesicht zu bekommen. Deshalb werden sie mit musikalischen Darbietungen, Meditationen und Vorträgen durch den Tag begleitet. Bei der Ankunft müssen sie sich diszipliniert in eine von vier Warteschlangen einreihen: Eine Reihe ist für Erstbesucher, eine weitere für Wiederholer, die Operationslinie ist für Besucher reserviert, die einen «spirituellen Eingriff» wünschen, und die Revisionslinie für Leute, die bereits früher einen operativen Eingriff über sich ergehen liessen und nun ihren Zustand überprüfen lassen wollen.

Operation mit Schere

Die Besucher verbringen Stunden mit Warten und Meditieren. Im Schritttempo geht es in den Meditationsraum. Beine und Arme dürfen nicht gekreuzt werden, weil sonst der Energiefluss gestört werde. Danach werden die Spiritualitäts-Sucher in den Raum der Wesenheiten geführt, wo der Moment der Offenbarung naht: Die Heilsuchenden pilgern an João de Deus vorbei und erhalten vom Geistwesen, das aktuell durch John of God spricht, eine Diagnose oder Botschaft. «Der Moment der eigentlichen Begegnung wird sehr schnell gehen», werden die Teilnehmer gewarnt. Kein Wunder, schliesslich ist der Andrang riesig.

Nächste Station auf dem Pilgerweg durch die Eulachhallen ist der Gebetsraum, der der spirituellen Reinigung dient. Ein Teil der Besucher wird – je nach Diagnose – zur Kristallbett-Sitzung geführt. Sieben verschiedene Farblichter strahlen über sieben Kristalle in die sieben Chakren (Energiepunkte im Körper) ein. Manche Teilnehmer erhalten eine Einladung zur spirituellen Operation. Wieder andere werden ins Zentrum nach Brasilien eingeladen, wo João de Deus auch veritable Eingriffe vornimmt: Er «operiert» mit primitiven Mitteln angeblich krankhaftes Gewebe und Tumore heraus. So dringt er beispielsweise mit einer Schere oder Klemme durch die Nase tief in den Schädel, vermutlich ins Hirn, und zaubert blutige Gewebefetzen hervor. In Winterthur muss der Heiler auf dieses Ritual allerdings verzichten, weil in der Schweiz nur Ärzte körperliche Eingriffe vornehmen dürfen.

Esoterisches Spektakel live erleben

Kann der Heiler tatsächlich ohne Narkose operieren? Für den Sektenexperten Georg Otto Schmid von der Beratungsstelle Relinfo sind solche physischen Eingriffe nichts als Taschenspielertricks. Würde João de Deus dies eingestehen, könnte er die Operationen auch in Winterthur durchführen. «Doch er weiss natürlich, dass er trickst, kann es aber nicht zugeben, sonst wäre seine Glaubwürdigkeit dahin», erklärt Schmid. Solche «Operationen» sind auch von philippinischen Geistheilern bekannt. Bei ihnen konnte nachgewiesen werden, dass sie tierisches Blut und Gewebe verwenden, um die Kranken zu täuschen.

Die Anhänger von João de Deus lassen sich von solchen Einwänden nicht beirren und verweisen auf die unzähligen Referenzschreiben von «Geheilten». Danach hat John of God angeblich viele Patienten von tödlichen Krankheiten befreit. Schmid hat aber Zweifel. «Hoffnungen und Erwartungen der Besucher sind sehr gross. Für viele ist João de Deus der letzte Strohhalm. Deshalb spüren sie eine momentane Linderung der Symptome. Dass später viele enttäuscht werden, kann leicht vorausgesagt werden.» Laut Schmid besuchen aber auch viele den Event, weil er ein esoterisches Spektakel verspricht. «Sie wollen den berühmten Meister, der angeblich über göttliche Energie verfügt, einmal live erleben.»

Teures Heilungsspektakel

Die Erwartungen sind entsprechend hoch, weil das Heilungsspektakel nicht ganz billig ist. Pro Tag kostet der Eintritt 167 Franken, gesegnete Suppe inklusive. Um nicht mit dem Gesundheitsgesetz in Konflikt zu kommen, beansprucht João de Deus die wundersamen Heilungen nicht für sich. So würden sie zu 25 Prozent auf die Wesenheiten, zu 25 Prozent auf Gott und zu 50 Prozent auf die Besucher selbst zurückgehen, sagt der Heiler. Gleichzeitig behauptet er: «Ich habe noch nie einen Menschen geheilt, es ist Gott, der heilt.» Fragt sich nur, weshalb er dann als grosser Heiler verehrt wird.

Erstellt: 16.07.2012, 09:00 Uhr

«Ich möchte mein altes Karma beseitigen»: Was sich Besucher vom Geistheiler versprechen. (Video: Jan Derrer)

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