Wohnblocks mitten im grünen Tal

Im Winterthurer Dättnau entstehen 82 Wohnungen beim Naturschutzgebiet. Anwohner sind schockiert. Sie nennen das Bauvorhaben einen «Witz» und eine «Sauerei».

Bei den Anwohnern gar nicht gerne gesehen: Die Bauvisiere zeigen die Dimension der Wohnüberbauung im Dättnau an.

Bei den Anwohnern gar nicht gerne gesehen: Die Bauvisiere zeigen die Dimension der Wohnüberbauung im Dättnau an. Bild: Dominique Meienberg

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Die Empörung ist gross im Dättnau, einem Tal bei Winterthur, wo früher Ton und Lehm abgebaut wurde. Aufgeregt diskutieren zwei Frauen und ein Mann auf dem Spazierweg. Sie stehen in einem Wald von Bauvisieren. Als «Witz» und «Sauerei» bezeichnen sie, was hier entstehen soll. Geplant ist eine drei- bis vierstöckige Wohnüberbauung mit 82 Wohnungen. Die drei Blöcke werden am Rande des Siedlungsgebiets aus Einfamilien- und Terrassenhäusern gebaut und diagonal im Tal stehen – direkt neben dem erst vor wenigen Jahren renaturierten Bach. Der Weg zum nahen Naturschutzgebiet mit seinen Weihern führt mitten durchs Areal. Eine verärgerte Dättnauerin schreibt in einem Leserbrief im «Landboten»: «Hier wird ein weiteres Naherholungsgebiet zerstört.»

Bauherrin der Siedlung ist Turidomus, eine Anlagestiftung der Zürcher Pensimo-Gruppe. Sie investiert unter anderem Pensionskassengelder der Stadt Zürich und der Post. Der Projektverantwortliche Jörg Koch sagt, er verstehe die Kritik ein Stück weit: «Veränderungen führen oft zu Verunsicherung.» Doch mit den familienfreundlichen, günstigen und in der Grösse flexiblen Wohnungen sowie der sorgfältigen Gestaltung sei die Überbauung eine schöne und sinnvolle Lösung für den empfindlichen Ort.

Pedergnana kritisiert Entscheid

Das Projekt besteht schon seit 17 Jahren. Damals einigten sich die Landbesitzerin – die Keller-Ziegeleien – mit der Stadt darauf, dass dort eine Siedlung als Abschluss entstehen soll. «Wir wollten etwas Gescheites machen», sagt Seniorchef Peter Keller, Verwaltungsratspräsident der Keller-Holding. Aus einem Projektwettbewerb ging 1996 die Idee des damals noch jungen Architekten Jakob Steib hervor. Im Jahr 2000 zonte das Stadtparlament das Land ein, mit bloss zwei Gegenstimmen. 2005 hiess der Bauausschuss unter dem Vorsitz von Stadtpräsident Ernst Wohlwend (SP) den Gestaltungsplan gut.

Stadträtin zeigt sich nachsichtig

«Rückblickend gesehen, ist diese Zonierung sicher problematisch», sagt Stadträtin und Bauvorsteherin Pearl Pedergnana (SP) – nicht nur wegen des harten Übergangs zwischen Erholungsraum und Siedlung: Im Dättnau fehlen Läden und Restaurants; die Schule ist schon jetzt zu klein, und die jüngst verlängerte Buslinie zwängt sich durch schmale Strassen. Gegen das Bauprojekt als solches sei indes nichts einzuwenden: «Der Bauherr nutzt seinen Handlungsspielraum und hat einen innovativen Ansatz gewählt.» Eine Abzonung komme schon aus finanziellen Gründen nicht infrage, da die Stadt entschädigungspflichtig würde.

Der grüne Stadtrat Matthias Gfeller, Vorsteher der Technischen Betriebe, spricht von einer «Verkettung vieler demokratischer Entscheide». Er war Mitglied der Planungskommission, die die Zonenrevision durchgewinkt hatte. Für ihn hat die Siedlung auch Vorteile: «Es ist mir lieber, wenn Menschen dort im Grünen wohnen, als wenn sie in den Thurgau oder an den Schaffhauser Randen ziehen.»

Bausekretär Fridolin Störi möchte nicht darüber sinnieren, ob die einstigen politischen Entscheide richtig oder falsch waren. Aus juristischer Sicht gebe es kaum Probleme für das Projekt. Sollte die Baubewilligung bald erteilt werden, könnten die Wohnungen 2014 bezogen werden, hofft Projektleiter Jörg Koch. Für den Wanderweg lasse sich sicher eine Lösung finden, verspricht er. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.05.2011, 23:27 Uhr

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