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«Wir Muslime müssen uns noch mehr öffnen»

Die Ustermer Moschee steht in Werrikon. Kein idealer Ort, um von der Bevölkerung wahrgenommen zu werden und damit Vertrauen zu schaffen, findet Vorstandsmitglied Ali Özcan. Mit dem Besucherzuspruch am Tag der offenen Moschee ist er dennoch zufrieden.

Mit Ali Özcan* sprachWalter von Arburg Uster – Am Samstag fand zum vierten Mal der nationale Tag der offenen Moschee statt. Die Ustermer Moschee machte zum dritten Mal mit. 40 Personen nutzten die Gelegenheit und besuchten das Gebetszentrum. Im Vorjahr waren gut 60 Interessierte gekommen. Die Ustermer Moschee wird von einem türkischen Verein betrieben und ist seit 15 Jahren in einem unscheinbaren Haus an der Zürichstrasse in Werrikon untergebracht. Herr Özcan, sind Sie zufrieden mit dem Besucheraufmarsch vom Samstag? Ali Özcan: Ja. Das ist im Vergleich zum Vorjahr weniger, aber mit Blick zur ersten Auflage vor zwei Jahren doch eine markante Zunahme. Damals kamen gerade einmal zwei Personen. Im vergangenen Jahr fand der Tag der offenen Moschee vor der Anti-Minarett-Abstimmung statt. Wie war die Stimmung damals und wie war sie diesen Samstag? Die Atmosphäre dieses Jahr empfand ich als gelöster und unaufgeregter als 2009. Damals spürten wir die Spannung vor der Minarett-Abstimmung. Das äusserte sich nicht zuletzt darin, dass uns im vorigen Jahr Stadträte und Schulpfleger besuchten. Dieses Jahr kamen weniger Offizielle, dafür mehr gewöhnliche Bürger. Leider kamen weder 2009 noch dieses Jahr die selbst ernannten Islamspezialisten. Welche Reaktionen löste der Tag bei den Besuchern aus? Eigentlich durchwegs positive. Die Leute schätzten es, dass sie einen Blick in die ihnen fremde Welt werfen durften und hier auf Menschen stiessen, die nichts zu verbergen haben. Etwas erstaunt waren wir, dass nicht kritischere Fragen gestellt wurden. Die Leute wollten einfach sehen, wie es in der Moschee aussieht und wer dort verkehrt. Sie sagen, dass bekennende Islamkritiker nicht erschienen. Gab es überhaupt keine negativen Reaktionen? Nein. In den Vorjahren war das anders. Da wurden uns nach den Besuchstagen sogar Drohbriefe zugeschickt. Wir sollten dorthin gehen, woher wir kämen, hiess man uns. Hat sich die Atmosphäre in der Ustermer Bevölkerung gegenüber dem Islam seit der Anti-Minarett-Abstimmung verändert? Nein, einen grundsätzlichen Stimmungswandel nehme ich nicht wahr. Vorher wie nachher gibt es Menschen, die uns freundlich gesinnt sind, und andere, die Muslime als grundsätzlich bedrohlich empfinden. Ich denke, dass viele Schweizer nach wie vor nicht wissen, was hinter Moscheemauern vorgeht, und Muslimen deswegen skeptisch gegenüberstehen. Dann haben die Tage der offenen Moschee noch nicht wirklich etwas gebracht. Das wäre wohl auch zu viel verlangt. Immerhin gibt es diese Besuchstage erst seit vier Jahren. Für einen Mentalitätswandel braucht es mehr Zeit. Aber ich sehe auch, dass wir Muslime noch mehr tun müssen, um das Vertrauen der Schweizerinnen und Schweizer zu gewinnen. Zum Beispiel? Wir müssen uns noch mehr öffnen. Wir müssen noch mehr zeigen, dass wir hinter den Moscheemauern keine Bomben basteln oder sonst wie böse Absichten hegen. Ein gutes Beispiel für eine solche Öffnung ist das öffentliche Fastenbrechen im Ramadan, das wir dieses Jahr einmal im Foyer des Stadthofsaals durchführten und zu dem wir alle Ustermer einluden. Kamen da viele Schweizer? Nicht allzu viele, aber immerhin einige. Neben Stadträtin Barbara Thalmann waren vor allem Lehrerinnen und Lehrer dabei, die sich für das Thema Islam interessieren. Ich bin aber überzeugt, dass wir in diese Richtung weitermachen müssen. Ich kann mir vorstellen, dass wir künftig nicht nur zum Tag der offenen Moschee einladen, sondern auch zu Anlässen im Sommer. Ein grosses Hindernis für eine bessere Verständigung ist wohl die Sprache. Wie wollen Sie diese Hürde eliminieren oder zumindest senken? Sie haben recht, die Sprache ist ein zentrales Problem. Aber es ist nicht unlösbar. Ich kenne Orte in Deutschland, wo die Freitagspredigten in der Moschee auf Deutsch gehalten werden oder zumindest in deutscher Sprache gedruckt vorliegen. So etwas sollte in der Schweiz Standard werden. Da sind wir als islamische Gemeinden gefordert. Aber auch die Schweiz kann uns bei der Integration helfen. Wie? Indem die Einsicht wächst, dass die hiesigen Gemeinden ihre Prediger in der Schweiz finden sollten. Es ist keine gute Situation, wenn die Imame aus den Heimatländern der Muslime für ein paar Jahre in die Schweiz kommen und die hiesige Kultur überhaupt nicht kennen. Doch weil es keine Schweizer Imam-Ausbildung gibt, können wir gar nicht anders, als Imame einzufliegen. Haben Sie Kontakte zu anderen Religionsgemeinschaften in Uster? Seit einigen Jahren bestehen gute Kontakte zu den reformierten und katholischen Kirchgemeinden in Uster, Greifensee und Volketswil. Im Oktober besuchten wir einen reformierten Gottesdienst in Uster. Wie war das für Sie? Für mich persönlich nichts Aussergewöhnliches, habe ich doch schon öfter christliche Gottesdienste besucht. Für viele unserer Gemeindeglieder war es aber schon eine aussergewöhnliche Erfahrung und trägt sicherlich zum besseren Verständnis des Christentums bei. Welches sind Ihre wichtigsten Ziele für die Zukunft? Kurzfristig wollen wir die Tage der offenen Moschee noch bekannter machen. Nichtmuslime sollen sehen, was wir machen, und damit ihre Ängste und Vorurteile abbauen können. Festigen wollen wir auch die Zusammenarbeit mit reformierter und katholischer Kirche. Langfristig hoffe ich darauf, einen zentraleren Ort für unsere Moschee zu finden. Das würde mehr Sozialkontrolle bedeuten und damit auch mehr Transparenz. Infrage kommen allerdings nur Orte, wo der Lärm zu keinen Konflikten mit den Anwohnern führt. * Ali Özcan ist Aktuar im Vorstand des Vereins Diyanet Moschee Uster und Umgebung. Der 36-jährige Logistiker ist in der Schweiz geboren und aufgewachsen und lebt mit seiner Familie seit 15 Jahren in Uster. Ali Özcan wünscht sich mehr Besucherinnen und Besucher – auch kritische – an den künftigen Tagen der offenen Moschee. Foto: Christoph Kaminski 57 % 4sp,4f,Moschee Von Arburg, 8267

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