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Wo das Glück zerbrach

Die Schützin kehrte nach der Trennung dorthin zurück, wo sie eine Fehlgeburt hatte.

Gewalttat von Lörrach Von Maurice Thiriet, Lörrach Sabine R. hat den Entschluss bewusst gefasst. Sie wusste, dass sie ihren Mann und ihren Sohn töten, ihre Wohnung zerstören und mit ihrer Pistole auf die Abteilung für Gynäkologie im Elisabethen-Krankenhaus gehen würde. Einen anderen Schluss lassen die bisherigen Ermittlungsergebnisse des Landeskriminalamtes Baden-Württemberg nicht zu: Im Januar bezog R. eine kleine Parterrewohnung in der Markus-Pflüger-Strasse in Lörrach. Sie montierte ein Schild, das auf ihre Anwaltskanzlei hinwies. Nach der Trennung von ihrem Mann und ihrem Sohn im Juni schlief sie auch in der Kanzlei, in welche den direkten Nachbarn zufolge nie ein Klient einen Fuss setzte. Wenn Sabine R. aus ihrem Fenster blickte, dann sah sie die Elisabethen-Klinik, 50 Meter schräg vis-à-vis auf der anderen Strassenseite: Nach der Trennung von ihrer Familie war sie zurückgekehrt an den Ort, wo ihr Familienglück 2004 nach einer Fehlgeburt zerbrochen war. Gut vorbereitet Als die 41-jährige Pfälzerin am Sonntagabend losschlägt, ist sie vorbereitet. Ihr fünfjähriger Sohn hat das Wochenende bei ihr verbracht. Ihr Mann, W. R., der mit dem Sohn im nahe gelegenen Zell im Wiesental lebt und als Schreiner arbeitet, will das Kind abholen. Dazu kommt es nicht. Stattdessen erschiesst Sabine R. ihren 44-jährigen Mann, ihren Sohn erschlägt sie. Bevor sie die Wohnung verlässt, zündet sie eine grosse Menge Nitroverdünnungsmittel an. Die Polizei fand mehrere Kanister davon in der Wohnung verteilt. Die Explosion drückt die Rückwand im Parterre meterweit aus dem Mehrfamilienhaus, Türen- und Fensterrahmen sowie Hausrat liegen noch immer verstreut im Hinterhof. Nachdem sie das Feuer gelegt hat, marschiert R. über die Strasse in Richtung Elisabethen-Klinik. Im Eingangsbereich schiesst sie mit ihrer Faustfeuerwaffe vom Typ Walther Kaliber .22, zwei Passanten an, einen am Rücken, einen am Kopf. Dann geht sie durch den Haupteingang in den ersten Stock zur Gynäkologieabteilung. Auf einen Pfleger, der ihren Weg kreuzt, schiesst sie ebenfalls. Danach sticht sie mit einem Dolch auf ihn ein. Als die Polizisten ihn finden, ist er bereits leblos. Tötung als einziges Mittel Drei Streifenpatrouillen sind gleichzeitig beim Krankenhaus eingetroffen. Die rund zehn Beamten der Polizeidirektion Lörrach stossen im Flur der Gynäkologieabteilung auf R. Sie hat sich in eine Nische zurückgezogen und schiesst zehnmal durch die geschlossene Tür eines Patientenzimmers. Weder die Patientin noch die anwesenden Besucher werden verletzt. Auf den Polizisten, der sie auffordert, die Waffe wegzuwerfen, schiesst sie sofort mehrfach. Ein Schuss durchbohrt das Bein des Beamten. Die Polizisten riegeln den Flur ab, R. schiesst weiter in beide Richtungen auf die Polizisten. Als sie ihre Deckung, immer noch um sich schiessend, verlässt, wird sie von einem Polizisten tödlich getroffen. Einsatzleiter Michael Granzow bezeichnete die Situation an der Medienkonferenz gestern Abend als «überaus heftigen Schusswechsel» und die Tötung von R. als «Nothilfe im juristischen Sinne, um weiteren Schaden abzuwenden». Rund 100 Schüsse habe R. abgegeben. Sie hätte noch lange weitergeschossen, wäre sie nicht gestoppt worden. 300 ungebrauchte Patronen seien von der Spurensicherung neben der Toten sichergestellt worden. Die Waffe besass die Frau, die früher als Sportschützin im nordbadischen Schützenverein aktiv war, legal. Auch für drei weitere Feuerwaffen, zwei Repetiergewehre und eine Doppelflinte, hatte R. eine Bewilligung. Die Polizei vermutet die übrigen Waffen in zwei noch ungeöffneten Tresoren in ihrer Wohnung. Bei der Hausdurchsuchung am Wohnort des Ehemannes und des Sohnes wurden keine Waffen gefunden. Der baden-württembergische Generalstaatsanwalt Uwe Schlosser erklärte gestern, Zeugen hätten die Frau als psychisch angespannt, aber nicht auffällig bezeichnet. Dass R. gegenüber der Elisabethen-Klinik eingezogen war, wussten die Behörden nicht. Die Pfälzerin, seit Dezember 2009 als Rechtsanwältin zugelassen, hatte sich 2005, dem Geburtsjahr ihres Sohnes, in Lörrach ab- und nie mehr angemeldet. Notwohnung für Nachbarn Glück im Unglück hatten R.s Nachbarn. Die Besitzerin der Wohnung im Stock über R. begab sich kurz vor der Explosion auf einen Spaziergang. Die Fenster in ihrer Wohnung sind geborsten. Am Tag danach sitzt sie auf drei Koffern und wartet darauf, in ein Hotel gebracht zu werden. Auch die Familie im zweiten Stock bekommt zwischenzeitlich eine Notwohnung zugewiesen. Das Paar mit Kleinkind war zum Zeitpunkt der Explosion zu Hause. «Ich dachte erst, es sei ein Baukran aufs Haus gefallen. Als der Rauch in die Wohnung eindrang, dichteten wir die Tür ab und warteten auf dem Balkon, wo uns die Feuerwehr runterholte», sagt der Vater. Auf die Frage eines Journalisten, ob er mit so was gerechnet hätte, sagt er: «Würden Sie?» Direkter Blick in die brennende Parterrewohnung. Die Rückwand ist herausgerissen. Foto: Privat Gewalttat BildstreckeiPhone: Tagi-App auf TA+Mobile: SMS mit Text Plus an 4488

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