Woher 80 Millionen für die Uni Zürich kommen, ist ein Rätsel

Private Forschungsgelder, Nebenämter der Professoren und Lehrstuhlsponsoring: Die Uni Zürich verspricht Transparenz, schafft diese jedoch nur bedingt, wie eine Datenanalyse zeigt.

Auf dem Weg zur transparenten Universität? Lichthof im Hauptgebäude. (Foto: Raisa Durandi)

Auf dem Weg zur transparenten Universität? Lichthof im Hauptgebäude. (Foto: Raisa Durandi) Bild: Keystone

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«Ich bin stolz auf diese Liste», sagte Michael Hengartner, Rektor der Universität Zürich, vor einer Woche. Eine Schweizer Universität legt die Namen seiner privaten Geldgeber sowie den Verwendungszweck der Gelder in einer Liste transparent dar – das habe es bis anhin noch nicht gegeben.

Die Bemühung um mehr Transparenz ist löblich. Bei genauer Betrachtung weist die Liste «Drittmittel der Universität» allerdings noch Mängel auf. Sprich: Beim Grossteil des Geldes, das aus der Wirtschaft und von Privaten stammt, bleibt die Herkunft weiter unbekannt. Es handelt sich um 80 Millionen Franken, die zwar im Jahresbericht aufgeführt sind, deren Quelle aber nicht identifiziert werden kann. So entpuppt sich die versprochene Transparenz im besten Fall als Transparenz light.

Die Universität Zürich erhält Drittmittel im Wert von 315 Millionen Franken – bei einem Gesamtumsatz von 1,42 Milliarden Franken. Es handelt sich dabei um Fremdfinanzierungen für einzelne Forschungsprojekte, teilweise gesamte Lehrstühle. Drittmittel spielen in der Finanzierung von Hochschulen eine immer wichtigere Rolle: Innerhalb von zehn Jahren erhöhten sie sich bei der Universität Zürich um rund 50 Prozent. Eine Erhebung von letzter Woche zeigt die Universität St. Gallen als Spitzenreiterin, was die privaten Gelder betrifft.

Ein grosser Teil sind staatliche Gelder des Schweizerischen Nationalfonds (SNF). 121 Millionen Franken stammen jedoch aus privaten Quellen, von Wirtschaftsunternehmen, Stiftungen oder Privatpersonen, wie man aus dem vorläufigen Jahresbericht 2018 entnehmen kann, der dieser Zeitung vorliegt. Über diese versprach die Uni Zürich Transparenz zu schaffen.

Die TA-Recherche zeigt: Mit der neuen Liste lassen sich für das letzte Jahr nur gut 28 der 121 Millionen Franken privaten Spendern zuweisen. Dies, weil Verträge, die vor 2018 abgeschlossen wurden, in der Liste fehlen. «Das hätte den Rahmen des administrativen Aufwands gesprengt», sagt Uni-Sprecherin Rita Ziegler. Auch nicht deklariert werden Beträge unter 100’000 Franken sowie Drittmittel, die aufgrund «übergeordneten Rechts einer Geheimhaltungspflicht unterliegen». Letztere bestehen gemäss Ziegler aus fünf Verträgen mit einem Gesamtvolumen von 760’000 Franken.

Der TA kombinierte die Liste der Drittmittel mit der Liste der gestifteten Professuren, die seit 2017 im Internet publiziert ist. Auf diese Weise lassen sich immerhin gut 40 der 121 Millionen Franken privater Mittel zuweisen. Die Geldgeber und Empfänger der übrigen 80 Millionen Franken bleiben unbekannt.

Viele Privatgelder in der Medizin

Der bisher grösste private Geldgeber – die Grossbank UBS – wird auch in den Transparenzlisten der Uni erwähnt. Jedoch werden nur 52 der insgesamt 100 Millionen Franken ausgewiesen, verteilt über einen Zeitraum von zehn Jahren. Die Details der umstrittenen Investition aus dem Jahr 2012 sind dem Rahmenabkommen zu entnehmen. Dieses musste 2013 auf Druck der Öffentlichkeit publiziert werden. Daraus wird klar, dass am Institut für Volkswirtschaftslehre aus UBS-Spendengeld fünf unbefristete Lehrstühle geschaffen wurden.

Die TA-Datenerhebung zeigt grosse Unterschiede zwischen den Fakultäten. So fliessen 51 Millionen Franken, sprich fast 50 Prozent, an die Medizinische Fakultät. Wenn man den Verteilschlüssel der neu deklarierten Spenden und gestifteten Professuren für die ganzen 121 Millionen verwendet, wird ersichtlich, dass an der Medizinischen Fakultät mehr als jeder zehnte Franken aus privater Quelle kommt. Ein ähnliches Bild zeigt sich bei der kleineren Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät. Hier dominieren die von der UBS gestifteten Professuren gemäss Sponsoringvertrag von 2012.

Unter den Sponsoren, die in den Transparenzlisten erscheinen, gibt es grosse Unterschiede: So enthält die Liste zum Beispiel auch Beiträge der Schweizerischen Agentur für Innovationsförderung (Innosuisse, insgesamt 5,4 Millionen Franken) – ein staatliches Förderinstrument. Auf der anderen Seite gibt es Geldgeber mit sehr direkten wirtschaftlichen Interessen: etwa die Larsson-Rosenquist-Stiftung aus Zug, die über einen Zeitraum von 20 Jahren 20 Millionen Franken bezahlt. Stiftungspräsident Göran Larsson unterstützt damit ein neues Uni-Forschungscenter, das die Langzeitwirkungen des Stillens untersucht. Larssons Interesse an Muttermilch hat einen finanziellen Hintergrund: Seine Firma Medela ist Weltmarktführerin für elektrische Milchpumpen.

Nebenämter: Keine Deklarationspflicht

Die dritte Transparenzliste hat auch Lücken: das Register der Interessenverbindungen der Professorinnen und Professoren, das seit 2017 besteht. Die Stichprobe brachte schon innert kurzer Zeit zwei Professoren hervor, zu deren Nebentätigkeiten Deklarationen fehlten: Mazda Farshad und Dirk Bassler, beide von der Medizinischen Fakultät. Farshad hat die Einträge bereits nachträglich erfasst. Bassler möchte dies demnächst nachholen, wie die Medienstelle mitteilt. «Die Liste beruht auf Selbstdeklaration und Selbstverantwortung der Professorinnen und Professoren», sagt Ziegler.

Die Aufgabe der Universität besteht nun darin, den Professoren weiter auf die Finger zu schauen. Einmal jährlich würden diese von der Universität aufgefordert, ihre Nebenbeschäftigungen aus dem Vorjahr zu deklarieren. Sanktionen für die Nichteinhaltung sind nicht vorgesehen.

Was die Liste der privaten Geldgeber betrifft, lässt sich erst in einigen Jahren ein beinahe vollständiges Bild der Finanzierung machen. Dann, wenn die weiterlaufenden Vertragsabschlüsse aus den Vorjahren allmählich ersichtlich werden. Im Vergleich mit anderen Hochschulen ist die Transparenz bei der Universität Zürich schon weit gediehen – auch dank medialem und politischem Druck. Nun gilt es wohl, auch noch die letzten grauen Flecken zu beseitigen.

Details zur Datenanalyse finden Sie auf Github.

Erstellt: 11.04.2019, 11:46 Uhr

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Zur Methodik

Grundlage der Analyse sind die zwei Listen zur Geldfluss-Transparenz, welche die Universität Zürich veröffentlichte. Die Liste der gestifteten Professuren enthält einen Förderbeitrag und eine Förderdauer pro gestifteter Professur.

Auch bei der Liste der Drittmittel sind die meisten Spenden über einen längeren Zeitraum geplant. Hier enthält die Liste bereits eine Spalte in welcher der Ertrag für 2018 angeben wird. Für die Analyse in diesem Artikel wurde aber die Gesamtsumme der 2018 neu abgeschlossenen Verträge berücksichtigt, da die Verträge der früheren Jahre nicht transparent gemacht wurden. Dies soll als Indikator dienen.

Beide Listen enthalten immer auch die Person, typischerweise ein Professor oder eine Professorin, die den Betrag erhält. Diese Namen wurden mit einer Liste der Professoren abgeglichen, um die Beträge der entsprechenden Fakultät zuzuweisen. Die Liste der Drittmittel enthält aber nur Beträge über 100’000 Schweizer Franken.

Details zur Datenanalyse sind auf Github zu finden.

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