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Zu früh gefeiert

Schulreformen Die Bildungsdirektion erklärt die Umsetzung des Volksschulgesetzes für beendet. Ob die Reformen gelungen sind, ist aber noch keineswegs sicher. Von Daniel Schneebeli Im Zürcher Volkshaus herrschte gestern Abend Freude. Mit humoristisch-musikalischen Einlagen feierte Bildungsdirektorin Regine Aeppli (SP) mit den massgeblichsten Persönlichkeiten aus Behörden und Verbänden den Abschluss ihres wichtigsten Projektes: die Umsetzung des Volksschulgesetzes. Es sei gelungen, die vom Volk gewünschten Reformen in den Schulen zu verankern, sagte Aeppli. Auch in der jüngsten Ausgabe des offiziellen Schulblattes wird gefeiert. Auf zwölf Seiten kommen «Akteure aus dem Schulfeld» zu Wort. Da sind lachende Lehrer, aufmerksame Schüler, freundliche Eltern und natürlich die gut gelaunte Bildungsdirektorin zu sehen. Alle sind in aufgeräumter Stimmung, und selbst einstige Kritiker finden lobende Worte: «Man spürte, dass sich die Bildungsdirektion bemüht.» Noch immer eine Baustelle Aussenstehende sind erstaunt über die geballte Ladung Schulterklopfen. Eben erst hat man noch gehört, dass die Volksschulreformen gescheitert seien. Überlastete Lehrer, überforderte Schulleiter und Behörden, ausufernde Bürokratie. Zudem ist kaum jemandem aufgefallen, dass die Reformen abgeschlossen wären. Viele Eltern und ein Grossteil der Lehrpersonen nehmen die Schulen weiter als Baustelle wahr. Ist es tatsächlich Zeit, Bilanz zu ziehen? Ist Regine Aeppli zu Recht stolz auf «die neue Volksschule»? Auf dem Papier und nach dem Zeitplan der Bildungsdirektion sind tatsächlich alle Reformen eingeführt, die das neue Gesetz verlangt. Es gibt Schulleitungen, Elternräte, integrierte Förderung, Blockzeiten und Tagesstrukturen. Das «Haus des Lernens» &endash wie Aepplis Vorgänger Ernst Buschor (CVP) die Volksschule einst taufte &endash ist gebaut. Natürlich sind noch die Umgebungs- und erste Garantiearbeiten im Gang. Aber das Haus ist bewohnbar. Selbstverständlich ist das nicht. Mit den Schulleitern wurde die Hierarchie in den Schulen verändert. Lehrpersonen, die bisher ihre eigenen Chefs waren, müssen heute ihre Klassen gemeinschaftlich mit heilpädagogischem Personal führen. Eltern und Schulkinder reden plötzlich mit. Und die Aufsicht nehmen nicht mehr Laien wahr, sondern Profis. Bei dieser Reform ging und geht es darum, den Geist zu ändern, das geschlossene System Schule zu öffnen. Ein solcher Paradigmenwechsel ist eine Herkulesaufgabe. Die scheint zu gelingen. Die Mehrheit der Lehrerinnen und Lehrer ist heute von den Vorteilen des Miteinanders überzeugt. Dies ist auch das Verdienst von Regine Aeppli. Wenn sie sagt, «die gute Schule lebt von guten Lehrpersonen», ist das keine Floskel. Sie hat die Lehrpersonen ernst genommen und deren Arbeitsbedingungen verbessert. Aeppli setzte zudem die integrative Idee des Volksschulgesetzes persönlich um, indem sie ihre schärfsten Gegner nicht vor die Tür stellte, sondern an den Tisch bat. Aeppli weiss, wie die Akteure im Schulfeld ticken: Es wird immer alles mit allen zu Boden diskutiert. Mit dieser Methode hat sie das Hauptziel des Reformprozesses mutmasslich erreicht: die Etablierung der neuen Schulkultur. Schleichende Zentralisierung Trotzdem bleibt das Gefühl, dass die Stürme im «Haus des Lernens» noch nicht vorbei sind. Bei den Lehrerinnen und Lehrern hat Bildungsdirektorin Aeppli zwar Vertrauen gewonnen. Doch in Behörden und Politik wächst der Unmut. Selbst die einstigen Verbündeten in FDP und CVP klagen über die «schleichende Zentralisierung» im Departement Aeppli. Schulgemeinden ärgern sich über eine Flut von neuen Vorschriften, und einige haben begonnen, diese zu ignorieren. Obligatorische Lehrmittel werden zwar noch gekauft, aber im Unterricht nicht verwendet. In den Kinderhorten lässt man fünf auch mal gerade sein und betreut ein paar Kinder mehr, als es die Bildungsdirektion erlaubt. In den Sekundarschulen wird an Schulmodellen gepröbelt, die nicht vorgesehen sind. Auf der Website von Bildungsdirektion und Volksschulamt sind unterdessen so viele Reglemente, Weisungen und Formulare aufgeschaltet, dass sich selbst Profis kaum mehr zurechtfinden. Mit dieser hohen Regelungsdichte laufen Aeppli und ihre Bildungsdirektion Gefahr, die Kontrolle über die Volksschule zu verlieren. Die teils heftige Kritik hat bei Regine Aeppli Spuren hinterlassen. Sie lässt sich immer mehr abschirmen von einem wachsenden Stab, und sie beklagt sich über die falschen Geschichten im «Frontpage-Stil», die in den Medien über die Schule geschrieben werden. Mit solchen Rückzugsgesten erweist sie der Schule keinen Dienst. Bald werden neue Stürme an den Läden des neuen Hauses rütteln: Die Debatten über die Grundstufe und den umstrittenen Berufsauftrag werden Aepplis Beziehung zu den Lehrpersonen auf die Probe stellen. Die Privatisierer werden mit einer Volksinitiative die Hände nach der Schule ausstrecken, und wer weiss, wann die nächste Sparrunde kommt. Den offenen Fragen stellen Um dies zu bewältigen, braucht es nicht nur eine offene Schule. Es braucht vor allem eine Bildungsdirektorin, die diesen Geist nach aussen verkörpert. Sie muss sich allen Fragen stellen &endash auch jenen zu den ungeliebten «Skandal-Storys» aus Funk und Presse. Mit treffenden Antworten wird sie die Volksschule stärken und auch ihre persönliche Glaubwürdigkeit. Falls ihr das nicht gelingt, könnten Aeppli und ihrer Festgemeinde die Häppchen von gestern Abend schon bald schwer auf dem Magen liegen. Aeppli weiss, wie die Akteure im Schulfeld ticken: Es wird immer alles mit allen zu Boden diskutiert. Schulbehörden ärgern sich über eine Flut von neuen Vorschriften und haben begonnen, diese zu ignorieren. Bildlegende. Foto: Vorname Name (Agentur) Bildlegende. Foto: Vorname Name (Agentur) Bildungsdirektorin Regine Aeppli bei einem Besuch der Schule Kyburg zum Schulbeginn im August dieses Jahres. Foto: Béatrice Devènes

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