Zürcher Lehrer müssen nachsitzen, wenn sie krank sind

Verpasst ein Lehrer eine Sitzung, weil er mit Grippe im Bett liegt, so muss er diese Arbeitszeit nachholen. Das soll sich ändern.

Für die SP ein «Skandal»: Seit 2017 werden verpasste Sitzungen als Minusstunden verrechnet.

Für die SP ein «Skandal»: Seit 2017 werden verpasste Sitzungen als Minusstunden verrechnet. Bild: Urs Jaudas

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An sich ist das Arbeitsrecht klar: Fällt ein Angestellter unverschuldet aus, weil er krank ist oder ins Militär muss, so hat er mindestens drei Monate Anrecht auf eine vollständige Lohnfortzahlung. Im Umkehrschluss heisst das, dass ein Arbeitgeber niemanden zwingen darf, verpasste Arbeitszeit nachzuholen.

So weit die Theorie. Die Praxis ist zumindest für Lehrerinnen und Lehrer im Kanton Zürich anders. Zwar muss keine Lehrperson Unterrichtsstunden nachholen, wenn die Grippe zugeschlagen hat. Dafür gibt es schliesslich Vikare. Aber Sitzungen, Schulanlässe oder Weiterbildungen werden gemäss dem neuen Berufsauftrag, der seit dem Sommer 2017 in Kraft ist, als Minusstunden verrechnet, wenn eine Lehrperson ausfällt. Erst wenn die unverschuldete Absenz länger als 30 Tage dauert, gelten alle verpassten Arbeitsstunden als geleistet.

«Völlig praxisfremd»

Für den Lehrerverband (ZLV) ist das ein riesiges Ärgernis. «Aus unserer Sicht ist die Regelung nicht rechtmässig», sagt ZLV-Präsident Christian Hugi. «Ausserdem ist sie völlig praxisfremd.» Verpasse ein Lehrer eine Sitzung oder einen Schulanlass, könne er diese nicht einfach nachholen, zumal die Vorgaben, was ein Lehrer an Arbeitszeit aufschreiben darf, relativ streng sind. Gelinge es nicht, das Stundenkonto auszugleichen, könne das unangenehme Auswirkungen haben, so Hugi: «Hat eine Lehrperson Pech und es kumulieren sich fünfzehn, zwanzig Fehlstunden, dann muss sie im nächsten Schuljahr eine Zusatzaufgabe übernehmen, obwohl sie ein volles Pensum leistet und ohne Erkrankung das Stunden-Soll erfüllt hätte.»

Die Gewerkschaft VPOD teilt die Kritik des ZLV. Der Absenzenregelung mangle es an «Ausgewogenheit und Augenmass», heisst es in einem Schreiben des VPOD. Mehr noch: Da Vikare oft auch an Sitzungen und Anlässen für die erkrankten Kollegen einspringen müssen, verlange der Kanton als Arbeitgeber faktisch die doppelte Arbeit.

Alles andere wäre komplizierter

Die Bildungsdirektion sieht sich hingegen im Recht. Pro Lektion werde pauschal eine Arbeitszeit von anderthalb Stunden angerechnet. Das ergebe bei einem vollen Pensum bereits 42 Stunden pro Woche, argumentiert Marion Völger, Chefin des Volksschulamts: «Würden darüber hinaus noch weitere Stunden angerechnet, würde die erkrankte Lehrperson Überzeit leisten.» Rechtlich sei die geltende Regelung korrekt; jede andere Lösung sei administrativ viel zu kompliziert. Dennoch empfehle die Bildungsdirektion den Schulleitungen, die Zeiterfassung pragmatisch zu handhaben und nicht darauf zu bestehen, ein paar wenige verpasste Stunden nachzuholen.

Für ZLV-Präsident Hugi ist das keine befriedigende Lösung: «Es kann ja nicht sein, dass von Schule zu Schule andere Absenzenregeln gelten und die Vorgaben umgangen werden.» Das um so mehr, als der Berufsauftrag eigentlich das Gegenteil bezwecke, nämlich möglichst einheitliche Anstellungsbedingungen.

Gespräche mit der Bildungsdirektion führten aber nicht weiter: «Wir fanden keine Lösung.» Für die Stadtzürcher SP-Kantonsrätin Monika Wicki ist das ein Skandal: «Die Bildungsdirektion bleibt im legalen Graubereich und tut nichts. Dabei ist fast jede Lehrperson davon betroffen.» Indirekt steige so der Druck, krank zum Unterricht zu kommen. Wicki macht nun politisch Druck. Am Montag hat sie zusammen mit Christoph Ziegler (GLP, Elgg) und Hanspeter Hugentobler (EVP, Pfäffikon) ein Postulat eingereicht, das «dringende Reparaturarbeiten» am Berufsauftrag fordert.

Berufsauftrag umstritten

Die Absenzenregelung ist nicht der einzige Punkt am Berufsauftrag, der für Unzufriedenheit und für Kritik sorgt. Umstritten sind zum Beispiel auch die dreissig Minuten, welche die Bildungsdirektion den Lehrpersonen für die Vor- und Nachbereitung des Unterrichts zugesteht. Aus Sicht des Lehrerverbands ist das viel zu wenig. Doch auch in dieser Frage ist keine Einigung mit der Bildungsdirektion in Sicht. Eine weitere Baustelle ist die Altersentlastung, die für über 57-Jährige gegenüber früher um über ein Viertel reduziert wurde. Dazu hat Wicki ebenfalls einen Vorstoss im Kantonsrat eingereicht, doch der dümpelt seit über einem Jahr auf der Traktandenliste; der Regierungsrat beantragt, ihn abzulehnen. «Auch das sitzt die Bildungsdirektorin einfach aus», sagt Wicki dazu.

Was das Absenzenwesen betrifft, bliebe dem ZLV die Möglichkeit einer Klage. Nur müsste sich dazu eine Lehrerin oder ein Lehrer finden, der bereit wäre, deswegen vor Gericht zu gehen. Und das sei gar nicht so einfach, räumt Hugi ein, da oft nur ein paar Stunden pro Jahr nachzuholen sind: «Die meisten Betroffenen haben genug anderes zu tun, also arrangieren sie sich irgendwie.» Der Zufriedenheit diene das nicht. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.03.2019, 11:39 Uhr

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