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Zürcher skater

Zwölf Stunden auf der Suche nach dem Sinn des Skateboardfahrens: Unterwegs mit der Zürcher 5th-District-Crew.

brett-spieler von hannes Grassegger (text) und Jan Hofer, Renato Kümin, Christian Neuenschwander, Alban Schelbert (Bilder) Bellevue, 12.30 Uhr Es ist World-Skate-Tag, Sommeranfang, der längste Tag im Jahr. Und endlich scheint die Sonne. Die 5th-District-Posse trifft sich am Bellevue, einige der aktivsten und langjährig-sten Zürcher Skater. Jungs, die so viel Wert auf Style legen, dass manche in der homophoben Skateszene sie schon als schwul bezeichnet haben. Der Freundeskreis, der mehrheitlich in der Kreativbranche jobbt, nahm es als Kompliment und veröffentlichte postwendend ein 5th-District-Gay-Zine. Für Skater ist die Stadt die Natur. Sie achten wie Bauern aufs Wetter; es muss trocken sein, wenn Skater über Asphalt und Beton gleiten, sonst platzen die Holzbretter auf, und die Polyurethanrollen rutschen. Skater registrieren auch kleinste Veränderungen im Stadtbild. Denn sie erfahren mit ihrem Brett sich und die Stadt, wortwörtlich, auf der Suche auch nach Skateboardstellen, sogenannten Spots: schrägen Wänden, Geländer, Stufen.Es gibt zwei Skatelifestyles: mit weichem Board und Rollen rumflitzen. Oder Tricks machen. Noch vor wenigen Jahren wollten viele zur Trickkultur gehören, Skater hatten das Image wild, urban, vernetzt, high und party! zu sein. Amalgam des Klischees: «Jackass», die MTV-Show des mausgesichtigen Skaters Bam Margera, der vom Dach eines fahrenden Autos hüpfte oder sich einen Hamster in den Hintern schob. Eine Weile prägte so was das Bild der Skateszene. Vor rund drei Wochen fuhr Margeras Partner Ryann Dunn (31) nach einer Party mit dem Porsche gegen einen Baum und starb.Am Bellevue schüttelt Renato Kümin (24) den Kopf. «‹Jackass› hat für mich nichts mit Skaten zu tun.» Der Hype sei weg, meint auch Martin Luchsinger, 35-jährig, mit Baseballkäppi auf dem Kopf. Er hat an fünf Skate-WM teilgenommen (kurz bevor diese wegen des alljährlichen Chaos abgeschafft wurden), eine Dekade im Zürcher Skateshop gearbeitet und ist so was wie der rollende Skaterspirit. Er arbeitet als Regisseur, hat gerade das aktuelle «Bligg»-Video gedreht. Zur 5th-District-Crew gehören auch der 30-jährige Patrick Hefti, der 31-jährige Christian Neuenschwander sowie Alban Schelbert (27). Er und Neuenschwander arbeiten gerade am Debüt ihrer Band Zigitros, jobben als Grafiker und Werber und skaten mehrmals die Woche. Auch Neuenschwander war gesponserter Fahrer, nahm an Weltmeisterschaften teil. Bleibt der schlaksige Designstudent Jan Hofer (22). Ihn halten viele für den besten Skater Zürichs. Sponsoren wie Nike, Volcom oder Bones schicken ihm regelmässig Boards, Schuhe und Kleidung. Er freut sich auf «einen richtigen Skatetag», wie so oft: «Zürich zu shredden!» «Shredden?» «Das ist das beste Wort. Wie zerreissen oder so.» «Wenn ich rausgeh, will ich die Stadt auffressen oder inhalieren. Ich nehme die ganze Energie auf und haue sie in einen Randstein oder ein Geländer», ergänzt Luchsinger. «Skate and Destroy» hiess das Credo der 1980er, Skaten war Punk und Anarchie. Kein Wunder, mit dem Skateboard sammelt man schnell einmal Erfahrungen mit der Justiz. Skaten, wie es Luchsinger mag, ist im öffentlichen Raum quasi verboten. Denn rechtlich gesehen sind Skateboards Spielzeuge, «fahrzeugähnliche Geräte». Man darf auf Trottoirs, Velowegen oder in Fussgängerzonen nur mit gemässigter Geschwindigkeit «spielen». Strassen dürfen nur benutzt werden, wenn sie kaum befahren sind und keinen Gehweg haben. Bürkliplatz, 13.23 Uhr Grün. Rot. «Los!» An der Bellevue-Tramstation springt das Sextett auf die Bretter, rast über die Kreuzung durch die Autokolonnen, scharrt über die Fahrstreifen der Quaibrücke. Die Fahrer hupen nicht mal. Skater nutzen ihre Verletzlichkeit, setzen den eigenen Körper als Schutzschild ein. Das Ziel ist ein Blumenbeet am Bürkliplatz, genauer: dessen niedriges Geländer. Eisenstangen und Kanten kann man nutzen, um daran mit den Achsen zu rutschen – im Fachjargon: zu «grinden» – oder mit der hölzernen Unterseite zu rutschen, genannt «sliden». Der alte Skatertreffpunkt bei der Sechseläutenwiese, ein Mäuerchen, existiert nicht mehr. Heute trifft man sich am kleinen Skateplatz bei der Bäckeranlage. Skater wandern mit Spots, registrieren Brunnen, Treppen und neue Gebäude. Architekten und Stadtplaner kämpfen dagegen an, verlegen Schotter und Pflaster. Auf immer mehr Handgeländern finden sich kleine Stopper. Ähnlich wie man Tauben fernhält mit spitzem Draht. Ein Jahrzehnt hat Zürich gebraucht, um den Bau eines Skateparks auf der Allmend Brunau zu verkünden. Für die Volksabstimmung dazu hatte Jan Hofer sich auf dem Kampagnenplakat einen langen weissen Bart umgehängt und traurig geguckt. Motto: Zehn Jahre sind genug. 70 Prozent stimmten dafür. 2012 wird der Park parat sein. Die Posse freut sich, sagt aber auch, dass der Park das Streetskaten so wenig ersetzen werde, wie legale Graffitiwände das illegale Besprayen von Zügen ersetze.Die Gruppe ist kaum am Geländer, da droht ein städtischer Angestellter mit der Polizei. Abgang, auch wenn die Polizei trotz versammelten 80 Skateboardjahren noch nie jemanden aus der Crew einkassiert hat. Die Polizei ist kulant. «Die Skater sind ja auch freundlicher geworden», sagt Schelbert. Die Bahnhofstrasse dröhnt, aber die Shopper wirken gelassen. Paradeplatz, 13.34 Uhr Beim Hauptgebäude der Credit Suisse spricht ein Banker eben noch nett mit Jan Hofer, schon rollt dieser durch den Torbogen aus dem marmornen Innenhof hinaus und springt sechs Stufen hinunter, auf den Paradeplatz. Die Gruppe hat ein Spalier gebildet, um die Passanten zu schützen. «Skaten ist die komplexeste Sportart», sagt Christian Neuenschwander. «Du brauchst am längsten, um es zu lernen. Ständig hast du Momente wie ein Fussballer beim Penalty oder Federer im Final. Momente der absoluten Fokussierung. Wenn du oben auf einer 15-stufigen Treppe Anlauf nimmst und auf ein Geländer springst, dann kannst du unten tot aufschlagen. Du musst vorher schon mental geschafft haben, was du vorhast. Dann stürzt du dich runter, musst in diesem Moment alles können, was du dir über Jahre angeeignet hast. Im Unterschied zum Fussball bist du selber dein Gegner, mit all deinen Ängsten und Zweifeln.»«Da gehst du durch die Hölle. Es gibt Videos, in denen Profis zwanzig-, dreissigmal auf eine Stelle anfahren, abbrechen, bis sie den Fokus haben», sagt Schelbert. «Es ist wie bei einer Meditation.»«Wenn du einen Trick umsetzt, hast du ihn zum Leben erweckt. Das ist der schöpferische Teil. Ein mega Erfolgserlebnis. Ich erlebe den Trick, während ich ihn mir vorstelle, beinahe körperlich. Wie beim Filmemachen. Nur kein Bild. Ich durchlebe es», sagt Luchsinger.Hofer stürzt, es tut weh. Ein paar Bürger drehen sich gelangweilt weg. «Die Stadt ist eine Trainingsfläche, die Bewohner sind das Publikum. Sie sehen halt auch die Fehlversuche», kommentiert Luchsinger. Als Hofer noch mal ansetzt, kommt ein wütender Wachmann angerannt, Hofer fliegt aus dem Torbogen, die Gruppe rauscht über den Paradeplatz, Trams klingeln. Manchmal schlagen Wachmänner zu, nehmen das Deck weg. So was kostet:120 Franken fürs Brett, 80 für die Rollen, 80 für die zwei Achsen, 30 für die Kugellager. Aktive Skater verbrauchen etwa drei Bretter pro Monat. Dazu kommen noch ein Paar Schuhe, ab etwa 120 Franken. Dann ein Satz Rollen. Aber man gibt beim Skateboardfahren kein Geld aus. 20 Franken kostet ein durchschnittlicher Skatetag. Inklusive Drink, nachts in einer Bar. Brunau-Spot, 14.12 Uhr Im Vorbeifahren lächelt ein Mädchen. Sie mag Skater. «Luchi-Bus!» Das war knapp. Es geht den Hang Richtung Brunau ab. Renato Kümin stürzt, unterwegs mit wohl 30 Kilometern pro Stunde. Das kann leicht böse ausgehen. Kümin aber rollt sich ab und hat nicht mal eine Schramme. An so viel Schlimmes können sich die Jungs nicht erinnern. Einer wurde auf der Strasse gefunden; er verlor seinen Geschmackssinn. Ein anderer flog auf den Hinterkopf, brach sich den Schädel, ist nun auf einem Ohr taub. «Ich versuche, nicht über so was nachzudenken», sagt Alban Schelbert. Die häufigste Verletzung ist der Bänderriss am Knöchel: «Abgeknickt.»Unten an der Autobahnzufahrt Brunau springen alle ein paarmal über die Sperre zwischen den Spuren. Autos rasen hupend vorbei. Ein Oldtimerfahrer winkt salbungsvoll. Im Brachland zwischen Sihlcity, Autobahn und Sihl führt ein Feldweg zur versteckten DIY Quarter: einer U-förmigen Betonwelle, meterhoch, selbst gebaut. Do-it-yourself-Ramps sind Trend. Einfach selber Skateparks bauen, auf Bauverordnungen pfeifen. Neuenschwander versucht «Airs», scheitert fünfmal, dann fliegt er über den Kamm der Betonwelle, hält sein Deck, liegt parallel zum Boden in der Luft und landet wieder in der Welle. Ein lautes «Yeah!» aus der Gruppe. Jeder probiert der Reihe nach Tricks. «Es ist schön, anderen zuzusehen, wie sie es versuchen und dann hinbekommen», sagt der stille Patrick Hefti. Skater sind soziale Geeks. Superfokussiert, gleichzeitig in Vollkontakt mit der Aussenwelt. sihlcity, 15.17 Uhr Vor dem Sihlcity-Coop gibt es Bananen, Biotee, Wasser, Bananenbuttermilch, einen Gemüsedrink. «Früher wär das ein Zweiliterpack Eistee gewesen für alle», meint Hefti. Skater teilen, um wenig transportieren zu müssen und auszugeben. Das ist überall ähnlich. Skater sind glokal: lokal organisiert, aber global orientiert. Luchsinger findet das wunderbar: «Auf dem Brett bin ich überall zu Hause. Ich geh nach São Paulo und finde easy einen Schlafplatz.» Selnau Banks, 15.52 Uhr An den «Selnau Banks», einer mit rotem Backstein gepflasterten, aufgebogenen Ummauerung, stösst der Europameister der Juniorenkategorie zur Gruppe, der 16-jährige Kilian Zehnder. Die Älteren sind stolz auf den dünnen Blondschopf mit den leuchtenden Augen und den blauen Flecken. Als Zehnder 2010 die Europameisterschaft in Basel gewann, gab es zwar kein Geld, aber Fangirls. Den Gesamtfinal aller Altersklassen habe Zehnder verpennt, sagt Schelbert und lacht. Wenn man skatet, sind Altersunterschiede egal, doch Skaten prägt die Persönlichkeit. Es wird für Zehnder stets hart bleiben, bei gutem Wetter drinnen zu arbeiten. Er wird sich überall durchschlängeln. Weil ein Skaterleben von etwa 13 bis Anfang 20 geht, wird er sich mit 25 fühlen, als hätte er ein Leben hinter sich. «Wir sind im Rentenalter», nickt der 24-jährige Kümin. In Zukunft würde Zehnder gerne «ein bisschen Geld verdienen und dann Skaten». Am besten in Barcelona. Das habe eine Hammer-Architektur, finden alle. Überhaupt: Ein Skater wird schon mal Architekt. Berufe, die sich um Formen drehen, oder Jobs, die Zeit zum Skaten lassen, sind bei Skatern beliebt. pestalozziwiese, 16.15 Uhr Der Max-Bill-Spot wird angesteuert, das Kunstwerk an der Ecke Pelikanstrasse/Bahnhofstrasse, weiter geht es zur Pestalozziwiese vor dem Globus. Die Wiese hat historische Tragweite für Luchsinger: «Hier entstand die Zürcher Skateszene Ende der 1980er. Hier hingen B-Boys und Hippies und Skater.» Manchmal seien die Teddys gekommen, um die Skater zu verprügeln. Heute sei alles ungefährlich. Eines Tages will Luchsinger über all das einen Film drehen. «Was jetzt?», fragt Zehnder. Kunsthaus, 16.39 Uhr Wenig später testet die Crew den Strassenbelag vor der Uni. Es gibt ein Wettrennen bergab zum Kunsthaus. Drei Minuten lang gehört Zehnder sein Lieblingskunstwerk mit den super Betonkanten, dann verscheucht ihn eine Serviertochter. Weiter. langstrasse, 17.02 Uhr Im Langstrassentunnel wird es laut, riecht es nach Lindenblüten, Abgasen, Pisse. Die T-Shirts kleben am Körper, die Knochen vibrieren, Muskeln ziehen. Es fängt an zu regnen. Hunger. Nach einem Sandwich beim Libanesen folgt eine lange Diskussion. «Lasst uns zum Bowl nach Frauenfeld!», fordert Hofer. Eine Bowl ist eine grosse Betonwanne. In Zürich gibt es weder Halfpipe noch Bowl. Auf dem Weg zum Auto kommt die Gruppe in der Josefstrasse am «Rollladen» vorbei, dem Zentrum der Zürcher Longboarderszene, der Skater, die am liebsten einfach gleiten. Eine Peace-Flagge hängt im Laden, Geschäftsführer Jojo Lindner steht barfuss im Eingang. Jojo skate sogar barfuss, er wohne in einem Wohnwagen, gehe immer auf Bergstrassen fahren, flüstern die Jungs, niemand fahre so saubere Linien. Lindner lädt uns zu einer Downhillsession. «Ab acht, bergab vom Rigiblick, sicher zwanzig Leute, kommt mit!» autobahn, 20.30 Uhr Um halb neun sind wir auf der Autobahn, Sandro Dalla Corte ist zur Gruppe gestossen, macht den Fahrer und erzählt von den Ferien mit seinen vier Kindern. Er ist gerade 40 geworden, hat Tattoos am Arm. Nebenbei führt er mit einem Partner die Skatefirma 5th District, für die das Gros der Clique fährt und Designs macht. Die Firma ist ein Hobby und wirft kein Geld ab; hauptberuflich ist Dalla Corte Monteur. Einmal im Jahr machen 5th District einen Ausflug, 2010 fuhr man in zwei Wohnwagen nach Kroatien, skaten. frauenfeld, 21.15 Uhr Die Abendsonne über den Frauenfelder Sportplätzen taucht die menschenleere Bowl – saubere, betongraue Becken – in kalifornische Farben. Christian Neuenschwander stürzt sich hinein. Über Kümins Gesicht zieht sich ein Lächeln: «Da ist das Beste, wenn der Tag vorbei scheint, und dann kommt so was.» Langsam wird es dunkel. Am Rand der Anlage leeren zwei Mädchen ein Zehnerpack Bier, werfen lange Blicke und kichern. Jennifer ist heute 16 geworden. «Wollt ihr ein Bier?» Die dünne kleine Blondine dreht ein paar Pirouetten und guckt berauscht in den Abendhimmel. «Wie alt seid ihr?», fragt sie und siezt Dalla Corte, als er es ihr verrät. «Bleibt ihr?», fragt ihre schwarzhaarige Freundin. salzhaus winterthur, 23.50 Uhr Gegen zwölf endet der Tag in der Aussenbar des Winterthurer Salzhauses. «Seid ihr nicht schon ein bisschen alt dafür?», frage ich. Schelbert weiss, seine Mutter ist schockiert, dass er noch skatet. Einmal sah ihn sein Chef und wusste gar nicht, was sagen. Patrick Hefti fragt sich manchmal, was seine Kunden denken, wenn sie ihn herumfahren sehen. Aber Opas würden schliesslich auch mit Eisenbahnen spielen – und Skaten sei doch viel mehr als spielen. «Skaten», sagt Schelbert, «ist einfach das Beste. Nichts kann das ersetzen. Wenn du das erste Mal einen Kickflip geschafft hast, sich das Brett unter dir dreht, du landest, weiterfährst, dann hast du ein Glücksgefühl, das willst du immer wieder.» Luchsinger ergänzt: «Du musst einmal schauen, wie gross Kinderaugen werden, wenn sie ein Brett sehen. Bei der Max-Bill-Skulptur bei der Bahnhofstrasse, als mir heute das Board weggerutscht ist, hat es ein Grosi gestoppt. Und was sagt sie? ‹Jetzt wollt ich grad draufsteigen und losfahren.› Check das mal! Losfahren! Das Gefühl haben fast alle. Das ist was Natürliches. Alle wollen Rollen.» Europameister: Der 16-jährigeKilian Zehnder. «Die Stadt ist eine Trainingsfläche»: Jan Hofer und Christian Neuenschwander im Temporausch. Skaten ist ein urbanes Lebensgefühl: Renato Kümin testet neben dem Sihlcity die Stadt aus. «Wenn ich rausgeh, will ich die Stadt auffressen»: Die 5th-District-Crew auf der Langstrasse (oben) und der DIY Quarter in der Brunau (unten).

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