Zum Hauptinhalt springen

Legendäre Zürcher DiscosZürichs erster DJ? Ein Schlagersänger!

Die Clubs sind zu, die Dancefloors leer, die DJs daheim. Zeit, um in der Geschichtenkiste des Zürcher Nachtlebens zu wühlen. Teil 2: Der Club Embassy.

Pichi, heute 75 Jahre alt, heisst bürgerlich Roger Bollier und war nicht nur Schlagersänger, sondern wahrscheinlich auch Zürichs erster Discjockey. Den Kosenamen gab ihm seine spanische Mutter.
Pichi, heute 75 Jahre alt, heisst bürgerlich Roger Bollier und war nicht nur Schlagersänger, sondern wahrscheinlich auch Zürichs erster Discjockey. Den Kosenamen gab ihm seine spanische Mutter.
Foto: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv

Zürich hat in den letzten 50 Jahren eine schier endlose Zahl an (buchstäblich) klangvollen Mixkünstlern und -künstlerinnen hervorgebracht, deren Ansehen oft weit über die Stadt- oder gar Landesgrenzen hinausreichte oder noch immer -reicht.

Es sind Frauen und Männer – Achtung, jetzt folgt ein Namedropping, das trotz Überlänge niemals Anspruch auf Vollständigkeit reklamieren würde – wie Roger Giger, Oli Stumm, Dani König, Vitamin S., Manuel Mind, Rolf Imhof, Lou Lamar, Styro2000, Bang Goes, Viola, Gangsta, Mas Ricardo, Manon, Cut A Kaos, Tatana, Dream, Noise, Muri, Gallo, Creaminal & Nadia Naas; Nadja Naas, Gogo, Minus 8, Oliver Scotoni, CrazeeBo, Mikky B, Smash FX, Kurtis, Laurent Herzog, Heinz, Jamie Lewis, Pipo, Spruzzi, Robi Insinna, Alex Dallas, Ajele, Kalabrese, Lexx, Playlove, MT Dancefloor, Dust Surfers, Herr Wempe, Eli Verveine, Les Belles de Nuit, Reto Ardour, Ronny Grauer, Dejan, Nici Faerber und so weiter und so fort.

Doch sie alle sind und waren nur die Nachfahren des allerersten DJ – jenem Wegbereiter, dem es vergönnt war, mit seinen Platten als Erster die Limmatstadt in Tanzschwung zu bringen. In Teil 1 dieser Serie (9. April) war die Rede vom Café Pony, wo mit Hardy Hepp und Teddy Meier zwei Trendsetter und DJs der ersten Stunde am Werk waren. Die Vorreiterrolle aber hatte ein anderer inne.

Rang zwei am Nachwuchswettbewerb

Gemäss dem Standardwerk «Beat Pop Protest» des Journalisten und Musikers Sam Mumenthaler ist das mit grosser Wahrscheinlichkeit ein Mann – oder wie der Autor schreibt: «ein junges Bürschchen» – namens Pichi gewesen.

Beginnen müssen wir diese interessante Episode des Zürcher Nachtlebens aber bei Leo Scheuble, dem Besitzer des bekannten Jazzlokals Afrikana im Niederdorf. Er nämlich übernahm 1964 den abgetakelten Nachtclub Embassy am Stadthausquai, um ihn neu zu lancieren. Dazu knüpfte er Kontakt mit Manfred Weissleder vom Hamburger Star-Club, und gegen eine Franchise durfte Scheuble das Embassy zu einer bescheidenen Kopie des berühmten Originals ummodeln.

An dieser Stelle kommt nun Pichi ins Spiel, der bürgerlich Roger Bollier heisst; den Kosenamen hatte ihm seine spanische Mutter verliehen. Geboren wurde Bollier, der immer ein paar Jahre jünger aussah, als er tatsächlich war, am 10. Februar 1945. Nachdem er 1960 unter dem Pseudonym Pichi an einem Nachwuchswettbewerb der angesehenen Plattenfirma Ariola den zweiten Platz belegt hatte, schien die Karriere als künftiger Musikstar vorgezeichnet.

Tatsächlich feierte Pichi als Schlagersänger gewisse Erfolge – seine 1964 erschienene Twist-Single «Null Uhr zehn» geniesst offenbar bis heute Kultstatus – doch der ganz grosse Durchbruch blieb ihm sowohl als Solokünstler wie auch mit seiner Beat-Formation Pichi & The Limelights (der auch das spätere Krokodil-Mitglied Walti Anselmo angehörte) verwehrt.

Die Mannequins waren sein «Lockstoff»

Im Embassy allerdings hatte Pichi eine andere Aufgabe: Er durfte das Publikum zwischen den Sets der Tanzorchester als Discjockey mit den neusten Schallplatten aus England unterhalten.

Bald gestaltete der pfiffige Kerl aus dem Intermezzo jedoch seine ureigene Show: «Um das Geschäft mit den Platten anzukurbeln, hatte der DJ in den Zürcher Modeboutiquen ein paar Mannequins aufgegabelt, die immer dann im Embassy herumlümmelten, wenn er seine Platten auflegte», berichtet Autor Sam Mumenthaler. Das sprach sich herum und zog immer mehr gut betuchte Geschäftsleute an. Und so dauerte es nicht lang, bis der Nebendarsteller Pichi im Embassy zur Hauptattraktion wurde. «Die Orchester haben mir leidgetan, wenn sie wieder spielen mussten», wird Zürichs DJ-Pionier im Buch zitiert.

Eine Annonce für die DJ-Sets von Pichi im Embassy aus den Sixties.
Eine Annonce für die DJ-Sets von Pichi im Embassy aus den Sixties.
Foto: Archiv Sam Mumenthaler

1967/68 wurden 13 Privatclubs geschlossen

Aber auch anderswo wurde zu lauter Musik heftig geschwoft. Im Archiv der Lärmbekämpfungsstelle der Stadtpolizei ist zu lesen, dass die Ordnungshüter immer öfter wegen Nachtruhestörungen hätten ausrücken müssen – so auch in den Club Platte 27 (siehe unten) – und dass es allein zwischen 1967 und 1968 zur Schliessung von 13 Privatclubs gekommen sei. Mehr dazu dann in Teil 3 dieser Serie.

Heftig schwofen zum Groove der Sixties: Der Club Platte 27, der wegen Nachtruhestörung Polizeibesuch bekam.
Heftig schwofen zum Groove der Sixties: Der Club Platte 27, der wegen Nachtruhestörung Polizeibesuch bekam.
Foto: Museum für Kommunikation