Die Gefahren der Liebe

Julian Barnes erzählt von einem Komponisten und von einem 19-Jährigen, der sich in eine viel ältere verheiratete Frau verliebt.

Liest bei seiner Lesung im Kaufleuten aus zwei Romanen: Julian Barnes.

Liest bei seiner Lesung im Kaufleuten aus zwei Romanen: Julian Barnes.

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Was ist eigentlich dieser Julian Barnes für einer? Sein neuster Roman «The Only Story» – der auf Deutsch erst nächstes Jahr erscheint – beginnt so: «Würden Sie lieber mehr lieben und dafür mehr leiden oder weniger lieben und ­weniger leiden?» Davor hatte der 72-jährige Engländer den Roman «Der Lärm der Zeit» (Kiepenheuer & Witsch) veröffentlicht. Dessen erster Teil beginnt so: «Er wusste nur eins: Dies war die schlimmste Zeit.» Und dessen letzter Teil beginnt so: «Er wusste nur eins: Dies war die allerschlimmste Zeit.»

Der «er» hier ist der geniale russische Komponist Dmitri Schostakowitsch, der vom Diktator Stalin wie eine Schnecke zerquetscht wurde. Und davon handelt Barnes’ Roman. Er ist ebenso grossartig wie niederschmetternd. Das Gleiche gilt für «The Only Story». Auf die Frage, ob er eigentlich darauf aus sei, seine Leserschaft zu deprimieren, muss Barnes herzlich lachen: «Es ist nicht so, dass ich mich hinsetze und sage: ‹Ha, das wird sie fertigmachen. Prima. Hoffentlich schreiben sie massenhaft Briefe, wie sehr das Buch sie deprimiert hat.›»

Als Autor habe er so viele Fassungen seines Werks geschrieben und so vieles in seinem Kopf hin und her gewendet, dass er sich freue, wenn seine Leser auf seine Erfindungen emotionell heftig reagieren.

Um Emotionen geht es auch in «The Only Story». Es ist die Geschichte eines 19-Jährigen, der sich in eine verheiratete 48-Jährige verliebt. Die beiden flüchten aus der Provinz nach London, sind anfangs sehr glücklich, aber dann wird die Frau zur Alkoholikerin. Erzählt wird die Geschichte Jahrzehnte später aus der Sicht des Mannes, der die Frau weiterhin liebte, aber nicht zu retten vermochte.

Man legt als Verliebter sein Herz in die Hände eines anderen Menschen.Julian Barnes


Will Barnes uns damit zeigen, wie schmerzhaft und gefährlich Liebe im Allgemeinen und erste Liebe im Besonderen sein kann? «Na ja», sagt der Autor, «man legt als Verliebter sein Herz in die Hände eines anderen Menschen und verleiht diesem damit eine ungeheure Macht, einem alle möglichen Schmerzen zuzufügen. Bei der ersten Liebe wird all das noch dadurch verschärft, dass man keine Vergleichswerte hat. Der erstmals Verliebte weiss nichts, glaubt aber, alles zu wissen. Deshalb neigt er so heftig zu Absolutismus und Schwarzweissmalerei.»

Der Zweck von Belletristik ist, schöne, exakte, gut konstruierte Lügen zu erzählen, die harte, schimmernde Wahrheiten bergen.Julian Barnes


Barnes’ grosse Kunst ist, bei der Beschreibung dieses Absolutismus selbst keine Schwarzweissmalerei zu betreiben, sondern unglaublich differenziert zu verfahren. Sein Credo lautet ja auch: «Der Zweck von Belletristik ist, schöne, exakte, gut konstruierte Lügen zu erzählen, die harte, schimmernde Wahrheiten bergen.» Ja, unterm Strich ist es wohl so, dass zurzeit niemand so einfühlsam, hellsichtig und präzis über das Thema Liebe schreibt wie Julian Barnes.

Im Kaufleuten wird die Schauspielerin Ariela Sarbacher auf Deutsch aus «Der Lärm der Zeit» lesen, Julian Barnes auf Englisch aus «The Only Story». In den Kinos läuft die Verfilmung seines mit dem Booker Prize ausgezeichneten Romans «The Sense of an Ending».

Di — 20 Uhr
Kaufleuten
Pelikanplatz
Ausverkauft
www.kaufleuten.ch

Erstellt: 20.06.2018, 16:30 Uhr

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