Die Methode Marthaler

Wie arbeitet Regisseur Christoph Marthaler? Der «Züritipp» war bei der Entwicklung des neusten Stücks «Mir nämeds uf öis» dabei.

So also siehts aus in Marthalers Bad State, der Menschen ihre Probleme abnimmt.

So also siehts aus in Marthalers Bad State, der Menschen ihre Probleme abnimmt.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Das sieht vielleicht bescheuert aus: Der Pianist Bendix Dethleffsen trägt ein schwarz-rosa Jackett und hat auf seinen rasierten Schädel eine Schlafmaske hochgeschoben. Zusammen mit Schauspielerinnen und Schauspielern studiert er gerade ein mehrstimmiges Lied des englischen Komponisten Thomas Tallis ein. Der Gegensatz zwischen Dethleffsens grotesker Aufmachung und der Ernsthaftigkeit, mit welcher hier um feinste musikalische Nuancen gerungen wird, ist typisch für das Theater von Christoph Marthaler: In seinen besten Produktionen gibt es urkomische Momente, aber auch solche, in denen man zu Tränen gerührt wird.

Probt der Zürcher Regisseur, fällt sofort auf, wie gelöst die Stimmung ist: Er hat ein Ensemble zusammengestellt und schaut jetzt, was diesem einfällt. Er brüllt nicht rum und befiehlt, sondern schlendert auf der Bühne herum und sagt Dinge wie «Das probieren wir mal aus» oder «Das könnte natürlich auch sein». Das ist nicht jedermanns Sache: Es gibt Schauspieler, die möchten, dass ihnen ein Regisseur genau sagt, was sie tun sollen, sonst fühlen sie sich allein gelassen.

Umgekehrt kann man bei Marthaler Dinge tun wie bei keinem anderen Regisseur. Zum ersten Mal mit ihm zusammen arbeitet Susanne-Marie Wrage, und es ist offensichtlich, wie viel Spass ihr die Proben machen: Ständig ist sie in Bewegung, bietet «Stögelischue-Yoga» und auch sonst ganz viel an, wie das im Theaterjargon heisst. Erst aus diesen Angeboten und Improvisationen entstehen Marthalers Projekte wie jetzt gerade «Mir nämeds uf öis». Es soll darin um ein Staatswesen gehen, bei dem Zuflucht findet, wer Dreck am Stecken hat, und für so ein Projekt kamen die Paradise Papers gerade recht. Aber warum wird da so viel von Richard Wagner gesungen und gespielt? «Bei Wagner werden Schuld und Sühne sehr heftig thematisiert, und genau darum geht es ja in unserem Stück», sagt der unentbehrliche Dramaturg Malte Ubenauf. Er hat Texte vorbereitet, die vorkommen könnten, die Darsteller haben Songs vorgeschlagen. Was davon tatsächlich verwendet werden wird, sehen wir dann an der Premiere.

Drei Wochen nach dem ersten Proben­besuch hat das Ensemble aus dem Schiffbau in den Pfauen gewechselt und probt im richtigen ­Bühnenbild, das aussieht wie das Innere eines Luftschiffs. Bendix Dethleffsen trägt jetzt ein schwarzes Jackett, aber auch das ist noch nicht sein gültiges Kostüm. Während das Tallis-Lied gesungen wird, drehen sich die ineinander ­verknäulten Darsteller um die eigene Achse und im Kreis wie brütende Pinguine in den Winden der Antarktis.

Tora Augestand, die in jeder Beziehung grosse Sängerin aus Norwegen, spielt in diesem Stück ein «bordeigenes Kulturhologramm». ­Aber so futuristisch das klingt, so heutig ist ihr ­technisches Problem: Wie kommt sie zu einem Mikrofon, wenn sie weder eines in der Hand halten darf noch eines auf der Bühne stehen soll? Natürlich machen die Proben am meisten Spass, solange alles noch im Fluss, noch alles möglich ist. Aber irgendwann kommt leider der Moment, da Dinge festgelegt werden müssen. Als Ueli Jäggi stilecht ein Lied von Udo Jürgens tremoliert, lautet Marthalers Anweisung an die übrigen Darsteller denn auch: «Das Grinsen durchziehen, immobil. Ich weiss, das ist furchtbar, aber es muss sein.»

Do, 20 Uhr / So, 19 Uhr
Schauspielhaus Pfauen
20-108 Franken

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.12.2017, 17:54 Uhr

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Never Mind the Markets Die Heuchelei der G-20

Mamablog «Oft fehlt der Mut, zu erziehen»

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sonntags bis freitags ab 7 Uhr die besten Beiträge aus der Redaktion.
Newsletter «Der Morgen» jetzt abonnieren.

Die Welt in Bildern

Spielen im Schnee: Die zwei chinesischen Riesenpandas Chengjiu und Shuanghao geniessen das kalte Wetter im Zoo von Hangzhou (9. Dezember 2018).
Mehr...