Die Seele des Zirkus ist weg

«Toruk», die neue Produktion des Cirque du Soleil, will ein Film sein. Und das ist ein Problem, wie der Besuch zeigt.

Lichtjahre entfernt: Seltsame WEsen turnen auf Pandora herum.

Lichtjahre entfernt: Seltsame WEsen turnen auf Pandora herum. Bild: Kym Barrett

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Die Standing Ovation ist eine Frau. Da haben ein paar Tausend Menschen an diesem Abend «Toruk – The First Flight» im Mediolanum Forum am Rand von Mailand gesehen, aber am Schluss der Multimedia-Produktion steht nur eine Person zum Applaus auf – und das gelingt ihr so halbwegs. Denn die Frau wird von den Sitznachbarn wieder in ihren Platz gedrückt, als dürfte es keine Ovation geben. Haben die Mailänder ein Problem mit dem Cirque du Soleil? Das Problem ist die Show selber.

2015 hat «Toruk» in Montreal Premiere gehabt, seither tourt das Spektakel, das von James Camerons 3-D-Film «Avatar» inspiriert ist, durch die Welt: heute Mailand, morgen Zürich. Ein ganzer Planet ist unterwegs von Halle zu Halle: Willkommen auf Pandora!, so ungefähr 4,4 Lichtjahre von unseren Vorstellungen entfernt.

Die Bühne wird zur Leinwand

Es gibt dort seltsame Bestien und wundersam blühende Pflanzen, die Bäume wachsen in den Himmel hinauf. Doch irgendwie kommt die Geschichte, die erzählt, wie zwei blauhäutige Wesen mit angehängten Lemurenschwänzen die Seele dieser Welt vor der Zerstörung retten, ein bisschen flach raus, schon wegen den Projektionen.

Die Bühne wird mit der ganzen Technik zur Leinwand. Was die «Toruk»-Regisseure Michel Lemieux und Victor Pilon wollen, ist: grosses Kino. Wir bekommen den Film leider mit Untertiteln. Ein Erzähler erzählt in sehr geschwollenem Ton, was zu sehen ist. Sein «L’Albero delle Anime» hallt immer noch nach.

Wie aus einer anderen Welt: Trailer des neusten Programms des Cirque de Soleil. Video: YouTube/Cirque de Soleil

Der Cirque du Soleil spielte schon immer in einer anderen Dimension. Was 1984 in Québec mit einem Auftritt auf der Strasse begonnen hat, ist zu einem Millionenunternehmen geworden, dieser Sonnenstaat bildet ein Universum für sich. 4000 Angestellte, darunter 1300 Artistinnen und Artisten, arbeiten weltweit für die Shows – man hat mit der Zeit schon den Überblick verloren, wie viele es sind. Nach der Übernahme des Cirque durch eine Investorengesellschaft ist einiges dazugekommen, auch der Zwang, alles optimieren zu müssen für den Profit.

Eine Utopiemaschine mit menschlichem Gesicht, das war der Cirque du Soleil immer. Die Artisten haben die Produktionen geprägt. So war es in «Ovo» oder in «Totem», die vor einiger Zeit in Zürich zu sehen waren. Die Geschichte konnte man vergessen. Die Nummern blieben im Gedächtnis.

Mit Blick auf das Handy

Auf dem Planeten Pandora dagegen steht die Artistik nicht im Mittelpunkt. Zwar gibt es immer wieder Anläufe für ein paar schöne Nummern: Menschen, die blau angemalt sind, turnen an Geräten herum, sie balancieren auf einem Skelett, was sehr hübsch anzusehen ist, oder klettern auf Stangen hinauf. Auch steigen Drachen in die Lüfte.

Im Normalfall würde man hier sagen: Was für ein Wunder! Aber es geschieht keines. Denn die Luftnummern gehen unter im allgemeinen Gewusel auf der Bühne. Man rennt dort im Kreis herum. Dann schauen die Mailänder auf ihre Handys, als ob dort mehr zu sehen wäre.

Das Publikum wird sogar angehalten, das zu tun, wegen Multifunktionalität und so. Der Cirque du Soleil ist im App-Zeitalter angekommen.

Mi 12.6. (Premiere) bis So 16.6.
Hallenstadion
Wallisellenstr. 45
Eintritt 90 – 216 Franken
www.cirquedusoleil.com

(Züritipp)

Erstellt: 11.06.2019, 16:48 Uhr

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