Die Spuren von Hiroshima

Marina Perezagua findet in ihrem Debütroman «Hiroshima» eine kraftvolle Stimme für die Traumatisierten der Geschichte.

Die Schriftstellerin ist auch Uni-Professorin in New York: Marina Perezagua.

Die Schriftstellerin ist auch Uni-Professorin in New York: Marina Perezagua. Bild: Lisbeth Salas

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H. ist eine «Hibakusha», eine Überlebende des amerikanischen Atombombenangriffs auf Hiroshima am 6. August 1945. Ihre Haut ist zu einem grossen Teil verbrannt, ihr Geschlecht verstümmelt. Aus Angst vor Verstrahlung wird sie, wie alle «Hibakushas», aus der japanischen Gesellschaft ausgegrenzt.

Eine Aussenseiterin war sie schon davor, oder ein Aussenseiter: H. wurde als Hermaphrodit geboren und als Knabe aufgezogen. Ihr Leben lang wird sie darum kämpfen, eine Frau sein zu dürfen. Biologisch und sexuell, aber auch in ihrer eigenwillig-radikalen Art, die Welt als Flechtwerk voller unsichtbarer Verbindungen zu sehen: Bäume, sagt sie immer wieder, seien keine Einzelwesen, sondern durch ihr Wurzelwerk miteinander verflochten. So sei es auch mit den Menschen. Nicht nur die Natur, sondern auch die Geschichte schaffe Verbindungen zwischen den Menschen; Schicksalsgemeinschaften von Traumatisierten, die über keine eigene Sprache verfügen.

Der Krieg, ein Wurzelgeflecht

H. findet die grosse Liebe in Jim, einem ehemaligen amerikanischen Soldaten, der die Kriegsgräuel von der anderen Seite erlebt hat, als Zwangsarbeiter und Gefangener auf einem japanischen Schiff. Der Krieg ist das Wurzelgeflecht, aus dem die beiden herausgewachsen sind. Gemeinsam machen sich H. und Jim die Suche nach der japanischen Pflegetochter zur Lebensaufgabe, für die Jim in den ersten fünf Jahren ihres Lebens gesorgt hatte.

In ihrem Debütroman lässt die spanische Autorin Marina Perezagua, 1978 in Sevilla geboren, ihre Icherzählerin mit einer ungeheuren sprachlichen Wucht von körperlichen und seelischen Schmerzen erzählen; mit Bildern, die einen bis in die Träume hinein verfolgen.

Perezagua beschreibt mit Verve und vibrierender Lebendigkeit, wie in H. eine Wut heranwächst, die ihr die Kraft verleihen wird, trotz allem zu lieben, sich für eine menschlichere Welt einzusetzen und am Ende ihre Geschichte aufzuschreiben; in neun Kapiteln der Schwangerschaft, die ihr niemals vergönnt war. Dabei lädt Perezagua ihrem Roman ganz schön viel politische Analyse auf – was man ihr aber keineswegs übel nimmt. H. wächst einem auf eine seltsame Weise ans Herz; atemlos folgt man ihr durch alle Schrecken.

Di — 19.30 Uhr
Literaturhaus
Limmatquai 62
Eintritt 20 / 14 Franken
www.literaturhaus.ch

(Züritipp)

Erstellt: 14.06.2018, 09:40 Uhr

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