«Die Wirklichkeit sucht sich ihr Theaterstück»

Der Regisseur Jan Bosse inszeniert im Schauspielhaus das Shakespeare-Stück «Mass für Mass», das viel mit dem Hier und Jetzt zu tun hat.

Der Herzog (r.) hat sich als Mönch verkleidet, um inkognito für Recht und Ordnung zu sorgen.

Der Herzog (r.) hat sich als Mönch verkleidet, um inkognito für Recht und Ordnung zu sorgen. Bild: T+T Fotofgrafie

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«Mass für Mass» beschäftigt sich mit der Frage, wie stark der Staat in die Freiheit des Einzelnen eingreifen muss, um gesellschaftliche Ordnung zu gewährleisten. Wie aktuell ist das?
Ich hätte das Stück nicht ausgewählt, wenn ich darin nicht einen Aktualitätswert gesehen hätte. Isabella kann ihren Bruder nur vor dem Tod retten, wenn sie gegen ihren Willen mit dem Statthalter Angelo schläft. Machtstrukturen, Abhängigkeitsverhältnisse und sexuelle Ausbeutung sind Themen, die gerade, wenn auch nicht nur, im Zuge der #MeToo-Debatte hochaktuell sind.

War #MeToo also der Auslöser?
Nicht direkt, aber die Auswahl des Stücks fiel zeitlich mit dem Aufkommen der Debatte zusammen. Ich hatte zuvor schon festgestellt, dass sich diese Diskussionen um Macht und Abhängig­keiten häuften, und habe mich deshalb dafür entschieden. Ich sah in «Mass für Mass» viele Themen, die auch über 400 Jahre nach Shakespeare noch von Bedeutung sind. Ich bin ja der festen Überzeugung, dass sich die Wirklichkeit ihr Theaterstück sucht.

Welche Bedeutung hat die Sexissmus-Debatte für Sie als Theaterregisseur?
Ich bin sehr froh, dass sie angestossen wurde und die Theaterszene erreicht hat. Für mich persönlich geht es auch um den zwischenmenschlichen Umgang und wie frei Kunst sein muss. Wie viele Regeln brauchen wir, damit es keine Ungleichgewichte zwischen den verschiedenen Akteuren gibt? Sehen Sie, da sind die Themen aus «Mass für Mass» wieder.

Weshalb erschien Ihnen gerade dieses Stück passend für Zürich?
Der calvinistische Puritanismus, der als neue «Law and Order»-Politik im Stück kritisiert wird, hat viel mit unserer Wirklichkeit zu tun – etwa wie hoch der Preis ist, den wir für unsere vermeintliche Sicherheit bezahlen.

Und bei all diesen schweren Themen wird das Stück als Komödie bezeichnet?
Ja. Es gibt inhaltlich trotz der grossen Tragik auch eine komische ­Ebene, weil Shakespeare die Figuren wie Laborratten vorführt. Die Demontage des Mächtigen, der von seinen Trieben eingeholt wird, nimmt im Laufe des Stücks absurde Züge an. Ich mag die Kombination aus lustig und böse, das ist mein Lieblingsgenre.

Do/Mo, 20 Uhr, Pfauen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 11.04.2018, 15:59 Uhr

Jan Bosse

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