Drama, Glitzer, Neon: «Flashdance» feiert in Zürich die 80er-Jahre

Wir haben die Hauptdarsteller des Musicals in Dublin getroffen. Joanne Clifton und Ben Adams über Popcorn, Fahrräder und Tanzschritte.

Auf die berühmte Wasserszene muss auch im Musical niemand verzichten.

Auf die berühmte Wasserszene muss auch im Musical niemand verzichten. Bild: Brian Hartley

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Dann endlich kommt das Wasser. In einem satten Schwall ergiesst es sich auf die Bühne. Und auf Alex, die junge Schweisserin, die sich selbstvergessen auf einem Stuhl räkelt. Es ist die berühmte Szene aus dem Kinofilm «Flashdance» (1983) von Adrian Lyne, sie wurde für das gleichnamige Musical wiederbelebt.

In Plymouth feierte die Produktion 2008 Premiere, danach war sie im Londoner West End zu sehen, später auch am New Yorker Broadway. Dieses Jahr ist die englischsprachige Inszenierung erstmals in Zürich zu Gast, wo sie mit all den Hits von damals und der 80er-Jahre-Ästhetik den Nerv der Zeit treffen wird.

Zumindest die jungen Leute mit ihren Retrorennrädern und den bunten Sportklamotten zu Beginn des Musicals sehen aus, als hätte man sie dieser Tage vor einer angesagten Zürcher Bar eingesammelt. So wie Alex mit ihrer blonden Wuschelmähne, dem schulterfreien Sweatshirt und den spitzen Schuhen.

Geheimnis der Blonden Alex

Einige Monate vor dem Schweiz-Besuch hat man uns nach Dublin eingeladen, um dort zusammen mit einigen Iren das Musical «Flashdance» zu besuchen. Um die Geschichte der jungen Alex anzuschauen, die tagsüber hart arbeitet und nachts in einer Bar tanzt, die sich in den Juniorchef des Stahlwerks, Nick Hurley, verliebt, die hadert und kämpft und die es schliesslich trotz ihres wilden und eigenwilligen Tanzstils an die lokale Tanzakademie schafft.

Das Tanzen und die Liebe: «Flashdance» Video: Vimeo/Showhouse

Eine Geschichte, die eigentlich ganz gut in die irische Haupt- und ehemalige Arbeiterstadt Dublin passt, in der der Traum von Geld und Erfolg vor Jahren ebenfalls wahr geworden ist. Dort, am Ende des Flusses Liffey, wo das Bord Gàis Energy Theatre steht, wohnten vor ein, zwei Generationen noch die Armen. Heute stehen da Häuser aus Glas und Stahl, deren Mieten sich nur wenige leisten können. Google und Facebook haben hier ihre Büros, jene Firmen, die das Geld und die Jobs nach Dublin gebracht und den Graben zwischen Arm und Reich noch weiter aufgerissen haben.

Im Musicaltheater ist davon nichts zu spüren. Vor der «Flashdance»-Vorstellung am Abend sind wir dort mit den beiden Haupt­darstellern verabredet. Joanne Clifton alias Alex ist in Grossbritannien ein Medienstar, bekannt als Gewinnerin der Tanzsendung «Strictly Come Dancing». Clifton kommt aus Grimsby, wo die Musicaltournee im Oktober enden wird. Die Fernsehnation erkennt die blonde 34-Jährige.

Damit das auch so bleibt, ist die Alex im Musical – Adrian Lynes Film hin, die brünette Schau­spielerin Jennifer Beals her – eine Blondine. Eine dunkelhaarige Joanne Clifton war den Machern zu riskant. Ben Adams, der den Nick Hurley spielt, ist Musiker und der ehe­malige Leadsänger der britischen Boygroup A1, geboren in Ascot, 36 Jahre alt und auch bei uns halbwegs bekannt.

«Bei uns haben alle getanzt inklusive meiner Grosseltern»Joanne Clifton

Wir treffen uns im Foyer, wo im Hintergrund gerade die Vorbereitungen für die Nachmittagsvorstellung laufen. Während Clifton und Adams darüber streiten, für wen es die grössere Ehre ist, mit dem andern zu arbeiten, werden hinten Bierflaschen einsortiert und riesige weisse Säcke mit fertigem Popcorn angeliefert. «Ah, unsere Betten», sagt Adams, deutet auf die Säcke und lacht. Für ihn und seine Figur Nick habe der Abend mit «Flashdancing» übrigens wenig zu tun, «für mich heisst es jeden Abend vielmehr ‹Flashwalking›», sagt er, springt auf und schreitet zu Demonstrationszwecken an den Popcornbergen vorbei über den teppich­bespannten Gang. Er freue sich schon auf die drei Wochen in Zürich. In der Schweiz, ja, da sei er schon mal gewesen: Ski fahren.

Seriös auf, aber nicht allzu ernst neben der Bühne

Er und seine Bühnenpartnerin Clifton albern viel, sie verstehen sich gut – haben schon Pläne für ein gemeinsames Projekt nach der «Flashdance»-Tournee. Und sie nehmen sich selbst nicht allzu ernst. Anders die Arbeit auf der Bühne, die liegt ihnen am Herzen, das ist jetzt deutlich spürbar und auch später während der Vorstellung. Wo Joanne Clifton nicht nur all das tanzen muss, wofür die Alex im Film drei Stunt Doubles hatte, sondern auch singen.

Clifton stammt aus einer Tänzerfamilie: «Bei uns haben alle getanzt inklusive meiner Grosseltern.» Tanzen sei ihr Leben, da gehe es ihr wie Alex. Eigentlich kommt Clifton vom lateinamerikanischen Tanz her, «jetzt rolle ich jeden Abend vor Publikum in meinen Unterhosen über die Bühne», gewöhnungsbedürftig sei das schon. Die grösste Herausforderung für sie aber ist etwas eher Profanes: Die Musicalhandlung verlangt, dass Alex gleich am Anfang mit dem Velo auf die Bühne fährt. Nur leider könne sie, Joanne Clifton, nicht Fahrrad fahren. In einer der ersten Vorstellungen sei sie deshalb samt Zweirad einfach umgefallen. Seitdem schiebe sie es mehr, als dass sie es fahre.

Alles und noch mehr

Und sonst? Hat man nicht auch irgendwann mal die Nase voll, von «Flashdance», vor allem an Tagen wie heute, wenn gleich zwei Vorstellungen anstehen? «Nein, wir können während der zweieinhalb Stunden Show so viele Dinge variieren, uns wird es nie langweilig.», sagt Clifton. Das Musical sei keine Eins-zu-eins-Kopie des Films, «aber es wird auch niemand enttäuscht sein, weil alles, was man erwarten würde, geboten wird und manchmal auch mehr».

Einige Stunden später, bei Popcorn, Bier und gemeinsam mit begeisterten Iren, können wir uns selbst von einem kurzweiligen Abend überzeugen. Und davon, dass die Alex auf der Bühne nicht Velo fahren kann, dass Joanne Clifton damit zu kämpfen hat, nicht manchmal einfach loszulachen, wie sie uns am Nachmittag erzählt hat. Davon, dass Ben Adams tatsächlich bei A1 war und die Songs noch immer hin und wieder mit herzerweichendem Boyband-Pathos ins ­Publikum schickt. Und davon, dass er tatsächlich kein einziges Mal tanzen darf.

Der Rest ist all das, was man für eine sorgenfreie Eighties-Party braucht: Neonlichter, Leggings, sexy Tanz-Moves, Hits wie «Gloria», «She’s a Maniac» oder «What a Feeling», Glitzer, Drama und Wasser für Alex.

Mi 19.9. bis So 7.10.
Maag-Halle Zürich
Hardstr. 219
www.flashdance-musical.ch
Eintritt 70 bis 120 Franken
Die Vorstellung am 19.9. ist eine Vorpremiere

(Züritipp)

Erstellt: 19.09.2018, 17:19 Uhr

Die wichtigsten Tanzfilme nach «Flashdance»

von Gregor Schenker

Flashdance (1983)
Ohne den Fernsehsender MTV (seit 1981) wäre «Flashdance» wohl kaum ein solcher Erfolg geworden: Die Videos zu den Soundtrack-Hits «What a Feeling» und «Maniac» liefen dort äusserst erfolgreich und prägten die Ästhetik des Musikvideos nachhaltig.

Staying alive (1983)
Der letzte Atemzug der alten Garde: «Staying Alive» Regie: Sylvester Stallone) ist die Fortsetzung von «Saturday Night Fever» (1977), dem «Flashdance» der Disco-Epoche. John Travolta spielte noch einmal Tony, der auf den Durchbruch als Tänzer hinarbeitet.

Footloose (1984)
Ein Teenager (Kevin Bacon) zieht mit seinen Eltern von Chicago in eine spiessige Kleinstadt, wo Rockmusik und Tanzen verboten sind – der Konflikt ist programmiert. Vorlage der Story war ein wahrer Fall aus Oklahoma, der damals Schlagzeilen machte.

Breakin’ / Beat Street (1984)
«Breakin’» aus Los Angeles, «Beat Street» aus New York: Im Sommer 1984 brachten gleich zwei Filme dem breiten Publikum Breakdance und Hip-Hop nahe. «Breakin’» machte mehr Geld, «Beat Street» wurde dafür insbesondere in der DDR zum Kultfilm der Jugend.

Dirty Dancing (1987)
In den 60ern: Eine junge Frau verbringt die Ferien mit ihrer Familie in einem Hotelresort und verliebt sich dort in den Tanzlehrer. Jennifer Grey und Patrick Swayze sind sicherlich das schönste Tanzpaar der 80er.

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