Für dieses Stück brauchts ein offenes Ohr

Blaise Cendrars’ Jahrhundertroman «Moravagine» kommt als Sound-Installation auf Bühne.

Ganz individuell: Von Monstern machen sich alle eine ganz eigene Vorstellung.

Ganz individuell: Von Monstern machen sich alle eine ganz eigene Vorstellung.

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Am Vortag haben sie aufgeräumt. Im Probenraum des Theaters Winkelwiese ist aber immer noch ein bisschen Chaos. Kabel liegen am Boden herum, auf dem Tisch steht eine Kindernähmaschine, daneben eine Art Orgelpfeifenkonstrukt. Ein Chrüsimüsi überall. Mittendrin: die Schauspieler Nico Delpy und Urs Jucker. Sie haben sich hier eine Welt zusammengebastelt, die ein Roman ist: Blaise Cendrars’ «Moravagine», erstmals erschienen 1926. Ein Monsterwerk der Schweizer Literatur. Mit einem richtigen Monster drin.

Das Chaos hat System. «Warum wollt ihr in alles immer eine Ordnung bringen? Und was für eine Ordnung? Es gibt keine Wahrheit», schreibt Cendrars, «es gibt nur die Tat ... das Leben.» Und jetzt muss man ein bisschen die Luft anhalten, was dieses Leben in diesem Roman ist, nämlich: «Verbrechen, Diebstahl, Eifersucht, Hunger, Lüge, Ficksaft, Dummheit.» Hoppla.

Keine Einfach Geschichte

Und schon ist man dort, wo man eigentlich nicht hinwollte: im Wortgeklingel. Und kommt gleich in Verzweiflung. Wie kann eine solche ­Geschichte erzählt werden, von diesem Monster Moravagine, das in die Welt hinausgezogen ist, um sie bös in Stücke zu hauen? Ab und zu schlitzt dieser Mann, 1,48 m gross, auch einer Frau den Bauch auf. Wie bringt man denn das um Himmels willen auf die Bühne?

Nico Delpy und Urs Jucker, die sich seit der Schauspielschule in Bern kennen, haben die Lösung. Sie lassen uns in ihrem ersten gemeinsamen Projekt den Sound dieses Romans hören. Die Geräusche kommen von den Gegenständen: von der Nähmaschine, von den Orgelpfeifen, vom Bett. Eigentlich vom ganzen Raum. Wir hören das Echo der ungeheuren Handlung – und das verstärkt.

Experimentelles Theater par ex­cel­lence

Hier kommt Martin Hofstetter ins Spiel. Er ist Tontechniker, Klangtüftler – und kennt sich mit Pickups und Mikrofonen aus. Mit Pickups kann man die Schwingungen von beliebigen Objekten abnehmen. Und durch sie beginnt jeder Gegenstand zu sprechen – wie ein Roman. Wir sind in der Experimentierzone des Theaters, wo sich sonst kaum jemand hinbewegt. Das macht dieses Spiel auch so spannend. Denn auch Cendrars’ Geschichte geht über die Grenzen hinaus. Wie diese Inszenierung.

Um sie zu verstehen, braucht es nur ein offenes Ohr. Mehr nicht. Gerade haben Delpy, Jucker, Hofstetter einen neuen Monsterklangerzeuger entdeckt. Es ist der Milchaufschäumer.

Mi 6.11. — 20 Uhr
Theater Winkelwiese
Winkelwiese 4
Eintritt 33 / 22 Franken
Vorstellungen bis 16.11.
www.winkelwiese.ch

Erstellt: 31.10.2019, 13:42 Uhr

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