«Ich will auch mal Geliebte sein»

Sie steht für mehr Diversität auf der Bühne. Thelma Buabeng hat genug vom «Ihr und Wir»: die Welt gehört uns allen.

Für den «Streik» auf der Bühne: Thelma Buabeng.

Für den «Streik» auf der Bühne: Thelma Buabeng.

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Schiffbau, Samstagabend, kurz nach sechs. Die «Streik»-Probe ist vorbei, die Schauspielerin Thelma Buabeng kommt ins Foyer. Den ganzen Tag ist sie auf hohen Schuhen gestanden, hat getanzt und auch gesungen. «Wir ­haben uns entschieden, aus einem über 1000-seitigen Buch ein Musical zu machen.»

Der Roman «Atlas Shrugged» von Ayn Rand ist aus dem Jahr 1957. Die Bibel der Right-Wing-Tea-Party-Trump-Silicon-Valley-Leute. Die Philosophie: Jeder hat die Möglichkeit, alles zu erreichen. Und die, die es nicht schaffen, sind selber schuld. «Völlig absurd, diese These», sagt Thelma Buabeng. Denn das Buch ist in einer Zeit geschrieben worden, da gab es Menschen, die durften nicht vorne in den Bus einsteigen. Oder an der Universität studieren. «Die Autorin bastelt hier eine Philosophie zusammen, die hat nichts mit der Realität zu tun.»

Das immer gleiche Rollenangebot

Dagegen lässt sich etwas machen. Da ist zum einen Regisseur und Schauspielhaus-Co-Chef Nicolas Stemann, der dieses Hohelied auf den US-Kapitalismus übermalt: mit allen Farben, die sein Theater hat. Und da ist Thelma Buabeng, Mitglied des Zürcher Ensembles. Jahrgang 1981. In Ghana geboren. In Meckenheim bei Bonn aufgewachsen. Schauspielerin. Schwarz. Und deutsch.

Sie ist eine, die sich einsetzt: für mehr Diversität auf der Bühne. «Das Theater spiegelt oft nicht die Realität, wie ich sie wahrnehme», sagt Buabeng. Das gilt auch für die Filmlandschaft. Ihr Debüt hatte sie 2003 in der «Lindenstrasse», dies in der Rolle einer nigerianischen aidskranken Frau, die auf der Strasse das Geld für das Taxi schnorren muss. Absurd, eigentlich, wie man sich im TV dieses Leben in Deutschland vorstellt. Aber für schwarze Schauspielerinnen ist das Absurde Alltag. Im ganz normalen Rollenangebot: Prostituierte, Sklaven, Dienstmädchen, Flüchtlinge.

Hat Spass im Ensemble des Schauspielhauses: Die deutsche Schauspielerin Thelma Buabeng.

«Hey, gibts da für mich nicht noch etwas anderes?», sagt Thelma Buabeng dann zur Besetzungsabteilung. «Ich bin ein kölsche Mädche, man könnte mich auch mal als ‹love interest› des Hauptdarstellers besetzen?» Nichts da, wird ihr oft beschieden. Und eine Autorin hat ihr mal gesagt, man müsse den ZDF-Zuschauern dann immer erklären, wie sie aus dem afrikanischen Busch nach Deutschland gekommen sei. Gehts noch?

Uns allen gehört die Welt

Immerhin: Buabeng hats im deutschen Fernsehen zur ersten schwarzen Staatsanwältin gebracht. Und spielte auch jetzt die Hauptrolle im Film «Wenn Fliegen träumen». Ihre Schwester ist da weiss. Und niemand muss das erklären. Wäre eigentlich 2020 normal. Die Fragen sind aber noch immer da.

Kürzlich, so erzählt Thelma Buabeng, kam es zu einer Begegnung in Meckenheim. «Schön, dass ich Sie treffe», sagte da eine Frau vor der Bankfiliale: «Wo kommen Sie denn her?» Thelma Buabeng hätte sagen können: Ich bin hier aufgewachsen, lebe in Berlin, arbeite zurzeit in Zürich. Die Frau insistierte aber weiter, als dürfte nicht sein, dass eine schwarze Frau aus Meckenheim kommt.

«Warum muss ich immer beweisen, dass ich hier nicht fremd bin?», fragt Buabeng. Genug hat sie von diesem Ihr und Wir. Die Schauspielerin hat für die Auseinandersetzung auf dem deutsch-schwarzen Gebiet das schönste Format gefunden, ihre Sendung auf Youtube heisst: «Tell Me No­thing from the Horse». Es ist beste Comedy. Wem gehört die Welt?, ist da eine Frage. Uns allen, sagt Thelma Buabeng.

So 12.1. — 18 Uhr / Di 14.1. — 20 Uhr
Schiffbau-Halle
Schiffbaustr. 5
Preview: Fr 20 Uhr, Vorstellungen bis 24.2.
Eintritt 20 bis 98 Franken
www.schauspielhaus.ch

Erstellt: 12.01.2020, 15:47 Uhr

Der Streik

Musical von Nicolas Stemann, nach dem Roman von Ayn Rand

«Wir haben eine neue Fassung. Neue Songs. Super Songs», sagt Thelma Buabeng über das Stück. Die Erleichterung ist herauszuhören. Denn Vorlage der zweiten Inszenierung von Nicolas Stemann am Schauspielhaus Zürich ist der Roman «Atlas Shrugged» der amerikanischen Autorin Ayn Rand aus dem Jahr 1957. In der deutschen Übersetzung: «Der Streik». Streiken tun da die da oben, um zu zeigen, wie toll doch der ungebremste Kapitalismus ist. Ist natürlich superproblematisch für die Menschen, die nicht unbedingt auf Kapitalakkumulation und grossmächtige Unternehmen stehen. Schön, dass diese Welt im Theater auch auf den Kopf gestellt werden kann. «Macht Spass», sagt Thelma Buabeng. (bu)

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