«Musical ist ein Genre, um einfach Geld zu machen»

Peaches kommt in diesen Tagen erstmals mit einem Musical nach Zürich. Wir haben mit der Performerin in Berlin über Mainstream und Männer in der Politik gesprochen.

Peaches arbeitet sich gesanglich am Leben von Jesus Christus ab.

Peaches arbeitet sich gesanglich am Leben von Jesus Christus ab. Bild: Dorothea Tuch

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Verspätet und schlecht gelaunt kommt Peaches an einem Sommernachmittag in Berlin auf einem eleganten Damenvelo und in einem weiten roten Kleid angeradelt. «Sorry», sagt sie zur Begrüssung und fügt hinzu, dass sie den Termin fast vergessen hätte. Merill Beth Nisker, wie sie eigentlich heisst, wirkt zierlicher als in ihren wilden Bühnenshows.

Wir sitzen in einem vietnamesischen Restaurant im Prenzlauer Berg, wo die 51-Jährige seit vielen Jahren lebt. Ihr letztes Album «Rub» erschien vor knapp drei Jahren, deshalb soll es nicht um ihre Musikkarriere, sondern um ihre Arbeit als Performerin und ihre Rolle als Postgender-Ikone gehen. Denn als solche kommt die Kanadierin ans Theater Spektakel: «Peaches Christ Superstar» ist eine Adaption des Musicals «Jesus Christ Superstar» von Andrew Lloyd Webber, wobei Peaches in ihrer Version alle Rollen selbst singt. Sie verzichtet auf Requisiten und Bühnenbild. Nicht nur der reduzierte Auftritt überrascht, sondern auch, dass Peaches mit einem Musical nach Zürich kommt.

Sie haben «Peaches Christ Superstar» vor acht Jahren im Theater HAU in Berlin uraufgeführt, seither zeigen Sie das Musical nur auf Anfrage.
Ja, denn es hat ein Eigenleben, es funktioniert ausserhalb meiner Musik als Peaches. Das Musical ist eine Art Geheimwaffe, um meine Stimme einzusetzen. Normalerweise springe ich bei meinen Konzerten auf der Bühne herum, und obwohl ich natürlich auch singe, geht es da eher um die physische Energie als um den Gesang.

Singen Sie deshalb alle neun Hauptrollen selbst?
Ja, ich will meine Stimme ans Limit bringen. Vor allem aber möchte ich, dass das Publikum die Musik ohne all die komischen Musicalelemente geniessen kann. Eigentlich mag ich dieses Musical gar nicht, aber die Musik, die finde ich sehr stark. Die Geschichte ist, wenn man die ganze Jesus-Ikonografie wegdenkt, sehr ergreifend.

Die Kanadierin spricht lange über die Metaebenen des Stücks, etwa was Angst mit Menschen macht. Während sie spricht, fixiert ihr Blick den Eistee, der vor ihr steht, mit ihren Fingern fischt sie die Minzeblätter und Zitronengrasstängel aus dem Glas und kaut darauf herum.

Ist es ein feministischer Akt, Jesus sowie Maria Magdalena zu spielen?
Wenn ich gleich bezahlt werde wie ein Mann, wenn er die Parts singen würde, dann ist es ein feministischer Akt. Es gibt ja ohnehin nur eine Frauenrolle. Und natürlich ist sie die Böse, und nur ihre Figur und Lieder sind verletzlich.

It’s shit, it’s stupid.Peaches

Als Sie Ihre Version des Musicals 2010 auf die Bühne bringen wollten, gab es einige Komplikationen. Komponist Andrew Lloyd Webber und Texter Tim Rice . . .
. . . Tim Rice hatte damit nichts zu tun – und Webber keine Ahnung, wer ich bin. Letzterer versuchte damals, das Musical wiederzubeleben, und wollte wohl einfach nicht, dass jemand sich seines Stücks annimmt. Ich habe wirklich keine Ahnung, was Webbers Problem war.

Sie haben selbst ein Musical geschrieben, «Peaches Does Herself». Wie stehen Sie zum Genre?
Es wird oftmals missbraucht, weil es mit all den Kostümen und Showeffekten ein einfaches Genre ist, um Geld zu machen.

Jesus und Maria Magdalena in einer Person: Peaches in ihrem Stück «Peaches Christ Superstar» Bild: Zvg/Dorothea Tuch

Peaches provoziert gerne – und polarisiert deshalb auch. Ihr werden Penisneid und Sexbesessenheit vorgeworfen, gleichzeitig gilt sie als Electroclash-Queen und Gesamtkunstwerk. Ihre eigenwilligen Auftritte in Vaginakostümen sind mittlerweile genauso legendär wie ihr Gezote. In ihren expliziten Songtexten prangert sie Geschlechterklischees an und macht sich für Promiskuität und Toleranz stark. Damit ist sie nicht nur zur zentralen Wegbereiterin für Queer-Pop-Künstler wie Lady Gaga, Conchita Wurst oder Mikky Blanco geworden, sondern auch zur wichtigen Stimme im Diskurs um Gender, Sex und Normen.

Es ist kompliziert und weit mehr als ein Hashtag.Peaches

Mittlerweile gibt es Shirts mit feministischen Statements bei grossen Retailern zu kaufen. Was halten Sie davon, dass der Feminismus auch ein Mainstreamphänomen geworden ist?
Ich war kürzlich an einem Konzert von Beyoncé und Jay-Z. Irgendwann prangte auf ­allen Screens riesig das Wort «Feminist». Das war schon grossartig: 70 000 Menschen, die dieses eine Wort anschauen. Ich würde den Trend-Feminismus nie dissen, doch ich glaube auch, dass es eine tiefgründigere Diskussion braucht.

Was ging Ihnen durch den Kopf, als die #MeToo-Debatte aufkam?
Was soll ich sagen? It’s shit, it’s stupid.

Was meinen Sie damit?
Dass ich nicht überrascht war. Solche Geschichten sind in der Branche bekannt. Aber es ist kompliziert und weit mehr als ein Hashtag.

In Ihrer Arbeit geht es oft darum, Geschlechter­klischees aufzubrechen und Grenzen zu dehnen. Grenzen ändern sich ständig.
Ich will einfach, dass sich die Leute wohlfühlen in ihrem eigenen Körper. Ich wünschte, Donald Trump würde sich selbst finden, dann würde er aufhören Frauen auszunutzen, um sich selbst mächtig zu fühlen. Das gilt für alle Patriarchen.

Peaches schaut jetzt immer öfter auf ihr Smartphone. Irgendwann sagt sie entschuldigend, dass sie kurz telefonieren müsse. Ihre Stimme wird ganz sanft. Die anfänglich schlechte Laune scheint verflogen. Sie will zurück in ihr Atelier. Zurück zum neusten Projekt: einer Kunstausstellung zum 20-Jahr-Peaches-Jubiläum mit 70 Terabyte Film und Vaginakostümen.

Glauben Sie, dass das Patriarchat irgendwann überwunden sein wird?
Viele sagen, es sei schon überwunden, aber das stimmt nicht. Ich will einfach, dass wir alle gleich und fucking good people to each ­other sind. Deshalb versuche ich immer, Themen aus einer neuen Perspektive anzusprechen und meine Arbeit nicht zu banalisieren. Ich habe immer gehofft, dass der Mainstream näher zu mir rückt als ich zum Mainstream.

www.theaterspektakel.ch

(Züritipp)

Erstellt: 08.08.2018, 12:28 Uhr

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