«Wie können wir zusammenleben?»

Mit einer Adaption von Goethes Roman «Die Wahlverwandtschaften» stellt sich Felicitas Brucker am Schauspielhaus vor. Die Regisseurin über Sprache und Beziehungskonzepte.

Zwei Paare und viele Turbulenzen, die in der Katastrophe enden: Szene aus «Wahlverwandtschaften».

Zwei Paare und viele Turbulenzen, die in der Katastrophe enden: Szene aus «Wahlverwandtschaften». Bild: Toni Suter/T+T Fotografie

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Sie inszenieren in Zürich Goethes «Wahlverwandtschaften», weshalb gerade diesen Klassiker?
Ich adaptiere den Roman schon zum zweiten Mal fürs Theater. Beim ersten Mal, vor zwölf Jahren, kam ich gerade aus London zurück, wo eine befreundete Künstlerin sämt­liche Beziehungskonzepte mit katastrophalem Ende aller Beteiligten durchlebt hatte.

Und jetzt?
Heute finde ich den Roman aufs Neue aktuell, da er grundsätzliche Fragen aufwirft: Wie viel muss ich zerstören, um zu bekommen, was ich will? Wie ist unser Verhältnis zur Natur? Welche Lebens- und Liebeskonzepte sind überlebensfähig?

Goethe stellte also damals schon zeitlose Fragen?
Ja, denn er wirft einen konsequent modernen Blick auf den Menschen. Er stellt in «Die Wahlverwandtschaften» eine chemische Formel auf, die auf die vier beteiligten Menschen übertragen wird, und lässt die Frage unbeantwortet, inwieweit wir einen freien Willen haben, selbstbestimmt leben oder doch nur Materie sind, die von biochemischen ­Prozessen gesteuert wird.

«Am Ende gibt es nicht Opfer und Täter, alle sind getrieben von ihrer Gier.»Felicitas Brucker, Regisseurin

Wie äussert sich das in «Wahlverwandtschaften»?
Es geht um ein Ehepaar, das zum zweiten Mal liiert ist, einen Freund des Mannes und eine elternlose Tochter. Der Umgang der vier steht exemplarisch für das kleinste gesellschaftliche Modell und stellt damit die Frage: Wie können wir zusammenleben? Am Ende gibt es nicht Opfer und ­Täter, alle sind getrieben von ihrer Gier.

Sie haben die Natur angesprochen. Welche Bedeutung hat sie im Stück?
Die Geschichte spielt in einem Garten, also in der Natur, die von den Protagonisten gestaltet oder, besser gesagt, in die eingegriffen wurde. Doch indem der Mensch die Natur zerstört, zerstört er sich selbst.

Goethes komplexes Spätwerk einfach erklärt: «Die Wahlverwandtschaften to go». Video: YouTube/Sommers Weltliteratur to go

Neben Goethe in Zürich inszenieren Sie dieses Jahr in Mannheim eine Adaption von Elena Ferrantes «Meine geniale Freundin». Wie geht das zusammen?
Ich liebe Goethes Sprache in den «Wahlverwandtschaften», suche aber in der Interpretation immer die Brücke zur Gegenwart. Es ist für mich ausschlaggebend, dass ein Stoff, egal ob klassisch oder zeitgenössisch, für uns heute eine Dringlichkeit hat und für die Gegenwart etwas erzählt. Das rein Museale eines Textes interessiert mich nicht.

Sa / Mo — 20 Uhr
Pfauen
Rämistr. 34
Eintritt 25–123 Franken
Bis 2.11.
www.schauspielhaus.ch

(Züritipp)

Erstellt: 29.09.2018, 12:31 Uhr

Die 43-jährige Deutsche inszenierte unter anderem am Theater Basel, an den Münchner Kammerspielen, am Maxim-Gorki-Theater Berlin und am Schauspielhaus Wien, wo sie fünf Jahre lang Hausregisseurin war. (Bild: Toni Suter/T+T Fotografie)

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