Zündeln in der Kälte

«Das Mädchen mit den Schwefelhölzern» vom Zürcher Ballett ist Abenteuer der anderen Art. Eine sehr traurige Geschichte.

Die Geschichte ist alles andere als märchenhaft: Hier erfriert ein Mensch.

Die Geschichte ist alles andere als märchenhaft: Hier erfriert ein Mensch. Bild: Gregory Batardon

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«Es war fürchterlich kalt; es schneite und begann dunkler Abend zu werden, es war der letzte Abend im Jahre, Neujahrsabend!» So beginnt die Geschichte, und wir wissen, was jetzt kommt: «In dieser Kälte und in dieser Finsternis ging ein kleines, armes Mädchen mit blossem Kopfe und nackten Füssen auf der Strasse.» Hans Christian Andersen hat dieses Märchen vom kleinen Mädchen mit den Schwefelhölzern geschrieben. Und Stopp! möchte man in diesem Moment rufen, bitte hier nicht mehr weiter. Zu fürchterlich, das Ganze.

Die Illusion von Wärme

Also: Nichts über die Pantoffeln, die das Mädchen nicht mehr hat, es hat beide schon am Anfang wegen zwei Rasern auf der Strasse verloren. Auch nichts über das «Ritsch», das ein Schwefelholz macht, wenn es angezündet wird. Das Licht gibt dem Mädchen nur die Illusion, in der Wärme zu sitzen – mit der Flamme verschwindet auch der Ofen. Und nichts über die gebratene Gans, die mit Gabel und Messer im Rücken auf das Mädchen zuwatschelt – «da erlosch das Schwefelholz, und nur die dicke, kalte Mauer war zu sehen».

Am Ende sitzt das kleine Mädchen im Winkel eines Hauses da – tot, erfroren am letzten Abend des alten Jahres, ein Bund abgebrannten Schwefelhölzer neben sich. «Man sagt, es hat sich wärmen wollen», so endet das Märchen. «Niemand wusste, was es Schönes erblickt hatte.»

Es wird gezündelt

Manches Kind, das diese Andersen-Geschichte mal vorgetragen bekam, verbindet damit eine traumatische Erfahrung. «Was für ein fürchterliches Märchen, ogottogott», sagt eine Kollegin – und will nie mehr davon etwas hören. Man kann es aber auch anders sehen. Das Ballett Zürich bringt nun «Das Mädchen mit den Schwefelhölzern» auf die Bühne: mit der «Musik in Bildern» des deutschen Komponisten Helmut Lachenmann, in der Choreografie und Inszenierung von Christian Spuck – und geht mit dieser Produktion einen Schritt weiter.

«Wer mit der Erwartung kommt, hier finde das Weihnachtsmärchen statt, wird sich wundern, dass er ein Weihnachtsmärchen der ganz anderen Art erlebt», sagt Spuck im Magazin des Opernhauses. Ballett ist mehr als nur schön. Denn hier wird auch recht gegen die soziale Kälte in der Gesellschaft heute gezündelt.

Sa 12.10. — 19 Uhr
Opernhaus
Sechseläutenplatz 1
Eintritt 29–230 Franken,
weitere Vorstellungen bis 14.11.
www.opernhaus.ch

Erstellt: 10.10.2019, 10:19 Uhr

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