Zürich – die kränkelnde Schönheit

Die fassadenhaftige Ästhetik dieser Stadt begünstigt das Irrewerden, findet Philipp Tingler. Anlass sind die «Schönheit/Wahnsinn»-Festspiele.

Zürich gilt als die Klassenbeste unter den Städten: das Grossmünster als eines ihrer Glanzstücke.

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Zürich ist das, was man landläufig eine «schöne Stadt» nennt. Die Zahl seiner durch Schönheit ausgezeichneten Gebäude und Anlagen steht in einem überwältigenden Verhältnis zur immer noch überschaubaren Menge seiner Häuser überhaupt. Zürich ist schön. Und manchmal ... irgendwie ... lassen Sie mich das mit diesem bekannten Zitat aus dem Film «Juno» ausdrücken: super beautiful but ­really mean, like Diana Ross. Oder, nein, halt, sagen wir lieber: schön, reich und nüchtern. Wie Diana Ross an einem guten Tag.

Das Herz von Zürich, da können Hipster mit ihrer Langstrasse sagen, was sie wollen, ist immer noch die Bahnhofstrasse, deren Längenausdehnung dem hiesigen Menschen, um den Spötter Heinrich Heine zu paraphrasieren, von der Unsterblichkeit der Seele eine gute Vorstellung geben kann. Eine Magistrale der Psyche, Menschwerdung, Zivilisation, das ist die Bahnhofstrasse. Sie kann nur in Zürich liegen.

Prachtboulevard mit schlichtem Namen

Man hat den Eindruck, die Strasse lege eine gewisse zwinglianische Ungerührtheit an den Tag angesichts des Bombasts, den einige Luxuswarenhandlungen dort zur Schau stellen. Nur schon dass der Zürcher Prachtboulevard mit seinen Palästen im historistischen Heimatstil-Barock, dieses Schaufenster von Weltläufigkeit und Kulturstand, in neutraler Schlichtheit Bahnhofstrasse heisst (und nicht Kurfürstendamm oder Königsallee), ist ein Hinweis auf etwas nahezu Welteinmaliges: die Doppelgesichtigkeit der Schönheit Zürichs.

Oh, nichts Ernstes, ein kleines Leiden nervöser Art, eine feine Überreizung und Erschöpfung, Nervenexzentrizität, seelische Zustände, Sie wissen schon.Philipp Tingler über das kränkelnde Zürich

Denn in wenigen Ortschaften sonst kriegt man es so sehr mit der Ambivalenz des Schönen zu tun wie in Zürich. Als führten unsichtbare Verbindungen, wie Ketten, hinauf vom geschäftigen Treiben der Bahnhofstrasse zu den höheren Etagen. Das meinen wir nicht metaphorisch, sondern buchstäblich: dorthin, wo weiter oben auf den malerischen Hügeln der Stadt in bevorzugter Wohnlage erstklassige Spitäler, Sanatorien und psychiatrische Anstalten aus den heranbrandenden Nebelschwaden ragen. Zur Befassung mit der Innerlichkeit auf eine bestimmte, nüchtern-wissenschaftliche Art. Denn Zürich ist eine Schönheit, die ein bisschen kränkelt. Oh, nichts Ernstes, ein kleines Leiden nervöser Art, eine feine Überreizung und Erschöpfung, Nervenexzentrizität, seelische Zustände, Sie wissen schon.

Fassade muss sein

Zürich ist eine Stadt, wo der zwinglianische Repressionsdruck von jeher das Irrewerden begünstigt; es gibt wenig Ortschaften auf der Welt, die fassadenhafter sind, sowohl im guten wie im bedenklichen Sinne. Die Luft ist mild. Und erfüllt von Stille. Gedämpftes Geräusch gehört in Zürich zur Ortsdisziplin, allenfalls punktiert durch das Klicken von Jimmy-Choo-Stiletto-Absätzen und das gelegentliche Quietschen des Trams. Oder eines Porsches. Zürich ist die Stadt mit den meisten Porsche-Zulassungen überhaupt.

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Die Stille aber in den öffentlichen Verkehrsmitteln, deren Benützung klassenlos ist, ist legendär. Öffentliches Drama würde man mit diesem Ort und seinem Schlag, dem Homo Turicensis, so wenig assoziieren wie Hyperinflation, Ausschweifung oder Monarchie. Die Fassade muss aufrechterhalten werden, denn die Fassade, historistisch oder nicht, ist der Urgrund von Zivilität. Mancher übertreibt ein wenig, zum Beispiel dieser eine Nachbar bei uns im Quartier, der seine Zeitungsbündel für die Papierabfuhr mit dem Winkelmass anzufertigen scheint.

Schöne Aussichten

In solchen Momenten, hypostasiert in einem Zeitungsbündel, scheint Zürichs Schönheit regelmässig in mehr oder minder leichten Wahn umzukippen. Jedoch wird die Wirklichkeit in ihrer Schönheit hierorts nie so absurd, dass einzelne ihrer Teile nicht mehr durch Parodie zur Kenntlichkeit gebracht werden könnten. Zürichs Schönheit steht auf Messers Schneide, und das ist von Bedeutung, gerade heute, da wieder Konzepte von Schönheit auf dem Vormarsch sind, die auf Überwältigung statt Emanzipation setzen.

Zürichs Schönheit arbeitet nicht mit der Wucht der Materie, mit Immersion und Erhabenheitserfahrung, im Gegenteil: Anstelle eines martialischen oder sentimentalen Moments kommt in ihr bis heute ein Rest protestantischer Skepsis zum Ausdruck, eine mentale Reservation, die man Ironie nennen kann, weil sie hinter dem sichtbar Wohlgefälligen Blicke öffnet auf Geschichten, die noch einmal etwas ganz anderes erzählen. Etwas leicht Irres, Abwegiges. Das Schöne schliesst hier sein Gegenteil, das Verstörende, Verdrängte und Versteckte, nicht aus, es liegt geborgen in ihm, «aufgehoben» im dreifachen hegelschen Sinne: gleichzeitig bewahrt wie auch storniert und dialektisch erhöht.

Eine derartige Schönheitserfahrung ist typisch für Züritown.Philipp Tingler

Kant und Schiller würdigen das Schöne als eine ­Erfahrung, die dem Einzelnen zu mehr Freiheit und Selbstbestimmung verhelfe. Das ästhetische Gefühl brauche Reflexion, schrieb Immanuel Kant 1790 in seiner ­«Kritik der Urteilskraft». Keine Schönheit ohne Denken also. Das gebildete Schönheitsempfinden ist kein plumper Reflex auf Reize wie ein paar hübsche Fassaden oder den Blick von der Quaibrücke über den stillen, fischreichen Zürichsee, funkelnd im fernen Glanz der Firne, auf die eisigen Dome der Glarner Alpen, quasi die Ewigkeit, die im getürmten Gestein und in den Runen des Eises sich ausdrückt – obschon dieser Blick zu den schönsten Aussichten der Welt gehört.

Die Ergriffenheit kippt in Reflexion, wo mit dem Schönen dessen Kehrseite hervortritt, etwa in der stillen Provokation eines neurotisch perfekten und perfekt neurotischen Altpapierbündels. Eine derartige Schönheitserfahrung ist typisch für Züritown und kann, neben aller Faszination für den Einzelnen, als Lebensgefühl in der Stadt die Dimension von Verbundenheit enthalten. Denn zwiespältige Schönheit hat immer mit Liebe zu tun. Ihre Kontemplation reinigt das Herz. Und genau diese Erfahrung brauchen wir heute.

Festivaltippsvon Isabel Hemmel

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James Rhodes will für klassische Musik begeistern und ist doch alles andere als ein klassischer Pianist. Er trägt Jeans, spielt Bach und Chopin und erzählt von ihnen.
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(Züritipp)

Erstellt: 02.06.2018, 15:52 Uhr

Philipp Tingler

Der 48-Jährige ist Schriftsteller und Philosoph, Kritiker im SRF-«Literaturclub» und Kolumnist beim «Tages-Anzeiger». Er lebt mit seinem Mann in Zürich.

Festspiele Zürich

Inspiriert von einem gemeinsamen Thema, zeigen Zürcher Kulturinstitutionen während rund drei Wochen Theater, Tanz, Oper, Kunst, Lesungen und Diskussionen. Die Festspiele finden neu alle zwei Jahre statt.

Fr. 1. bis So 24.6., diverse Orte

www.festspiele-zuerich.ch

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