«Es gibt einen wachsenden Druck, keinen Alkohol zu trinken»

Zwischen Tradition und Moderne: Alice Schwarzer hat ein Buch über ihre Freundschaft mit einer algerischen Grossfamilie verfasst.

Schlägt in ihrem neuen Buch auch leise Töne an: Alice Schwarzer.

Schlägt in ihrem neuen Buch auch leise Töne an: Alice Schwarzer. Bild: Keystone

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In Ihrem neuen Buch teilen Sie «Ihre» algerische Familie mit der Leserschaft. Wie war das für Sie?
Es hat wahnsinnig Spass gemacht, dieses Buch zu schreiben. Weil es die sehr persönliche Geschichte meiner Freundschaft mit einer Grossfamilie erzählt. Und weil es gleichzeitig das Leben dieser Menschen beschreibt.

Was möchten Sie der Leserschaft mitgeben?
Ich wollte im Kleinen das Grosse erzählen. Die Menschen sollen den Unterschied begreifen zwischen den ganz normalen Muslimen nebenan und den Islamisten. Für Letztere ist der Islam kein privater Glaube, sondern eine politische Strategie. Sie wollen ihre Scharia-Gläubigkeit zum Gesetz der Gesellschaft machen. Algerien bietet sich an, diesen Unterschied zu zeigen.

Inwiefern?
Das Volk wurde in den 1990ern kollektiv Opfer der Islamisten. Ihre ersten Opfer sind nicht wir Westler, sondern die Muslime – in Algerien starben 200'000 in dem von den «Gotteskriegern» angezettelten Bürgerkrieg.

Sie vermitteln das Bild eines traumatisierten Volkes. Die 42-jährige Mounia aus der porträtierten Familie traut sich seit damals nicht mehr, auf Ämter zu gehen. Was lösen diese Schicksale bei Ihnen aus?
Das alles trägt schon zu meinem Wunsch bei, Algerien in Europa wieder in den Fokus zu heben. In den 1960ern war das Land ein Mekka der Linken aus aller Welt, schliesslich hatten sich die Algerier aus eigener Kraft von der Kolonialherrschaft befreit. Dann geriet Algerien aber in Vergessenheit. Über all diese Zeit habe ich eine besondere Liebe zum Land entwickelt. Es wurde solch ungeheuren Spannungen ausgesetzt – wohl deshalb sind die Menschen sehr politisch.

Hat die Arbeit am Buch Ihren Blick auf Algerien noch einmal verändert?
Nicht wirklich. Aber ich habe festgestellt, dass die Menschen vor der ökonomischen und politischen Stagnation vermehrt in eine rigidere Religiosität fliehen.

Wie äussert sich das?
Meine Freundin Djamila fasste es gut zusammen mittels der Diskussion ums Kopftuch und den Alkohol. Es gibt einen wachsenden Druck, keinen Alkohol zu trinken. Und islamistische Gruppen versuchen nicht nur an den Universitäten, Studentinnen zum Tragen des Kopftuches zu nötigen. Djamila und ihre Schwestern dachten in den 60ern und 70ern nicht im Traum an so etwas. Sie erlebten den grossen Aufbruch, den Wandel nach der Unabhängigkeit: Frauen trugen Miniröcke und hörten Rockmusik. Heute ist das mit dem Kopftuch widersprüchlich.

Was ist daran widersprüchlich?
Frauen aus konservativeren muslimischen Familien sind durch ihr Kopftuch freier. Während sie sich früher sehr wenig im öffentlichen Raum bewegten, sieht man sie heute in der Hauptstadt Algier beim Flanieren, zusammen mit Begleiterinnen ohne Kopftuch.

Es ist also alles etwas komplizierter.
Mich hat die Toleranz des Nebeneinanders überrascht. Mehrfach habe ich in Algier mit solchen Freundinnen gesprochen, die eine mit Kopftuch, die andere mit offenem Haar. Sie alle sind ganz selbstverständlich miteinander befreundet.

Auch in «Ihrer» Familie gibt es Gegensätze: Akila trägt Kopftuch, bei Djamila hängt noch immer Che Guevara an der Wand, die 24-jährige Sarah lebt zwischen Instagram und Stagnation. Ist diese Kluft spürbar?
Ja, aber gleichzeitig leben die Generationen selbstverständlicher miteinander, als wir das gewohnt sind. Die Jungen haben grossen Respekt für die Älteren – auch, weil sie um Algeriens Geschichte wissen. Und die Älteren blicken höchstens amüsiert, wenn die jungen Frauen mit High Heels rumstolpern. Es gibt kein gegenseitiges Belehren, das gefällt mir sehr an dieser Familie.

Sie sind 25 Jahre mit dieser Familie befreundet, kennen drei Generationen. Welche Rolle kommt Ihnen zu?
Ich habe natürlich einen grossen Stein im Brett, weil ich als Retterin von Djamila gelte. 1994 holte ich sie nach Köln, als die Islamisten in Algerien anfingen, Journalisten zu ermorden. Heute erzählen mir die Familienmitglieder oft Dinge, die sie untereinander gar nicht besprechen. Der 37-jährige Ghanou zum Beispiel war es nicht gewohnt, dass man mit einer Frau in meinem Alter nicht nur respektvoll plaudern, sondern auch leidenschaftlich diskutieren und tanzen kann.

Ghanou nimmt im Buch eine zentrale Rolle ein.
Ja, weil ich ihn mag. Er ist sehr fromm, aber gleichzeitig offen und wissbegierig. In der Familie weiss man, dass ich Feministin bin. Das hat ihn interessiert. Gleichzeitig habe ich mich auch immer mit ihm beschäftigt. Ich kritisiere ja schon lange den politischen Islam. Aber seit ich Ghanou kenne, frage ich mich immer: Kann ich das so schreiben, oder würde es meinen algerischen Freund verletzen? Ghanou ist mein innerer Gradmesser geworden.

Ghanous Geschichte macht einen auch nachdenklich: Seine Ehe mit der modernen Djalila etwa scheitert.
Auf der einen Seite war da Ghanou, der hoffte, dass sie eines Tages «freiwillig» das ­Kopftuch trägt, wie er sagt. Auf der anderen ­Seite war da Djalila, die mir zuflüsterte, sie wolle noch keine Kinder und mache am liebsten Urlaub in Frankreich. In meinen Augen manifestierten sich da auch die Probleme der strikten Geschlechtertrennung und Sexualität. Ein ernsthafter, frommer Mann wie Ghanou hat wenig Erfahrung mit Frauen – für ihn sind sie fremde Wesen. Folglich fällt es ihm vermutlich schwerer, sie richtig einzuschätzen. Algerien braucht dringend eine Frauenbewegung! Nicht nur, damit die rechtlich unmündigen Frauen endlich gleiche Rechte bekommen, sondern auch, damit die Männer die Chance haben, Frauen als Menschen zu sehen.

Lesung «Meine algerische Familie» mit Alice Schwarzer
Montag, 23. April 2018, 20 Uhr
Kosmos, Lagerstrasse 104, www.kosmos.ch
Eintritt 30/24 Franken

Erstellt: 23.04.2018, 13:24 Uhr

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Alice Schwarzer

Die 75-Jährige ist deutsche Journalistin und Feministin. In «Meine algerische Familie» (Kiepenheuer & Witsch) porträtiert sie eine Grossfamilie in Algerien, mit der sie seit 25 Jahren befreundet ist. Gespräche mit ihrer Journalistenfreundin Djamila, mit dem 37-jährigen Ghanou oder der 24-jährigen Sarah bieten einen Blick in Algeriens Geschichte und Gesellschaft.

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