Belgard ist überall

Die Familie der Schauspielerin Nikola Weisse musste im Zweiten Weltkrieg die Flucht ergreifen. In «Vaters Aktentasche» erzählt sie ihre Geschichte.

«Eigentlich weiss ich wenig. Ich kann nur sagen: Ich war dabei.» Nikola Weisse und ihr Archivar Thomas Gamma.

«Eigentlich weiss ich wenig. Ich kann nur sagen: Ich war dabei.» Nikola Weisse und ihr Archivar Thomas Gamma.

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Theater Auf der Bühne Nikola Weisse: Sie ­erinnert sich. Mit ihr am Tisch ein Archivbeamter: Er verwaltet die Fundstücke. Im Hintergrund ein Musiker: Er spielt die Interviews ein und macht die Musik und die Geräusche. Das ist die ­Anlage für das Stück «Vaters Aktentasche», das von der Flucht der Familie Weisse in den letzten Tagen des Kriegs aus Pommern erzählt; mittendrin die kleine Nikola, damals vier Jahre alt.

Wir hören die Stimmen aus der Vergangenheit. Die Reise beginnt in Belgard am 3. März 1945 um 11 Uhr in der Nacht, sie führt über ­Kolberg, Swinemünde, Bremen, Nordhausen bis auf Schloss Mansfeld, wo die Weisses eine erste Bleibe finden. Viele weitere Fluchten werden folgen. «Wenn ich die Bilder von Flüchtlingen heute sehen, erkenne ich mich darin», sagt Nikola Weisse. Belgard ist überall: in Syrien, Eritrea, im Irak.

Schwache Erinnerungen

Ihr selber sind keine Bilder der Flucht in Erinnerung geblieben. «Eigentlich weiss ich nur wenig. Ich kann nur sagen: Ich war dabei. An Belgard zum Beispiel erinnere ich mich gar nicht. Aber das hat ja auch was Gnädiges, das Vergessen.» Solche Sätze sagt Nikola Weisse auf der Bühne, und der Koffer, der sie auf der letzten Flucht begleitet hat, steht auf der Bühne.

Über die Erinnerung und das Vergessen spricht sie auch nach der Probe, in einem kleinen Hinterzimmer des Theaters Winkelwiese. Durchs Fenster weht die Luft eines späten Sommertags. Und ja, auch vom Glück ist die Rede.

«Wir haben einfach Glück gehabt, wir haben ja alle überlebt», sagt Nikola Weisse. In den ­letzten 50 Tagen des Kriegs sind ja nochmals so viele Menschen umgekommen. Die Welt war vollkommen aus den Fugen, jede Ordnung löste sich auf, innerhalb von Stunden war alles aus und vorbei – «und mittendrin hüpft sozusagen unsere Familie». Dieses Stück ist eine Art Kaleidoskop, man kann die Geschichte drehen und wenden, und immer fügen sich die Stücke der Erinnerung in ein anderes Bild – «du kuckst mal von der einen Seite und mal von der anderen».

Persönliche Geschichte

Das Glück ist aber Nikola Weisse selbst, wie sie vom Krieg, von ihrem Vater und ihrer Mutter, von ihren Geschwistern erzählt – und auch von sich selbst. Denn bald ist keiner mehr da, der noch dabei war. Und mehr: «Ich wollte wieder etwas Persönliches machen, meine Projekte haben ­immer einen kleinen biografischen Anteil.

Einmal habe ich für das Theater ein Solo gemacht über eine russische Bäuerin, die in der zaristischen Zeit nach Sibirien verbannt wurde. Am Schluss sagte man mir: ‹Das nächste Mal setz dich hin und erzähle deine eigene Geschichte.› Jetzt bin ich in einem Alter angelangt, wo ich meine Geschichte erzählen will.»

Wandeln auf einer Landkarte: Nikola Weisse rekonstruiert die Geschichte.

Andere haben sie nicht so erzählen können. Denn wer diese Geschichten aus dem Krieg ­erzählt, wird vielleicht die Erfahrung machen, wie es ist, wenn Tote ins Leben zurückkehren. «Wir sind Kinder dieser Zeit. Und haben selber Kinder. Oder sogar Enkelkinder. Wenn man mit ihnen über die Zeit redet, kann man sich immer mehr davon lösen.» Nikola Weisse war viel unterwegs in ihrem Theaterleben, von der Schaubühne Berlin über Basel bis zum Theater Neumarkt in Zürich.

Den Koffer ihrer Flucht hat sie immer bei sich gehabt. Jetzt steht er auf der Bühne. «Ich bin ja schon angekommen in der Schweiz und habe hier viele Freunde, das Land empfinde ich als Schutzraum», sagt Nikola Weisse. Doch das Gefühl der Un­behaustheit ist geblieben.

Sa 21.9. — 20 Uhr
Theater Winkelwiese
Winkelwiese 4
Eintritt 33 / 20 Franken
Die Premiere ist ausverkauft, weitere Vorstellungen bis 26.10.
Kostenlose Kinderbetreuung am 20.10.
www.winkelwiese.ch

Erstellt: 19.09.2019, 10:24 Uhr

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