Besser zaubern mit IV-Berechtigung

Das Hora-Theater nimmt sich des Medea-Stoffes an. Und kocht auf der Bühne Spaghetti. Ein Probenbesuch in der Roten Fabrik.

Der Stoff, aus dem die grossen Geschichten sind: Das Theater Hora in «Medea»-Montur.

Der Stoff, aus dem die grossen Geschichten sind: Das Theater Hora in «Medea»-Montur.

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Zuerst gehts um das Bolo-Problem. Zu den Spaghetti in der griechischen Tragödie kommen wir erst später. Erster Schauplatz ist also das Ziegel Oh Lac, die Beiz der Roten Fabrik, dort isst die Medea-Crew des Theaters Hora vor der Probe Zmittag. Anstatt der bestellten Spaghetti bolognese bekommt die künstlerische Leiterin Nele Jahnke die Napoli-Version auf den Tisch serviert, wie überhaupt an diesem Tag alles durcheinandergeht. Nele Jahnke lässt sich aber vom Chaos drumherum nicht kirre machen, sie lenkt jeden Teller in die richtige Bahn. So bekommen alle Horas, was sie wollten. Bolo-Problem gelöst.

Jetzt zum richtigen Theater. «Medea, die» heisst die neue Produktion des Theaters Hora. Medea, klar, ist die Figur aus der griechischen Sagenwelt; sie ist eine zauberische Prinzessin aus Kolchis, die den Mond und die Sterne in ihrem Lauf aufhalten und Wälder versetzen kann. Und ja, neben dem ganzen Weltenumlenken hat diese Medea Iason das Goldene Vlies verschafft, womit eben die ganze Tragödie beginnt: über die Verletzungen, die eine Liebe hervorbringen kann.

Was ist aber mit dem «die»? Vielleicht hat es – englisch: to die – mit dem Sterben zu tun, sagt Nele Jahnke. So klar ist das aber nicht. Denn die Horas machen jeden Stoff, so schwer er auch ist, quicklebendig. Das ist die Qualität ihres Theaters. «Disabled Theater», behindertes Theater, das war der Titel, den der französische Choreograf Jérôme Bel seinem Stück mit dem Hora-Ensemble gegeben hat. Diese Produktion wurde 2012 zum Berliner Theatertreffen eingeladen und tourte durch die Welt.

Das war sicher ein Höhepunkt in der 27-jährigen Geschichte der Truppe, neben Milo Raus Inszenierung von «120 Tage von ­Sodom (2017) im Schauspielhaus Zürich. Die Behinderung – beschäftigt sind im Theaterensemble 18 Menschen mit IV-Berechtigung – ist im neuen Stück nicht das eigentliche Thema. «Das Theater Hora betrachtet seine Schauspielerinnen und Schauspieler weder als Pflegefälle noch als Klienten, sondern als unverzichtbare, einzigartige und künstlerische Mitarbeitende voll innewohnender Möglich­keiten», heisst es im Leitbild. Man könnte auch sagen: Sie wissen, was es heisst, den Alltag zu meistern. Deshalb können die Horas auch so gut Theater.

Ein Theater in der Wirklichkeitsform ist auch diese «Medea»-Adaption. Regie führen Katharina Cromme, Leonie Graf, Phil Hayes, sie haben die Wege durch diese Stück-Landschaft ­vorgespurt. Die Hora-Schauspieler setzen mit ihrer Präsenz ganz eigene Punkte, jeder für sich und alle zusammen im Chor.

«Wir versuchen durchzurocken», sagt Nele Jahnke am Anfang der Probe zu den Spielerinnen und Spielern. Es ist der erste Durchlauf. Und da kann noch vieles passieren, was nicht passieren soll. Aber eigentlich gehören solche Sachen immer zum Spiel. Nur ein Beispiel: Medea bekommt Gehör­pfropfen, weil ihr die Musik zu laut ist. Was für ein berührendes Bild über eine Welt, deren Geschrei nicht auszuhalten ist. Dann werden auf der Fabriktheater-Bühne auch Spaghetti gekocht, es ist quasi der Medea-Ziegel Oh Lac-Moment. Und wenn auch die Teigwaren recht versalzen sind, werden sie doch gegessen. Keine Tragödie. Auch kein Chaos. Die Horas sind eben Profis.


Theater Hora

Das Zürcher Theater Hora ist eine der bekanntesten freien Tanz-, Theater- und Performance-Gruppen der Schweiz. Die Gruppe arbeitet regelmässig mit bedeutenden Künstlern und Kollektiven zusammen – im lokalen und auch internationalen Kontext. Gleichzeitig ist das Theater Hora eine Kulturwerkstatt für Menschen mit einer IV-zertifizierten «geistigen Behinderung» und als solche seit 2003 Teil der Stiftung Züriwerk.


Fabriktheater
Seestr. 395
Sa 15.2., 20 Uhr (Premiere, ausverkauft), Di 18.2./ Mi 19.2., 20 Uhr
Bis So 23.2.
Publikumsgespräch Fr 21.2.
Eintritt 31 Franken
www.rotefabrik.ch

Erstellt: 15.02.2020, 09:18 Uhr

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