«... dann macht sie es auch ohne Gummi»

Wie soll unsere Gesellschaft mit Prostitution umgehen? Und warum kaufen sich Frauen keinen Sex? Dazu «Rotlicht»-Autorin Nora Bossong.

Sittenbild aus dem Puff. Was aber dahintersteckt, interessierte die Autorin viel mehr.

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Beim Wort «Rotlicht» hat jeder sofort bestimmte Bilder im Kopf. Sind Sie während Ihrer Erkundungen auch auf Orte gestossen, die ganz anders waren als erwartet?
Das Sexkino hat mich überrascht. Ich hatte die naive Vorstellung, man gehe dorthin, um sich tatsächlich einen Porno auf einer Leinwand anzuschauen. Aber es ist ja eigentlich klar, dass das in Zeiten der Internetpornografie nicht mehr der Grund sein kann. Stattdessen wurde dort in einem der Räume live relativ extremer, orgiastischer Sex praktiziert, bei dem es mir schon mulmig wurde. Andere Orte widersprachen aber auch gar nicht so sehr meiner Vorstellung. Das Laufhaus, in dem ich war, sah auf den ersten Blick zum Beispiel aus wie erwartet: Flure, dahinter Zimmer. Aber es waren dann die Details, die Brüche oder Irritationen, die diesen Ort greifbar machten: das Teelicht, das noch einen Rest an Behaglichkeit ausstrahlen sollte, aber total verloren wirkte an diesem ansonsten auf die Verrichtung ausgerichteten Ort. Oder die Bibel, in einem Plastikumschlag, die dort auf dem Tisch lag.

Gab es Orte, die auf Sie weniger Eindruck gemacht haben als gedacht?
Der Swingerclub wirkte auf mich wie das Gegenteil von Libertinage. Man sass da wie am Pool irgendeines Ibis-Hotels auf Lanzarote. Alle hatten Handtücher um, sogar in der Sauna. Das war eher wie in einer Schrebergartensiedlung. Vielleicht finden in Schrebergartensiedlungen sogar die wilderen Sexpartys statt.

Sie analysieren in Ihrem Buch alle Orte distanziert, aber beim Thema Prostitution ist Ihre Skepsis besonders stark. Ihre Meinung verändert sich im Laufe der Recherchen von einer liberalen Haltung zu einer durchaus kritischen. Wie kam es zu diesem Wandel?
Vor zwanzig Jahren wurde in einem kleinen Bordell mit einem Freier unter 200 Euro gar nicht verhandelt. Heutzutage kann man auf dem Strich für 30 Euro Sex bekommen. Das hat unter anderem mit der raschen Erweiterung der EU zu tun und dem so entstandenen Wohlstandsgefälle. Diese Dumpingpreise haben einen Verfall des Respekts mit sich gebracht. Eine zuständige Behördenmitarbeiterin erzählte mir, dass es Männer gibt, die wissen: Diese Frau ist drogensüchtig, die braucht ganz schnell ihren Schuss. Jetzt nimmt sie noch 40 Euro, aber ich lasse sie noch einmal zehn Minuten warten, dann ist sie so hibbelig, dass sie es auch für 30 macht. Und wenn ich noch einmal fünf Minuten warte, dann macht sie es auch ohne Gummi. Wie hier die Notlage von Menschen ausgenutzt wird, ist einfach nicht hinnehmbar.

Sie haben mit einer Lobbyistin der Sexarbeitsbranche gesprochen, aber die Figur der selbstbewussten, selbstbestimmten Prostituierten kommt in Ihrem Buch nicht vor. Sind Sie ihr nicht begegnet?
Ich habe eine Sexarbeiterin getroffen, die ein eigenes Studio betreibt und die mir erzählte, dass sie ihre Arbeit gerne mache. Aber ich hätte es überrepräsentiert gefunden, wenn ich noch ein ganzes Kapitel über eine solche Frau geschrieben hätte. Denn das war eine Ausnahme. Es ist schon eine Ausnahme, überhaupt auf deutsche Frauen zu treffen. Die meisten der Frauen, die ich in den Bordellen oder auf dem Strassenstrich getroffen habe, waren von irgendwoher nach Deutschland gezogen und haben ihre Arbeit entweder aus Geldnot gemacht oder aus noch weniger erfreulichen Gründen.

Wie sollte unsere Gesellschaft denn Ihrer Meinung nach mit Prostitution umgehen?
Ein reines Prostitutionsverbot wäre vermutlich nutzlos, es würde nur bewirken, dass die Branche in eine Schattenzone abwandert. Allein juristisch lässt sich das Ganze aber auch nicht klären, sondern es braucht mehr Debatten dazu. Man muss deutlich machen: Es ist nicht legitim, eine Frau zu behandeln, als wäre sie ein ausgeliehener Akkuschrauber, den man mal für 30 Minuten benutzt. Die Menschen tun so, als würde sie das Thema nicht betreffen, aber wenn ich in diese Etablissements gehe, sind da Männer aus jedem Milieu. Da sind der gut verdienende Akademiker und der Mann, der sich den Besuch von der Sozialhilfe abspart.

Sie schreiben in Ihrem Buch: «Wer lernt, dass der eigene Drang, Lust auszuleben, niemals unbefriedigt bleiben muss, der verfügt über eine Gewissheit und Überlegenheit, die er ausspielen kann.» Wo sehen Sie im Alltag Spuren dieser Überlegenheit?
Zum Beispiel im Beziehungsfeld. Wenn einem Mann die Ressource Sex immer zur Verfügung steht, hat er innerhalb einer Beziehung einfach andere Machtvoraussetzungen. Das heisst, eine Frau kann unter Umständen zehn Jahre in einer sexlosen Beziehung leben, während ihr Mann sich das, was eigentlich in dieser Beziehung vorhanden sein sollte – oder zumindest verhandelt werden sollte –, ganz bequem irgendwo anders holen kann. Wenn das eine Geschlecht Zugang zu einem so wichtigen Bereich unseres Lebens hat und das andere für diesen Zugang immer etwas tun muss – sich hübsch machen, das Frühstück machen, nett sein, sich anbieten –, dann ist hier einfach ein Ungleichgewicht vorhanden.

Warum gibt es so wenige Frauen, die sich Sex kaufen?
Seit Jahrhunderten herrscht in unserer Gesellschaft das Idealbild einer tugendhaften, enthaltsamen und dadurch moralisch integeren Frau vor. Etwas, was sich so lange tradiert hat, wird man nicht so schnell umkrempeln. Man sieht das auch daran, wie unterschiedlich Frauen und Männer beigebracht bekommen, mit ihrer Sexualität umzugehen. Bei Mädchen hat das sehr viel mehr mit Schutz zu tun, nach der Devise: «Pass bloss auf.» Bei Jungen steht eher das Erobern im Mittelpunkt. Ich habe mit einer Frau geredet, die Tantramassagen anbietet. Das hat aus meiner Sicht nichts mit Prostitution zu tun, dort werden einfach warme, ruhige Orte für Sexualität geschaffen. Aber auch hier hat es grosse Überzeugungsarbeit gekostet, bis sich ein paar Frauen dort überhaupt mal hintrauten. Sie hatten immer noch das Gefühl, so etwas ist seltsam, es steht allein Männern zu.

Kann man sagen: Wenn das Sexgewerbe sich für weibliche Kunden öffnet, würde das die Spielregeln dort zum Positiven verändern?
Das wäre sehr wünschenswert. Man sieht es ja auch bei der Pornografie. Wenn man etwa Erika Lust betrachtet, eine der bekanntesten feministischen Pornoregisseurinnen: Das ist eine ganz neue Ästhetik, hier werden Rollenbilder aufgelöst. Das ist noch nicht so Mainstream wie Youporn, aber trotzdem setzt es etwas in Bewegung. Ich kenne auch viele Männer, die lieber so einen Erika-Lust-Film gucken als das stupide Gerammel auf Youporn.

Sie stellen am Ende Ihres Buches fest, dass sich während der Recherchen Ihr Blick auf Ihre Umwelt veränderte. Was ist da mit Ihnen passiert?
Es lag vor allem an der stetigen Konfrontation mit diesem Thema. Allein schon, wie viele Menschen ich nackt oder beim Sex gesehen habe. Es macht schon einen Unterschied, ob man etwas leibhaftig vor sich sieht oder einen Clip im Internet anschaut. Diese Bilder sind auch noch da, wenn man wieder zu Hause ist. Ich bin sogar für eine Woche in ein Kloster gegangen, weil ich dachte, ich muss jetzt mal komplett meine Ruhe haben. Dann sass ich dort in der Kirche, schaute am Jesus hoch und sah auf einmal nur noch einen nackten Mann. Selbst da war also diese stetige Übersexualisierung nicht abzustellen.

Sind die Bilder dann irgendwann wieder verschwunden?
Sie sind zumindest nicht mehr so präsent. Ich bin jetzt wieder in meinem vertrauten Alltag angekommen, aber natürlich hat mich diese Zeit verändert. Diese krassen Irritationen, die mir begegnet sind, waren nicht schön, aber sie haben bewirkt, dass ich über einige Dinge intensiver nachgedacht habe. Fragen nach Würde und Respekt musste ich mir neu stellen, aber auch das, was ich selbst unter Intimität verstehe, ist auf den Prüfstand gekommen. Dadurch weiss ich heute ?genauer, welche Form der Intimität ich mir selbst wünsche.

Mittwoch, 20 Uhr, Alter Botanischer Garten. Moderation: Guido Kalberer («Tages-Anzeiger») Im Anschluss live vertonte Sexfilme aus der Stummfilmzeit.

Open-Air-Literaturfestival Mo 3.7.– So 9.7.

(Zueritipp)

Erstellt: 29.06.2017, 07:21 Uhr

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Die Schriftstellerin Nora Bossong stellt in ihrem Reportageband «Rotlicht» (Hanser, München 2017, 240 S., ca. 29 Fr.) die Kernfrage: Wie verändert sich das Erleben von Sexualität, wenn man Geld dafür bezahlt? Die 35-Jährige lebt heute in Berlin, sie debütierte 2006 mit dem Roman «Gegend».

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