«Darüber kannst du nicht sprechen»

Am Tanzfestival Steps untersucht Crystal Pite, was mit Menschen nach einem Trauma geschieht. Im Interview erzählt die Choreografin, was es bedeutet, ein Kind zu verlieren.

Crystal Pite bei Probearbeiten im letzten Winter im Opernhaus.

Crystal Pite bei Probearbeiten im letzten Winter im Opernhaus. Bild: Gregory Batardon

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«Betroffenheit» begann mit der persönlichen Tragödie von Mitschöpfer und Autor Jonathon Young. Er verlor seine Tochter, seine Nichte und seinen Neffen in einem Feuer. Was erzählen Sie davon auf der Bühne?
Das Stück folgt der Geschichte eines Protagonisten; sie ist fiktiv und zugleich real. Hauptinspiration war das eigene Erlebnis von Jonathon Young, der Tod seiner Tochter. Die Show zoomt aber aus dem persönlichen Setting raus. Sie fragt und erzählt aus einer universellen und metaphorischen Perspektive. Was ist Betroffenheit? Wie gehen wir mit Schicksalsschlägen um?

Die Hauptfigur in «Betroffenheit» kämpft auch mit der Sucht und versucht, sich emotional in ihrem neuen Leben zurechtzufinden. Wie gehen Sie selbst mit dieser Grenzerfahrung im Stück um?
Wir beleuchten, wie Schicksalsschläge und Sucht oft Hand in Hand gehen. Wir fragten uns, wie wir Drogenmissbrauch auf der Bühne darstellen könnten. Und mit welcher Droge versucht unser Protagonist seinen Schmerz zu lindern? Wir haben uns für die Droge «Showtime» als Symbol für Sucht entschieden. Die Sucht als eine Show in der Show, ein Stand-in, das für den Protagonisten wie fürs Publikum eine verführerische und farbenfrohe Ablenkung ist. Doch mit der Zeit wird die Showtime selbstverständlich und damit gefährlich und zerstörerisch.

Viele Menschen sind mit einer trauernden Person überfordert. Woran liegt das?
Kein Wort kann die Gefühle ausdrücken, die der Verlust eines Kindes mit sich bringt. Dieser Status des Schocks und der Verwirrung ist unübersetzbar. Es sind Gefühle über die du nicht sprechen kannst. Du bist in deinem Leben von diesem Schicksalsschlag gestoppt worden. Den Titel des Stücks fanden wir in dem auch im Englischen verwendeten deutschen Wort «Betroffenheit», und zwar im Buch der amerikanischen Regisseurin Anne Bogart: Betroffenheit als Raum einer verletzlichen Stille.

Sie sind Mutter eines siebenjährigen Sohnes. Wie beeinflusst Sie Ihr Muttersein bei Ihrer Arbeit als Choreografin?
Ich sehe alles auf eine andere Art. Für mich war Mutter zu werden, wie durch eine Pforte zu gehen und eine ganz neue Welt zu betreten. Alles hat einen Sinn, und ich spüre Emotionen viel stärker. Ich fühle mich verletzlicher, gleichzeitig bin ich sehr glücklich über diese Erfahrung. Es öffnet auch mein künstlerisches Denken. Doch bleibt mir viel weniger Zeit, um zu kreieren und über mein Schaffen nachzudenken. Das Muttersein bringt neue Herausforderungen mit sich.

Inwiefern fliessen diese starken Gefühle in Ihr Schaffen mit ein?
Betroffenheit ist für mich auch ein Zustand, der sich choreografisch im Tanz deutlich macht. Körper, die sich dehnen, zurückweichen, aufrichten, fallen oder wetteifern. All diese Bewegungen empfinde ich als einen Zustand und nicht als Tanzpositionen. Unsere ganze Bewegungssprache ist eine Serie von Zuständen und einer unbeschreiblichen Energie, die damit einhergeht.

Sie sind eine der wenigen Choreografinnen in der Ballettwelt, die für weltberühmte Ensembles arbeiten und gleichzeitig – mit Kidd Pivot – eine eigene Kompanie haben. Warum ist das Ballett hinter der Kulisse so männerdominiert?
Sie können sich vorstellen, dass in früher Kindheit viele kleine Mädchen mit Ballett anfangen, aber nur ganz wenige kleine Jungs. Diese neigen dazu, Aussenseiter und Querdenker zu sein. Sie sind willig, für ihren Traum zu kämpfen, vielleicht gegen den Willen ihrer Eltern. Diese Jungs müssen stark sein. Am Anfang sind sie einer von wenigen. Machen sie Karriere, sind sie plötzlich einer von vielen Tänzern eines Ensembles. Ich glaube, um zu choreografieren, braucht es gewisse Charaktertypen. Solche, die prädisponiert sind, auf Risiko zu spielen.

In der Tanzwelt gelten Sie als Forscherin. Sie interessiert Schwarmverhalten («Emergence», bis Ende Mai im Opernhaus) oder das Verhältnis des Individuums zur Gruppe. Welche Interaktionen haben Sie in «Betroffenheit» entdeckt?
Jonathon Youngs Figur ist die Verbindung zu den fünf Tänzerinnen und Tänzern. In der Show ertönen ganz viele Stimmen, aber alle sind seine Stimme. Diese kommt live aus seinem Körper, doch auch aus einer Tür, einem Lautsprecher und aus den Performern. Wir wollten auf diese Art seine Geschichte dezentralisieren und durch die ?Köper verschiedener Menschen schwingen lassen. Wir wollen sie zu einer universellen Geschichte machen.

*Crystal Pite (47) ist eine kanadische Choreografin und Tänzerin. Mit vier Jahren begann sie zu tanzen, ihre erste Choreografie entwickelte sie mit 13 Jahren. Die heute 47-Jährige tanzte unter anderem für Starchoreograf William Forsythe am Ballett Frankfurt. 2001 gründete sie in Vancouver mit Kidd Pivot ihre eigene Tanzkompanie, mit der sie internationale Gastspiele gibt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 14.04.2018, 11:13 Uhr

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Liebe in verschiedenen Facetten ergründen Honji Wang und Sébastien Ramirez. Sie tauchen ein in unterschiedliche Stimmungswelten, zeichnen Machtstrukturen und Anziehungskräfte nach. Hier trifft Ballett auf Hip-Hop.
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Do 12.4.– Sa 5.5. www.steps.ch

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