«Speziell» gilt für ihn wie für niemanden sonst

Für Peter Greenaway sass Graham Valentine schon nackt auf einer Schaukel. Aber entdeckt hat Christoph Marthaler den polyglotten Schotten, der aktuell im Schiffbau spielt.

Steht wieder für Christoph Marthaler auf der Bühne: Graham Valentine.

Steht wieder für Christoph Marthaler auf der Bühne: Graham Valentine. Bild: Tanja Dorendorf/T+T Fotografie

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Niemand kann so wunderbar ausrasten wie Graham Valentine. Wer Christoph Marthalers legendäres Stück «Lina Böglis Reise» gesehen hat, wird nie vergessen, wie Valentine darin den Song «Mad Dogs and Englishmen» recht konventionell anstimmte, dann aber in kreischenden Wahnsinn kippen liess. Grenzüberschreitungen hätten ihn schon immer interessiert, sagt der 1949 geborene Schotte. «Ich brauche aber einen Regisseur, der solche Dinge aus mir herauskitzelt.»

Dies tat Christoph Marthaler schon, als die beiden einander im Jahr 1969 kennen lernten. Valentine kam damals als Austauschstudent von der Universität Aberdeen nach Zürich, um sein Germanistikstudium fortzusetzen.

Er spielte das Jesuskind und das Schaf

Er logierte just in dem Studentenhaus, das die Eltern Mar­thaler führten. Und unter der Regie des 18-jährigen Christoph greinte der 20-jährige Graham bei einem Krippenspiel nicht nur als Jesuskind, sondern blökte auch als Schaf. Beide machten in der Folge eine Ausbildung beim Pantomimen und Theaterpädagogen Jacques Lecoq in Paris.

1980 las Valentine in Marthalers «Indeed» unter anderem den Prospekt des Luzerner Hotels Château Gütsch. Es ging danach bankrott. Zu Marthalers Lieblingsausdrücken gehörte damals «sehr speziell», und das gilt für Valentine wie für niemanden sonst.

Sprechen kann er!

Steht der 1,90 Meter grosse dürre Mann mit dem langen rot gefärbten Haar und der metallischen Stimme auf einer Bühne, kann man kaum den Blick von ihm wenden. Und sprechen kann er! Deutsch, Englisch, Französisch und Italienisch werden glasklar artikuliert.

«Mit Graham ein Theaterstück zu proben, ist wie mit einem Zeitreisenden in die Ferien zu fahren.»Thom Luz übe Hraham Valentine

Als er für den Filmregisseur Peter Greenaway in «The Baby of Mâcon» nackt auf einer Schaukel sass, störte ihn nur, dass der grossen Kälte wegen sein bestes Stück auf unansehnliche Dimensionen zusammenschrumpfte. Sonst aber würde er gern wieder mit diesem Ironiker und Bilderschöpfer drehen.

Ausser Barbara Frey, Christoph Mar­thaler und verschiedene Opernregisseure arbeiten auch jüngere Theatermacher gern mit ihm, zum Beispiel Thom Luz: «Mit Graham ein Theaterstück zu proben, ist wie mit einem Zeitreisenden in die Ferien zu fahren. Graham ist gleichzeitig immer in mehreren Welten zu Hause und kann von all diesen Welten ein Liedchen singen.» Liedchen singt er jetzt auch in Christoph Marthalers neuem Stück «44 Harmonies», und einmal mehr: sehr speziell.

Mi — 20 Uhr
Schiffbau, Halle
Schiffbaustr. 4
Eintritt ab 50 Franken
www.schauspielhaus.ch Bis 9.1.2019

(Züritipp)

Erstellt: 29.11.2018, 11:43 Uhr

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Der Amerikaner John Cage (1912–1992) liess beim Komponieren gern den Zufall walten, war ein Freund der Stille – und der Pilze. Und so werden in der neuen Produktion von Christoph Marthaler zu den, von vier Cellistinnen gespielten, Wagner-Klängen Pilz­namen heruntergebetet. Und das textliche Spektrum reicht von Gertrude Stein bis Beatrice Egli.

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