Die aufstrebende Musical-Stadt Zürich

«The Book of Mormon» kommt in die Stadt. Und auch sonst wird in Zürich immer mehr gesungen und getanzt.

Feiert nun in Zürich Premiere: «The Book of Mormon».

Feiert nun in Zürich Premiere: «The Book of Mormon». Bild: Paul Coltas

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Was für ein Programm für diese Saison! Da war zuerst im Theater 11 «The King and I», der Hammerstein/Rogers-Klassiker aus den Fünfzigern. Jetzt kommt «The Book of Mormon», die Sensation aus New York und London. Es sei das beste Musical des Jahrhunderts, «naughty and nice», hat die «New York Times» dazu geschrieben.

Vielleicht stimmt das nicht so ganz, denn das Jahrhundert dauert noch eine Weile. Bestimmt aber kann man sagen: Dieses Stück ist das lustigste Musical aller Zeiten. Und schon angesagt sind für das nächste Jahr zwei andere Blockbuster: «Les Misérables» und «The Bodyguard». Was, bitte, ist da los? Ist Zürich jetzt zur Musicalstadt geworden?

Zürichs Broadway in Oerlikon

Wir stellen die Frage Angelo Stamera, Managing Director bei Freddy Burger Management (FBM). Seit 27 Jahren ist er im Unterhaltungs-Business dabei, sein erstes Musical war mit 18 «Chorus Line» in New York, erst später kam das Schweizer Gastspiel von «Cats» 1991 in Zürich-Nord dazu. Heute ist Stamera ein absoluter Spezialist auf dem Gebiet des Musicals, auch wenn er sagt, es sei sein Steckenpferd.

Jedenfalls: Ihm und Freddy Burger, dessen Firma notabene jetzt das 50-Jahr-Jubiläum feiert, ist zu verdanken, dass unser Broadway die Wallisellenstrasse in Oerlikon ist. Im Theater 11 wird gezeigt, was Furore in New York oder im Londoner West End macht. Okay, das dauert manchmal. Und es ist nicht immer einfach.

Von «The Book of Mormon» sagte man immer: Tolles Stück, aber zu schwierig, das Vokabular für Zürich. Denn da singen die Mormonen, die auf Mission in Uganda sind, schon mal: «Fuck you, God». Aber irgendwann ist der Moment da, wo alles passt. Schon sind zusätzliche Vorstellungstermine nachgeschoben worden – «aufgrund grosser Nachfrage».

Wird seit vielen Jahren aufgeführt: die Eröffnungsszene von «Book of Mormon». Video: YouTube/KevinPrice

Denn das Publikum ist da. Mit den englischsprachigen Musicals ist ein neues Segment hinzugekommen. In einem Jahr gehen in der Schweiz vielleicht rund eine halbe Million Menschen in ein Musical. Absoluter Rekord für ein Stück waren die 300 000 Besucher in acht Monaten Spielzeit bei «The Lion King» in Basel. Der Erfolg dieser Produktion hat auch einen potenten Fürsprecher eingebracht. Disney war Pate bei der Aufnahme von Freddy Burger Management in die Broadway League. FBM spielt als Schweizer Veranstalter in der obersten Liga.

«Wir können uns an eine Tour anhängen», sagt Angelo Stamera. So war es bei «The King and I», als die Londoner Produktion auf Tournee durch Grossbritannien ging. Und so ist es auch im Fall von «The Book of Mormon». «Ob von London nach Edinburgh oder Zürich ist kein grosser Unterschied», sagt Stamera. Indirekt ist das auch die Antwort auf die Frage nach der ­Musicalstadt Zürich.

Vor Flops nicht gefeit

Es ist wie beim Hollywoodkino. So ganz grosse Musicalproduktionen werden hier nur für eine gewisse Zeit übernommen. Aber auch das geht in die Millionen. Das Risiko muss gut abgeschätzt werden. Vier Produktionen in einer Saison in Zürich zu zeigen, ist ein Wagnis. «Wir sind nicht vor Flops gefeit», sagt Stamera. «Miss Saigon» zum Beispiel, in Grossbritannien ein super Erfolg, lief in Zürich nicht so gut. Wie übrigens auch das k.u.k.-Musical «Elisabeth» aus Wien. Das hiesige Publikum reagiert manchmal recht speziell.

Die Musicalwelt ist weit grösser, als sie in Zürich scheint: Das Stück «Cats», das hier den Anfang machte, prägt immer noch die Vorstellung des Genres. «The Book of Mormon» ist da schon heutiger. Sexy und ganz liebevoll gemacht. Alles in allem: beste Unterhaltung.

Ausgedacht haben sich die Satire auf die All American Religion und ihre Jünger die South-Park-Macher Trey Parker und Matt Stone. Wie in ihrer Animationsserie nehmen sie kein Blatt vor den Mund. Aber nicht nur Mormonen bekommen ihr Fett ab. Sondern eigentlich alle. Auch Gott. Und Menschen, die Musicals hassen.

«Wir sind keine Musicalstadt wie London, Hamburg oder Wien, Zürich ist eine Stadt, in der Musicals auch eine geringere Wichtigkeit haben, zum Beispiel für den Tourismus.»Darko Soolfrank

Sie müssen ja nicht grad in der Hölle schmoren, wie das Brexit-Betonkopf Nigel Farage in der UK-Fassung tut. Aber ein bisschen könnten die Menschen ihre fixen Vorurteile gegen das Genre kurieren. Nein, Musical ist keine Tralala-Unterhaltung. Nein, es geht nicht immer um putzige Katzen und den König der Löwen. In «The Book of Mormon» ist zwar das Echo auf das «Hakuna matata!» aus «The Lion King» zu hören, es klingt aber recht verdreht. Entzückt singen da die Missionare das Lied «Hasa Diga Eebowai» mit, bis sie merken, dass das eine fürchterliche Gotteslästerung ist.

Aber Zürich braucht gar keine Didaktik, um zu lernen, was das Musical zu leisten vermag. Denn im Kleinen funktioniert das Genre schon ganz gut: «Cabaret» im Bernhard-Theater, «Young Frankenstein» im Theater am Hechtplatz. Und schon ist Angelo Stamera wieder unterwegs, sich etwas Grosses anzuschauen. Und so kommen auch wir New York oder dem Londoner West End immer näher.

Doch wir gehen jetzt erstmal in die Maag-Halle und treffen Darko Soolfrank, er hat unter anderem das Schweizer Musical «Ewigi Liebi» produziert. Auch ein absoluter Experte. «Wir sind keine Musicalstadt wie London, Hamburg oder Wien, Zürich ist eine Stadt, in der Musicals auch eine geringere Wichtigkeit haben, zum Beispiel für den Tourismus.» Zum einen liege das an den Genen. Zum anderen an der fehlenden staatlichen Unterstützung.

«Wir haben, zusammen mit Freddy Burger, dazu beigetragen, dass die Akzeptanz des Musicals in der Schweiz erhöht wurde.»Darko Soolfrank

Musical ist in der Schweiz noch immer unsubventioniert. Und wird auch oft stiefmütterlich behandelt. London ist da ein Gegenbeispiel. Dort gibt es Schulen für den Nachwuchs. Und Musicals sind ein gesellschaftliches Thema.
Eines der ersten Musicals, das Darko Soolfrank gesehen hat, war «Cats», da hat ihn seine Mutter hingeschleppt. Ein Musicalmacher ist er dann geworden. In seinem Portfolio befinden sich «Space Dream», «Deep», «Die Schweizermacher», «Mein Name ist Eugen». Und eben «Ewigi Liebi». Das Musical war über Jahre der Mega-Hit mit 720 000 Besuchern.

«Wir haben, zusammen mit Freddy Burger, dazu beigetragen, dass die Akzeptanz des Musicals in der Schweiz erhöht wurde», sagt Soolfrank. Gut so. Was aber nicht erhöht werden kann, ist die Maag-Halle. «Wir müssen Sachen finden, die hineinpassen.» Das Musical in Zürich ist immer auch eine Frage der Grösse.

Di 10.12. — 19.30 Uhr / Mi 11.12. — 18.30 Uhr
Theater 11
Thurgauerstr. 7
Eintritt von 50 bis 150 Franken
Vorstellungen bis 5.1.
www.musical.ch

Erstellt: 04.12.2019, 16:35 Uhr

Artikel zum Thema

Die Mormonen kommen

Das Musical «The Book of Mormon» schafft das, woran das Subventionstheater fast immer scheitert: relevant zu sein und doch hoch unterhaltsam. Mehr...

«The Book of Mormon» räumt bei Tony-Gala ab

Die Schöpfer von «South Park» haben auch mit einem Musical Erfolg. «The Book of Mormon», das die Mormonen-Kirche unter die Lupe nimmt, hat bei den Tony-Preisen mehrere Preise gewonnen. Mehr...

Weitere Musicals in Zürich

Les Misérables
21.1. bis 23. 2. Theater 11
In 52 Ländern wurde dieser Titel schon gespielt, und das in 22 Sprachen. 120 Millionen haben dieses Musical, das 1985 in London Premiere hatte, schon gesehen. Nun kommt endlich die englischsprachige Fassung nach Zürich. Les Miz fürs 21. Jahrhundert.
www.musical.ch

Bodyguard
4.3. bis 13.4. Theater 11
Im Ohr natürlich ein Song: «I Will Always Love You». Aber da ist natürlich noch viel mehr. Und wenn der Film schon sehr romantisch war: Die Musicalfassung will noch viel romantischer sein. Noch glamouröser. Noch spannender. Und auf Deutsch.
www.musical.ch

Die kleine Niederdorfoper
Bis 1.3. Bernhard-Theater
Es ist die alte Geschichte: von Heiri, der das Kalb verkauft, und von den kleinen Leuten, die im Etablissement Lämmli für eine Nacht zusammenkommen und sich dann wieder verlieren. Dieses musikalische Lustspiel mit der Musik von Paul Burkhard ist die schweizerischste Variante des Musicals.
www.bernhard-theater.ch

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Kommentare

Blogs

Sweet Home Neue Farben am Matterhorn

Geldblog Werbeversprechen sind nie garantiert

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Ganz schön angeknipst: Ein Mitglied des Bingo Zirkus Theater steht anlässlich des 44. internationalen Zirkusfestivals in Monte Carlo auf der Bühne. (16. Januar 2020)
(Bild: Daniel Cole ) Mehr...