Die heilige Halle ist eröffnet

Das Stammhaus des Museums für Gestaltung hinter dem HB galt als Unort. Nach dreijähriger Renovation ist nun alles anders. Und doch so wie früher.

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Hinter vorgehaltener Hand nannte man ihn den hässlichsten Ausstellungsraum der Schweiz. Und es stimmt schon: Wer im Zürcher Museum für Gestaltung in den ersten Stock hochstieg, fand sich in einem fensterlosen, bedrückend niedrigen Saal wieder. Der Boden war mit muffigem Spannteppich überzogen, und egal, wie effektvoll man beleuchtete: Irgendwie wars immer höhlenartig düster. Den Raum zu bespielen, muss für jeden Kurator der blanke Horror gewesen sein.

Tempi passati. Über drei Jahre hat es gedauert und fast 17 Millionen Franken gekostet, aber: Zürich ist das wüste Ding endlich los. Stattdessen präsentiert sich der Hauptausstellungsraum des Museums luftig, lichtdurchflutet und drei Meter höher als zuvor. Die Zwischendecke, die in den 60er-Jahren eingezogen worden war und aus einem Raum zwei machte – einen gestauchten unteren und eben den hässlichen, zweiten, oberen –, ist weg. Und das Museumsinnere derart wiederhergestellt, wie es 1930 ursprünglich entworfen wurde: als hohe Halle, die, wenn man drinsteht, mit ihren Seitenschiffen und Oberlichtern an das Innere einer Kirche erinnert. Was natürlich kein Zufall ist.

Die Architekten Karl Egender und Adolf Steger, deren gemeinsames Büro in den 1920ern und -30ern DER Hotspot des Neuen Bauens in der Schweiz war (von Steger stammt u. a. das Casino am Zürichhorn, von Egender das Globus-Kaufhaus beim HB), wussten, dass sie hier etwas Revolutionäres bauten. Nachdem bei der Stadt der Wunsch aufgekommen war, der Kunstgewerbeschule ein eigenes Gebäude samt Museum bereitzustellen, und das Projekt mit sagenhaften 81,3 Prozent Ja-Stimmen vom Volk abgesegnet worden war, galt es, einen Wurf zu machen, der sich erstens klar vom bisherigen Unterrichtsort der Schüler unterschied: dem Landesmuseum mit seiner Märchenschloss-Ästhetik. Und der zweitens symbolisierte, dass Kunstgewerbe nicht bloss eine nette Spielerei war. Sondern ein Metier mit Anspruch auf Ernsthaftigkeit und Grösse. Und mit Blick in die Zukunft. Kurz, es musste etwas krass Modernes her: mit Flachdach, radikal schnörkellos – aber doch erhaben. Ein Mischding aus Industrieklotz und Tempel der stilvollen Innovation.

Und man muss zugeben, wenn man jetzt über den rostfarbenen Klinkerboden läuft, über den schon René Burri, Sophie Taeuber-Arp und Hans Finsler wandelten: Das hat schon einen sakralen Touch. Der Boden, übrigens, steht heute unter Denkmalschutz, wie alles andere in diesem Bau auch. «Sogar die Schrauben in den Fensterrahmungen sind geschützt», sagt beim Rundgang Christian Brändle, seit 15 Jahren Direktor des Museums, lachend. «Wo eine fehlte, mussten wir sie originalgetreu nachproduzieren lassen.» Seit seinem Amtsantritt hat Brändle bei der Stadt dafür geweibelt, dass man dieses «Dornröschen» von einem Haus, wie er es nennt, doch endlich wachküssen möge. Der Vergleich hat was: In diesen Mauern schlummert Designgeschichte. Adrian Frutiger, Erfinder der gleichnamigen Schrift, wurde hier ausgebildet; Kultdesigner Robert Haussmann, der mit seiner Frau Trix dem Shop-Ville seinen charakteristischen Schwarzweiss-Look verpasste, lernte hier von Bauhaus-Urgestein Johannes ­Itten. Und auch die Freitag-Tasche ist hier «geboren»: weil Markus, einer der beiden Freitag-Brüder, hier die Schulbank drückte.

Es versteht sich von selbst, dass die Kult­tasche heute Teil der Museumssammlung ist – zusammen mit 500 000 weiteren Stücken aus Mode-, Möbel-, Gebrauchs- und Grafikdesign. Dass man die vor dem Umbau nur vereinzelt im Rahmen von Themenausstellungen zu sehen bekam – eigentlich ein Skandal. «Immer wieder kamen Touristen nur wegen der berühmten Sammlung zu uns», erzählt Brändle, «und mussten dann enttäuscht wieder abziehen.» Nun haben 2000 Exponate einen fixen Platz in der neu eingerichteten permanenten Sammlungsausstellung erhalten, für die im Soussol ein ehemaliges Lager weichen musste. Sie ist ebenso kompakt wie clever konzipiert, inklusive einer eigenen App; Design-Fans werden damit gut und gerne für ein paar Stunden bei der Stange gehalten.

Und anschliessend? Kann man auf der Galerie in der ebenfalls neuen «Swiss Design Lounge» in Möbelklassikern aus hiesiger Produktion chillen. Oder picknicken. Keine Angst, dass mal was daneben geht? Brändle zuckt mit den Schultern. «Design ist dazu da, dass man darin lebt. Da gehören Flecken halt dazu.»

Nach der Siesta kann man sich entweder die aktuelle Sonderausstellung anschauen, die ab sofort alle paar Monate in der restaurierten Haupthalle ausgewechselt wird (siehe Box). Oder man zieht weiter ins Toni-Areal, wo das Museum seit 2014 eine Zweitfiliale betreibt. Die bleibt weiterhin bestehen, auch jetzt, da das Mutterhaus wieder aufgeht. Einzig das Museum Bellerive, bis vor kurzem Satellit mit Schwerpunkt Kunsthandwerk, geht zurück an die Stadt – und wird 2019 als Architekturzentrum wiedereröffnet. Es bleibt also alles in Bewegung.

Umso schöner, dass manches bleibt, wie (und wo) es war. Zum Beispiel das Stück einer Originaltapete, das Ruggero Tropeano, seit den 90ern Hausarchitekt des Museums für Gestaltung, während der Sanierung gerettet hat. Nun präsentiert er es in einer Miniausstellung an der Stirnseite der Galerie, zusammen mit einem ausrangierten Geländer und ein paar Fotos aus der Zeit, als das Museum eben erst frisch erbaut war. Auf einer Luftaufnahme aus den frühen 30ern mutet das minimalistische Ding wie ein UFO an, das in einem beschaulichen Städtchen gelandet war.

Gibts ein Detail, das Tropeano, der das Haus kennt wie kein anderer, besonders am Herzen liegt? Der Architekt lacht. «Vielleicht die zwei Lampen, die im kleinen Vorraum zur Haupthalle hängen. Die haben wir auf alten Fotos entdeckt – und im Depot tatsächlich wiedergefunden.» Noch etwas? «Die wiederhergestellte Originalfarbgebung der Fensterrahmen. Vor der Renovation waren sie einheitlich dunkel. Nun ist die Seite, die nach innen zeigt, hell, die Aussenseite dunkel. So, wie es auch im Bauhaus in Dessau der Fall ist, übrigens.»

Sieht aus, als wäre Zürich nicht nur seinen hässlichsten Ausstellungsraum losgeworden. Sondern als hätte es zudem ein Stück Architekturgeschichte zurückgewonnen.

Museum für Gestaltung
Ausstellungsstr. 60
www.museum-gestaltung.ch

Fr ab 19 Uhr: Vernissage mit Ansprachen von Thomas D. Meier, Rektor ZHdK; Silvia Steiner, Regierungsrätin Kanton Zürich; Matthias Haag, Kantonsbaumeister Kanton Zürich, Christian Brändle, Direktor Museum für Gestaltung. Anschliessend Apéro, Bar, DJ.

Sa 10–18 Uhr: Im Stundenrhythmus Kurzführungen vor und hinter den Kulissen, diverse Workshops. Eintritt frei am Fr und Sa. Ab So 10 / 8 Franken.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.03.2018, 09:39 Uhr

Eröffnungsprogramm

Dieses Wochenende gibt das Museum für Gestaltung seinen historischen Standort hinterm HB ans Publikum zurück. In der Haupthalle, wo ab sofort Wechselausstellungen gezeigt werden, herrscht «Oïphorie»: Das Gastspiel des Westschweizer High-End-Designbüros Atelier oï wartet mit raumgreifenden Installationen auf und veranschaulicht den unkonventionellen, an Schwarmintelligenz erinnernden Kreativprozess, mit dem bei oï Produkte – u. a. für Nespresso und Louis Vuitton – entwickelt werden. Im Soussol gibts mit «Collection Highlights» endlich Einblick in die riesige Haussammlung: Aus einer halben Million Objekte aus den Bereichen Grafik, Plakat, Textil, Möbel- und Produktdesign wurde eine ordentliche Kostprobe zusammengestellt. Und gleich ums Eck zeigt die launige Mehrraum-Installation «Ideales Wohnen», wie Trendsetter in den verschiedenen Jahrzehnten seit 1930 ihre Stuben einrichteten.

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