Die alte Dame hat ein neues Gesicht

Dürrenmatt auf der Bühne: Katharina von Bock spielt im Theater Kanton Zürich Claire Zachanassian.

Die Frau im Spiegel: Katharina von Bock als Claire Zachanassian. Bild: T+T Fotografi/Toni Suter+Tanja Dorendorf

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Wie alt ist die alte Dame? «Ich bin nicht der Prototyp der alten Dame, da fehlen zwanzig Jahre», sagt Katharina von Bock, die in Elias Perrigs Inszenierung von Dürrenmatts Tragikomödie für das Theater Kanton Zürich nun die Claire Zachanassian spielt.

Man erinnert sich: Claire, in Güllen aufgewachsen und in ihrer Jugend unrechtmässig als Hure von dort verstossen, kehrt zurück und macht ein Angebot: eine Milliarde für Güllen, wenn jemand Alfred Ill, ihre erste Liebe, tötet. Es ist die alte Geschichte, Dürrenmatt hat sein Stück, das zu einem Welterfolg wurde, 1955 geschrieben, und der Blick auf diese Claire war recht fixiert.

Katharina von Bock, die in ihrem zweiten Stück am Schauspielhaus die Tochter von Ill spielte, sah selber, wie Maria Becker, damals 74, die alte Dame gab: voller Grandezza, mit einem Gefühl der Erhabenheit. In der Erinnerung ist diese Vorstellung recht gradlinig und glatt, quasi wie ein Dürrenmatt für die Schule. «Jetzt erlebe ich etwas Neues», sagt Katharina von Bock, «alles ist ungeheuer spannend.» Denn Regisseur Elias Perrig zeigt die Geschichte aus einer anderen ­Perspektive.

Es geht auch ums Klima

«Die Dame ist ein Monstrum», sagt Perrig. Wie eine Erscheinung tritt sie, die sich aus vielen künstlichen Teilen zusammensetzt, in Ills Träumen auf. Und da kommt es nicht draufan, ob die Frau 20 oder 120 ist. Denn sie manifestiert ein Gefühl. «Die Schuld tritt hier auf und sagt: Jetzt wird bezahlt.» Und die Schuld kommt natürlich, wenn man sie nicht erwartet – und das per ÖV: Claire Zachanassian lässt den Schnellzug in Güllen stoppen, wo seit langem kein Schnellzug mehr Halt macht. Es geht auch ums Klima.

Apropos Schuld: Sie trifft die ganze Gesellschaft. Und nichts ist da mit Verdrängung. Was man von sich abspaltet, geht nicht weg, sondern kommt immer wieder zurück und ist dann nicht mehr kontrollierbar. Dürrenmatts «Besuch der alten Dame» hat so mit der Zeit nichts von der Dringlichkeit eingebüsst. «Vielen Frauen ist eine solche Geschichte passiert», sagt Katharina von Bock. Nicht alle machen dann, wie Claire, Kleinholz aus den Männern, die sie missbrauchten oder verstiessen – und dann so tun, als sei überhaupt nichts Schlimmes passiert.

Mi 23.10. — 19.30 Uhr
Theater Winterthur
Winterthur, Theaterstr. 6
Eintritt 40–60 Franken
Weitere Vorstellungen 24.10. und 29.10., danach unterwegs im ganzen Kanton
www.theaterkantonzuerich.ch

Erstellt: 17.10.2019, 09:47 Uhr

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